Inhaltsverzeichnis
Das mache ich nun wirklich nicht mit, das sieht doch nicht gut aus!“ Diesen Gedanken hatten wir wohl alle schon einmal angesichts eines neuen Modetrends. Aber vermutlich haben sich viele dann doch, ein wenig kleinlaut, in einem Kleidungsstück wiedergefunden, das sie zuvor als hässlich abgetan hatten. Es ist wie mit diesen Songs, die man eigentlich furchtbar findet und die man schließlich doch mitsingt. Mit dieser Erfahrung sind wir nicht allein. Es gibt sogar einen Namen dafür: Der „Mere-Exposure-Effekt“ beschreibt das Phänomen, dass wir Dinge nach wiederholter Wahrnehmung positiver bewerten. Begegnen wir einem Trend also immer wieder oder hören wir einen Song häufig, gewöhnen wir uns daran. Was uns vertraut ist, vermittelt Sicherheit. Dieses einer Konditionierung ähnliche psychologische Prinzip macht sich die Werbung gezielt zunutze. Es prägt aber maßgeblich auch, was wir als ästhetisch wahrnehmen.
In der Mode lässt sich derzeit besonders gut beobachten, wie Kleidungsstücke, Schnitte, Stoffe und Kombinationen, die gemeinhin als hässlich gelten, plötzlich beliebt werden und sich – trotz anfänglicher Skepsis – rasant verbreiten. Labubus zum Beispiel, diese kleinen Plüschmonster. Oder Caprihosen. Oder zahlreiche Schuhmodelle. Crocs und sogenannte „Dad Sneakers“, also besonders klobige Turnschuhe, sind in den vergangenen Jahren zu begehrten Trendteilen avanciert. Die Crocs etwa werden von Prominenten wie Bad Bunny und Heidi Klum getragen und sind, nicht zuletzt nach einer Kooperation mit Balenciaga, vor allem unter jungen, modeaffinen Leuten besonders beliebt.
Im Fall der Umdeutung von „Dad Sneakers“ – gemeint sind damit Turnschuhe mit dicker Sohle und atmungsaktivem Material – spielten die „Scandi-Girls“, die in den vergangenen Jahren zum Stilvorbild schlechthin avancierten, eine bedeutende Rolle. Tipps, wie sich ihr Look nachahmen lässt, gingen schon häufig viral. Immer wieder waren Bilder von ihnen zu sehen, auf denen sie in ihren Outfits bewusst Stilbrüche begehen und beispielsweise romantische Kleider mit großen Taschen und uneleganten, klobigen Schuhen kombinieren.
Je häufiger allerdings solche Looks zu sehen waren, desto weniger fielen sie auf. Der Gewöhnungseffekt trat ein. Doch nicht nur die „Dad Sneakers“ wie die weißen New-Balance-Schuhe, die Ryan Gosling in einer Szene in dem Film „Crazy, Stupid, Love“ von 2011 Steve Carell wegnimmt, weil sie einfach nicht akzeptabel sind, gelten nun als cool. Auch „Tabis“, Schuhe mit Zehensteg von Maison Margiela, die lange als Nischenprodukt galten und von vielen als unästhetisch empfunden wurden, sind inzwischen im Mainstream angekommen.

So funktioniert Ugly Chic: Einzelne Kleidungsstücke, Accessoires oder Schuhe werden zunächst von wenigen getragen, die bewusst anecken, weil die Mehrheit die Teile als hässlich empfindet. Mit zunehmender Verbreitung werden sie jedoch immer sichtbarer, rutschen in den Mainstream und verlieren damit ihr aufrührerisches Potential. Für Modeinteressierte ist es deshalb entscheidend, den richtigen Moment und das richtige Momentum abzupassen: Wer ein vermeintlich hässliches Teil früh genug trägt, kann damit gezielt Individualität markieren. Gerade in einer Zeit, in der sich Stil durch soziale Medien global angleicht und unter dem Schlagwort „Normcore“ ein ästhetischer Einheitslook dominiert, gewinnt diese Strategie an Reiz. Aufmerksamkeit wiegt dabei oft schwerer als Gefälligkeit. Sobald solche Objekte jedoch im Mainstream ankommen, verlieren sie ihre Abgrenzungsfunktion. Das ließ sich zuletzt an den Labubus beobachten: Trotz ihrer vermeintlichen Hässlichkeit wurden sie innerhalb kurzer Zeit zum begehrten Sammlerstück und waren allgegenwärtig. Auffallen konnten die Besitzerinnen damit kaum noch.
Auf die Hässlichkeit der Labubus mit ihren verzerrten Fratzen konnten sich die meisten einigen. Doch nicht alle Ugly-Chic-Teile sind so eindeutig unästhetisch. Vielmehr entscheidet ihre Bedeutung – etwa, ob sie spießig, altmodisch oder unzeitgemäß sind – über diese Zuordnung. Caprihosen etwa galten lange als modischer Vorgartenschreck aus den Nullerjahren, Poloshirts als uniformartige Kleidung mittelalter Männer auf Golfplätzen. Heute greifen jüngere Generationen beide Teile auf und interpretieren sie neu.
Ski Aggu und Billie Eilish als Stilvorbilder
Dass Mode in Zyklen verläuft und Trends etwa alle 20 Jahre wiederkehren, sorgt dafür, dass Jüngere irgendwann das tragen, was Ältere als uncool abgelegt hatten. Selbst Socken in offenen Schuhen, das Klischee deutscher Geschmacklosigkeit, sind inzwischen tragbar geworden. Besonders in Kombination mit eleganteren Schuhen und auffälligen Söckchen erlebt dieser Stil eine Renaissance.
Die Generation Z experimentiert besonders intensiv mit Ugly Chic. Verspiegelte Sportbrillen, wie man sie vom Radfahren kennt, extreme Oversize- Silhouetten oder komplementäre Farbkombinationen sind bei Leuten dieser Altersgruppe beliebt. Musiker wie Ski Aggu, der gerne in Camp David und mit Vokuhila auftritt, oder Billie Eilish mit ihren bewusst unkonventionellen Looks und schrägen Frisuren wie dem knallgrünen Haaransatz tragen dazu bei. Selbst der Oberlippenbart, der lange als unattraktiv verschrien war, kehrt in variierter Form zurück.

Doch was für diese Generation oder in bestimmten Milieus als normal gilt, kann für andere weiterhin unverständlich oder sogar abstoßend wirken. Darin liegt im Kern der Reiz des Ugly Chic, der eine starke abgrenzende Wirkung hat. Ob man ein Teil als hässlich oder als stilvoll wahrnimmt, entscheidet über Gruppenzugehörigkeiten. Wer ein unschönes Teil als Ugly Chic entschlüsseln kann, erkennt darin Ironie, Trendbewusstsein oder Aufmerksamkeitswillen. Wer nicht, sieht nur das vermeintlich Hässliche. Besonders in urbanen, kulturell geprägten Milieus gewinnt diese Form der ästhetischen Codierung an Bedeutung.
Nicht nur im Streetstyle, sondern auch in der Luxusmode kommen immer wieder Entwürfe auf, die unsere Sehgewohnheiten und ästhetischen Urteile herausfordern. Hässliche Mode ist ein einfacher Weg, zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erregen. Was im Internet als „Rage Bait“ funktioniert, also das Erstellen von Inhalten, die gezielt Empörung hervorrufen, um Reichweite zu generieren, hat in der Mode sein Pendant. Frei nach dem Motto: Jede Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit.
Je verhasster ein Stück Mode ist, umso schwerer wiegt die Provokation
Das führt bisweilen zu bizarren Entwürfen wie der Clutch in Form einer Stadttaube von JW Anderson oder Taschen im Müllbeutel-Look von Demna aus seiner Zeit bei Balenciaga, die allerdings aus feinem Kalbsleder gefertigt waren und vierstellige Summen kosteten. Der Designer ist ohnehin bekannt für Mode, die irritiert. T-Shirts im Stil der DHL-Arbeitskleidung, ein Armreif, der wie eine Rolle Klebeband aussieht, ein Rock, der wie ein um die Hüfte geschlungenes Handtuch anmutet: Solche Stücke stoßen Debatten darüber an, ob das nun subversiv und clever oder schlicht hässlich und absurd ist. In jedem Fall aber erzeugen sie Sichtbarkeit und machen die Designer zum Gesprächsthema. Auch Glenn Martens bei Diesel arbeitet immer wieder bewusst mit sperrigen Ästhetiken: zerfaserte Stoffe, ausgebeulte Silhouetten oder grelle Farben, die sich dem entziehen, was wir als gängig schön empfinden. Gerade jüngere Zielgruppen reagieren darauf positiv.
Los ging das vielleicht mit Miuccia Prada. Sie steht wie kaum eine andere für Mode, die herausfordern darf oder sogar sollte. 1995 zeigte sie bei Prada eine Kollektion aus karierten Wachstuchmixen und ungeliebten Farbkombinationen wie Braun zu Senfgelb und Lila, die ihr den Ruf als Entdeckerin der Hässlichkeit einbrachte. Bis heute ist Prada für Designs bekannt, die eigentlich auf den ersten, vielleicht auch den zweiten Blick als abstoßend wahrgenommen werden müssten – wären sie nicht von Prada. Denn auch darum geht es beim Ugly-Phänomen: Kontext und Trägerinnen, Herkunft eines Kleidungsstückes und die Idee, mit der es kombiniert und getragen wird, entscheiden maßgeblich darüber, ob etwas als avantgardistisch oder als unattraktiv wahrgenommen wird. Damit rückt das Phänomen in die Nähe des von Susan Sontag beschriebenen „Camp“ – einer Ästhetik, die Übertreibung, Ironie und bewusste Künstlichkeit feiert. Was auf den ersten Blick geschmacklos erscheint, wird hier zum Ausdruck eines spielerischen Umgangs mit Stil erklärt. Doch nicht jedes zunächst als hässlich empfundene Teil hat das Potential zum Trend. Es muss in die Zeit passen und sollte zunächst von einer möglichst breiten Masse abgelehnt werden. Je verhasster ein Stück ist, desto mehr kann die Provokation damit einschlagen.
Dem unanstößigen, glattgebügelten Perfektionismus, der besonders in den sozialen Medien seine Bühne hat, wird also etwas Störendes und Irritierendes entgegengesetzt. Frauen, die den Effekt des Hässlichen nutzen, erzielen damit oft eine besonders große Wirkung. Es kann ein Mittel sein, sich bewusst vom sogenannten „Male Gaze“ zu lösen, einem Konzept aus der Filmtheorie, das den männlich geprägten und oft sexualisierten Blick auf weibliche Körper beschreibt. In der Mode äußert sich diese Abgrenzung in Looks, die wenig gefällig und komplizierter anzusehen sind: verknotetes Haar, wie es auch Prada häufig auf dem Laufsteg zeigt, verschmiertes Make-up, das aussieht, als habe man gerade geweint. Die Schauspielerin Julia Fox treibt die Strategie des sogenannten Man-Repeller-Looks, also Kleidung, die Männer abstoßen soll, auf die Spitze und inszeniert sich in Outfits aus Tops aus Krawatten oder in einem Kleid, auf das ein Torso gedruckt ist. Fox bricht mit geltenden Kleiderregeln, das ist nicht immer schön, aber auf jeden Fall will man zweimal hinsehen.
Ugly Chic lebt aber nicht nur von dem unbedingten Willen aufzufallen, sondern vor allem von Disharmonie. Gerade das macht die Bewegung so gegenwärtig. In einer Zeit, die von Widersprüchen geprägt ist, spiegeln sich Unruhe und Streitlust auch in der Mode. Dass die Welt unharmonisch ist, darf man uns ruhig ansehen. Zumindest eine Weile lang.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.