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Um dem Hype um „Off Campus“ zu entgehen, hätte man in den letzten Wochen sämtliche Sozialen Medien meiden müssen.
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Die Verfilmung der beliebten New-Adult-Romane gehört zu den meistdiskutierten Serien in diesem Jahr – und ehrlich gesagt, ich verstehe den Hype total. Doch während viel über die Chemie zwischen den Figuren gesprochen oder diskutiert wird, welcher Charakter der attraktivste ist, passiert im Hintergrund etwas anderes, das mindestens genauso interessant ist: Der Soundtrack entwickelt sich zum Überraschungserfolg und das ist mittlerweile eher ein ungewöhnliches Phänomen, von dem wir eigentlich dachten, dass wir es zurück in den 2000ern gelassen hätten.
Als Serien noch unseren Musikgeschmack geprägt haben
Wer wie ich Anfang der 2000er aufgewachsen ist, erinnert sich wahrscheinlich noch daran, wie wichtig Filme und Serien für die eigene Musiksammlung waren. Lange bevor Spotify-Algorithmen oder TikTok-Trends darüber entschieden, welche Songs wir entdecken, waren es oft TV-Produktionen, die uns Inspiration für neue Lieblingsbands lieferten. Noch nicht mal YouTube war damals ein Thema.
„O.C., California“ (was habe ich es geliebt) gilt bis heute als Paradebeispiel dieser Zeit. Die Hitserie, die von 2003 bis 2007 lief, machte nicht nur ihren Titelsong berühmt, sondern half auch Bands wie Rooney oder The Killers dabei, neue Fans zu gewinnen. Songs wie „Hide and Seek“ von Imogen Heap oder „Halleluja“ von Jeff Buckley landeten plötzlich weltweit auf Playlists, die damals noch aus illegalen mp3-Downloads von Kazaa oder LimeWire bestanden.
Ähnlich funktionierte es auch bei „Grey’s Anatomy“. Dort sorgten emotionale Schlüsselszenen dafür, dass Songs von Snow Patrol, The Fray oder Ingrid Michaelson ein Millionenpublikum erreichten. Wer damals „Chasing Cars“ hörte, denkt bis heute an eine ganz bestimmte Szene.
Zu dieser Zeit gehörte es für uns zum Serienerlebnis dazu, nach einer Folge herauszufinden, welcher Song gerade gelaufen war – und das noch ganz ohne Smartphone und Shazam.
„Off Campus“ schafft als Serie, was häufig nur noch TikTok gelingt
Doch die Art, wie wir Musik entdecken, hat sich längst geändert. Wer heute einen neuen Lieblingssong findet, begegnet ihm häufig zuerst auf TikTok, Instagram Reels oder Spotify. Deshalb ist das, was gerade durch „Off Campus“ passiert, mittlerweile eher ungewöhnlich. Klar gibt es immer wieder einzelne Tracks, die durch eine Serie oder einen Film plötzlich extrem populär werden. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist „Running Up That Hill“ von Kate Bush: Dank „Stranger Things“ eroberte der Song 2022, 37 Jahre nach seinem Erscheinen, weltweit die Charts. Oder das jüngste Beispiel im deutschsprachigen Raum, „In meinem Garten“ von Reinhardt Mey, das durch sein Feature in der Doku „Babo – Die Haftbefehl Story“ viral ging.
Doch die New-Adult-Verfilmung „Off Campus“ schafft derzeit etwas, was darüber hinaus geht: Mehrere Künstler, deren Songs Teil des Soundtracks sind, erleben gerade einen Boom und haben plötzlich ein paar Millionen mehr Fans und Streams als noch vor ein paar Wochen.
The Beaches profitieren besonders stark
Wie groß dieser Effekt sein kann, zeigt die Entwicklung von einer bestimmten Band: „Kennst du ‚The Beaches‘? Ihr Coachella-Set wird dein Leben verändern“ – dieser Satz in der zweiten Folge brachte den Stein ins Rollen. Die kanadische Band aus vier Frauen gehörte zwar schon vor „Off Campus“ zu den erfolgreicheren Indie-Acts Nordamerikas, galt aber hier und da fast noch als Geheimtipp (ich war diesen Februar auf ihrem Konzert – für 32 Euro). Durch die Serie erreichen The Beaches jetzt jedoch plötzlich ein deutlich größeres Publikum.
Die monatlichen Spotify-Hörer stiegen innerhalb weniger Wochen von rund 2,2 Millionen auf fast 7 Millionen. Gleichzeitig kamen etwa 27 Millionen zusätzliche Streams für „Edge of the Earth“ hinzu – den Song, der die Szene untermalt, in der Garrett seine Gefühle für Hannah entdeckt. Das sind Zahlen, die normalerweise eher mit einem viralen TikTok-Hit als mit einer Serienplatzierung verbunden werden. Auch auf Instagram gewann die Band innerhalb kurzer Zeit fast 150.000 neue Follower. Viele neue Fans schreiben, dass sie alle Alben der Band nur noch rauf und runter hören, es bleibt also nicht bei „diesem einen Track“, der durch die Serie populär wurde.
© Liane Hentscher / Prime
Auch Elton John, J.Lo und G Flip bekommen neue Fans
Ähnlich sieht es bei der australischen Sängerin G Flip aus. Ihr Song „Bed on Fire“ gehört zu den meistgenannten Tracks unter Fans der Serie und entwickelte sich nach seiner Verwendung in einer der wichtigsten und sexiesten Szenen schnell zum Publikumsliebling. (Fan-Tipp: The Beaches und G Flip haben in der Vergangenheit sogar einen gemeinsamen Song produziert: „LEZ GO!“.)
Dazu kommen bekannte Songs wie Elton Johns „The Bitch is Back“, der in den letzten Wochen ebenfalls zahlreich gestreamt wurde, oder Jennifer Lopez‘ „On the Floor“, ein Partytrack, zu dem wir Millennials den ganzen Sommer 2011 getanzt haben und der es nun wieder in die globalen Top 50 Charts auf Spotify geschafft hat.
Plötzlich wieder stark: Die Rolle von Music Supervisorn
Das Phänomen ist kein Zufall. Hinter erfolgreichen Serien-Soundtracks stehen sogenannte Music Supervisor, die Songs auswählen, Lizenzen verhandeln und entscheiden, welche Musik in welcher Szene zum Einsatz kommt. Ihr Einfluss wird oft unterschätzt, dabei können sie maßgeblich dazu beitragen, wie eine Serie wahrgenommen wird – und sogar Karrieren von Künstlerinnen und Künstlern anstoßen. In den 2000ern war es die Amerikanerin Alexandra Patsavas: Die Music Supervisorin prägte mit ihrer Arbeit bei „O.C., California“ und später „Grey’s Anatomy“ den Sound einer ganzen TV-Generation.
In den letzten Jahrzehnten leisteten unzählige Music Supervisor in verschiedensten Shows, Serien und Filmen großartige Arbeit, erzielten jedoch selten solche krassen Erfolge wie die Frauen hinter der Musik von „Off Campus“. Für den Soundtrack der Amazon-Serie sind Amanda Krieg Thomas und Anna Romanoff von Yay Team Music verantwortlich. Sie wählten die Signature-Songs aus, die in den Schlüsselszenen zwischen den Charakteren ihre bestmögliche Wirkung entfalten können – und das überaus erfolgreich. Der Soundtrack der College-Serie wird häufig als vielfältig gelobt, da er eine Mischung aus älteren Klassikern und frischer, neuer Musik repräsentiert.
Die eigentliche Überraschung an „Off Campus“
Vermutlich wird TikTok auch weiterhin der wichtigste Ort bleiben, an dem neue Musik viral geht. Trotzdem zeigt „Off Campus“, dass Serien noch immer (oder wieder) die Kraft besitzen, Songs und Künstler einem riesigen Publikum vorzustellen. Natürlich werden die Songs auch hier über soziale Netzwerke verbreitet. Der entscheidende Impuls kommt aber von der Serie selbst, bei der die Musik gezielt die wichtigsten und emotionalsten Momente untermalt.
Gerade für uns Millennials fühlt sich das bemerkenswert vertraut an, denn genau diese Verbindung zwischen Szene und Song machte bereits die großen Soundtracks der 2000er so erfolgreich. Als wir neue Musik nicht durch einen Algorithmus, sondern durch die perfekte Songauswahl in einer Lieblingsserie entdeckt haben. Und genau das passiert bei „Off Campus“ gerade wieder – vielleicht ist das auch ein bisschen der Grund, warum auch Menschen jenseits des College-Alters die Serie so feiern.
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