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Einkommen und Bildungsnähe der Eltern sowie soziale Bindungen haben einen großen Einfluss auf den Schulerfolg von Kindern – hier hat die Bildungssoziologie eigentlich keine Lücken mehr. Was früher mangels Daten allerdings nicht erforscht werden konnte, ist der Einfluss der Gene auf die Bildung. Inzwischen liegen hier aber umfangreiche Erhebungen vor, und deshalb können Tina Baier vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung und Zachary Van Winkle von der Universität Oxford jetzt auch für die Bildungssoziologie nach der Gen-Umwelt-Interaktion fragen.
Studien zufolge können genetische Unterschiede zwischen Personen etwa zehn bis 20 Prozent der Variation von Bildungsabschlüssen erklären. Dieser Anteil ist aber nicht festgeschrieben. Wie stark genetische Einflüsse mit Bildungsergebnissen zusammenhingen, hänge, so die Autoren, nämlich von den „Umweltbedingungen“ ab, in denen Kinder aufwachsen. In Umwelten, die das Lernen fördern, schlügen sich genetische Unterschiede zwischen Kindern stärker in deren Bildungserfolgen nieder. Dort, wo ein Kind in einer weniger förderlichen Umwelt aufwachse, träten diese Unterschiede in den Hintergrund. Die genetische Ausstattung scheint gewissermaßen zu ruhen, es sei denn, sie wird durch diese Umwelt aktiviert. Aber was wäre hier unter den „Umweltbedingungen“ einer Kindheit und Familie zu verstehen?
Anlagen, die sich nicht richtig entfalten können
Bisherige Studien hätten hier fast ausschließlich die sozioökonomische Lage der Eltern betrachtet – also deren Bildungsabschlüsse, Einkommen und Berufsstatus. Doch der Einfluss einer vielleicht viel wichtigeren „Umweltbedingung“ ist dabei bisher weitgehend unerforscht: die Familienstruktur. Also: Wo wächst ein Kind auf, in einer stabilen Familie oder mit getrennten Eltern?
Baier und Van Winkle konnten diese Frage in ihrer Forschung mit Daten der deutschen „Twin-Life-Studie“ und der amerikanischen „Health and Retirement Study“ klären. Zwei Länder also, von denen eines (Deutschland) einen starken Sozialstaat und (noch) vergleichsweise niedrigere Scheidungsraten habe, während das andere ein viel schwächeres soziales Netz hat, dafür aber höhere Scheidungsraten.
Man weiß aus der bisherigen Forschung, dass eine Trennung der Eltern im Durchschnitt mit schlechteren Bildungsergebnissen der Kinder einhergeht. Im Durchschnitt – es gibt also durchaus auch Scheidungen, nach denen das nicht passiert. In beiden hier untersuchten Studien zeige sich dennoch ein konsistentes Muster: Bei Kindern und später bei Erwachsenen, die eine elterliche Trennung durchgemacht haben, sei der statistische Zusammenhang zwischen genetischen Einflüssen und Bildungsergebnissen schwächer.
Mehr Stress, weniger Routinen
Genauer: In der deutschen Zwillingsstudie seien die Effekte der genetischen Veranlagung auf die kognitiven Fähigkeiten und die Einschätzung der eigenen schulischen Fähigkeiten bei Kindern in Einelternfamilien deutlich kleiner als bei Kindern in Zweielternfamilien. Und in den USA sei der Zusammenhang zwischen genetischen Einflüssen und Bildungserfolg bei Erwachsenen aus stabilen Zweielternfamilien fast doppelt so stark wie bei Erwachsenen, deren Eltern sich vor ihrem 16. Lebensjahr getrennt hätten. Diese Unterschiede gingen auch nicht auf sozioökonomische Unterschiede zwischen den Trennungs- und den Nichttrennungsfamilien zurück.
Wie ist dieses Ergebnis zu verstehen? Trennungen gingen einher mit erhöhtem Stress in der Familie, geringeren Ressourcen der Eltern, ihre Kinder im Alltag zu begleiten, mit weniger Routinen und mehr Diskontinuitäten. Diese Bedingungen scheinen, so die beiden Forscher, eine Umwelt zu schaffen, in der sich genetische Unterschiede zwischen Kindern weniger systematisch in Bildungsergebnisse übersetzen.
Wohlgemerkt: Dieser Befund sei kein Ergebnis von Tests. Und die Studie sei auch keine kausale Analyse, sondern zeige statistische Muster auf. Gene „bestimmten“ den Bildungserfolg auch nicht. Vielmehr zeige die Studie nur, dass die sichtbare Wirkung genetischer Einflüsse von sozialen Bedingungen wie eben auch den Familienverhältnissen abhingen. Die Studie fällt auch kein Pauschalurteil über Scheidungskinder. Sie will nur den Befund stützen, dass genetisch bedingte Unterschiede in der Intelligenz und den kognitiven Fähigkeiten von Personen ein Potential bilden, das je nach der sozialen Umwelt gefördert werde oder eben nicht.
Man könnte diesen Befund auch so lesen: Die genetische Ausstattung eines Menschen ist Schicksal, aber die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, nicht. Sie ist eine soziale Umwelt, gemacht von Menschen, die Entscheidungen getroffen haben. Kinder in den für sie bestmöglichen Umwelten können offensichtlich genetisch bedingte Fähigkeiten entfalten, die bei Kindern in für sie ungünstigeren sozialen Umwelten ungenutzt bleiben.
Tina Baier & Zachary Van Winkle: Anlage und Umwelt. Wie Familienstrukturen den Einfluss von Genen auf Bildung beeinflussen, in: WZB-Mitteilungen 192, Juni 2026.
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