Sollten Geigerinnen oder Percussionisten tanzen und hüpfen? Während eines Konzerts? Es schadet jedenfalls auf gar keinen Fall, wenn sie es tun. Im Gegenteil. Wer seinen angestammten Platz verlässt, erntet eine neue Leichtigkeit. Und neue Blicke: Die Cellistin Anemone Hoffmann stellt an sich eine völlig neue Aufmerksamkeit fest: „Man schaut sonst nicht nach hinten.“ Klingt schlicht, ist aber ein riesengroßer Schritt, buchstäblich. Und so beginnt mit „Das große Ganze“ ein Experiment, eine Entdeckungsreise, die allen neue Erfahrungen bringt: dem Publikum, der Jungen Deutschen Philharmonie und der Performergruppe She She Pop. Auch dem Künstlerhaus Mousonturm, das wohl zum allerersten Mal, pünktlich zur Feier des hundertjährigen Bestehens des expressionistischen Gebäudes, ein großes Orchester einlädt. Gespielt wird ein anspruchsvolles Konzertprogramm mit Werken von Grażyna Bacewicz, Darius Milhaud und Diana Syrse, die selbst auch singen wird. Aber das ist noch längst nicht alles.
Es sei ein Projekt „außerhalb der Komfortzone“, sagt Rosa Hagendorf, Geigerin und Vorstandssprecherin der Jungen Deutschen Philharmonie. Diese zu verlassen, ist aber volle Absicht. Mit jedem „Freispiel“, das die Junge Deutsche Philharmonie alle zwei Jahre zusätzlich zu den üblichen Konzertformaten veranstaltet, sucht sich das in Frankfurt ansässige Auswahl- und Ausbildungsorchester von jungen Talenten deutscher Musikhochschulen eine neue Herausforderung. Das kann ein Zwanzigerjahreprojekt als Gesamtkunstwerk zwischen Musik, Mode, Revue sein (2022) oder performative Konzerte zu drängenden Zukunftsfragen (2024).

Für das zehnte „Freispiel“ hat die Junge Deutsche Philharmonie sich neue, ganz ungewohnte Partner gesucht: She She Pop, seit dem Studium am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften eine feste internationale Größe im Performancebetrieb, machen seit mehr als 30 Jahren Theater, immer wieder auch am Mousonturm. Nun sind sie gewissermaßen angestellt bei den deutlich Jüngeren. Am Regietisch zu sitzen und selbst überhaupt nicht in Erscheinung zu treten, ist allerdings für Sebastian Bark, Lisa Lucassen und Ilia ‚Papatheodorou‘, die das Performancekollektiv nun in Frankfurt bei den Proben maßgeblich vertreten, eine neue Rolle.
Vorangegangen sind viele Gespräche, im Berliner Büro der Performer und auf Zoom. Um, wie Bark es formuliert, „herauszufinden, was man voneinander wollen könnte“. Noch nie haben She She Pop mit einer so großen Gruppe Musiker gearbeitet. Und so prägen Fragen nach dem Klang und dem Körper, dem Klangkörper als Kollektiv und der Rolle des Einzelnen darin die Arbeit. Da gibt es, bei einem demokratisch geführten Orchester und der eingeschworenen Gruppe She She Pop, Gemeinsamkeiten. Aber eben auch zwei sehr unterschiedliche Formen von Kollektiv. Wo die Performer dafür bekannt sind, oft innerhalb ihrer Produktionen Abend für Abend die Rollen zu wechseln und dabei über immer neue Grenzen zu gehen, ist das Orchester als Kollektiv anders in seiner Herangehensweise – und in der jeweiligen Körperlichkeit.

Es sei „faszinierend und überraschend, wie sich alle darauf einlassen“, sagt Hagendorf. Denn Musiker seien zwar „sehr auf den Körper bedacht“, so Hoffmann – ihn aber ganz anders einzusetzen, zu tanzen, zu sprechen, das bedeute auch die Überwindung von Grenzen. Eines der Ziele jedes Freispiels, so Hagendorf. Diesmal aber ist die Arbeit in einer besonderen, fragenden Weise auf das Orchester, ein vielarmiges, vielgestaltiges Wesen gerichtet, aus vielen Einzelnen, die in einer „Zentaurenhaftigkeit“, wie Lucassen sie beobachtet, mit ihrem Instrument zu verschmelzen imstande seien. Die jungen Musiker proben mit Dirigentin Friederike Scheunchen jeweils einen halben Tag, die andere Hälfte proben sie mit She She Pop, das Arbeitspensum ist enorm und verlangt von allen das Sicheinlassen auf ungewohnte Haltungen und Fragen. „Ich bewundere, was ihr euch alles traut“, sagt sie im Gespräch mit Hoffmann und Hagendorf.
Das merkt man auch den Proben an: Es geht ungeheuer konzentriert zu, zugewandt, ausgesprochen wertschätzend und freundlich, wenn Lucassen und Bark die jungen Musiker mit Pop und Einspielern des Konzertprogramms in Bewegung bringen. Es sei ungeheuer, wie viele Details man erfahre, sagt Bark. „Unser Ehrgeiz ist es, jedes Individuum des Klangkörpers mit je einem Detail vorzustellen“, so Lucassen. In kleinen Videoclips kommt man den Musikerinnen und Musikern näher, aber auch, in chorischen Passagen, den Grundfragen kollektiven Musizierens, auch den Ängsten. „Was, wenn man den Zeitpunkt verpasst?“, fragt der Chor an einer Stelle – eine große Frage, weit über die Musik hinaus. Denn die geht weiter, so wie das Leben.
Frei_Spiel X – Das große Ganze, Mousonturm Frankfurt, Uraufführung am 20. August um 20 Uhr, weitere Vorstellungen bis 23. August, danach Kunstfest Weimar am 25. und 26. August.
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