#Was überdauert

Im Genauen wird es interessant. Ich schaue mir das erste Bild in der Ausstellung an, alles sind Schwarz-Weiß-Fotografien. Der Blick geht aus einem Zimmer in einen Flur, in dem eine ge­schlossene Tür mit Glaseinsatz meine Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Hinter diesem gewellten Glas ist verschwommen ein Gesicht zu erkennen, das aussieht wie ein Gespenst. Die Proportion ist über­raschend, denn der Kopf reicht nur knapp über den Türgriff.

Ist das eine ältere Frau, ein Kind, ein junger Mann? Auf dem Dielenboden verstreut liegen Zettel, sind das Post-its, Fahrkarten, Lotterielose? Der Läufer im Flur schlägt Wellen, jemand ist gerannt, gestolpert, ein Kampf? „Ver­tiges“, steht als Titel daneben, Schwindel. Die zweite Fotografie scheint leichter zu erfassen, ein gerüsteter Reiter auf einem Pferd, eine Figur, die auf einem Dielen­boden steht und Schatten wirft, aber da ist auch noch ein anderer Schatten und Pa­pier?

Auf den ersten Blick wirken die Bilder aus fünfzehn Jahren unspektakulär, sie zeigen keine Protagonisten, dafür stellen sich Fragen der Details. Auf den zweiten Blick merkt man, wie anwesend die Menschen doch sind, in diesen, ihren Räumen, das ist die Kunst, Fotografien als Form des Fühlens.

Hervé Guibert, „Message incompréhensible“, 1990


Hervé Guibert, „Message incompréhensible“, 1990
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Bild: Christine Guibert/Courtesy Les Douches la Galerie, Paris

„In der Covid-Pandemie wurde mir deutlich, wie eine Wohnung unser ganzes Universum sein kann“, sagt Kurator An­thony Huberman. Wir stehen im zweiten Obergeschoss des Ausstellungshauses Kunst-Werke in Berlin, es ist der Tag der Eröffnung. Autor der Fotografien ist Hervé Guibert, geboren 1955 in Saint-Cloud, westlich von Paris an der Seine gelegen. Sein Vater inspiziert als Veterinärmedi­ziner die Schlachthöfe von Les Halles, der Sohn schwärmt für Francis Bacon und Jean Genet. Er fängt jung an zu schreiben und zu veröffentlichen, stets aus der Per­spektive des Ichs.

Entstanden ist ein be­eindruckendes Werk, mehr als drei Dutzend Buchveröffentlichungen, zum einen über Fotografie – denn Hervé Guibert wurde im Alter von nur 22 als Chefkritiker für Fotographie bei „Le Monde“ angestellt, eine Zeitung, die damals noch gar keine Fotos druckte –; zum anderen Erzählungen und Romane, für die es heute den Begriff Autofiktion gibt. Er schreibt offen aus der Perspektive des schwulen Mannes, über sich, seine Familie, seine Freunde, seine Lieben, seinen Sex.

Dem breiten Publikum wird er aber erst mit einem 1990 er­schienen Roman bekannt, in dem er auch über das Sterben seines Vertrauten und Nachbarn Michel Foucault berichtet. Die beiden wohnten im selben Haus in der Rue de Vaugirard 289, und Guibert schreibt offen und genau die Wahrheit, es ist ein Tod, hervorgerufen durch Aids. In Frankreich wirkte dieses Buch wie das Sterben von Rock Hudson in den USA, eine Pandemie war nicht länger zu ignorieren. Auch Hervé Guibert stirbt, als junger, schöner Mann, 1991, im Alter von nur 36 Jahren. Es ist die Tragödie einer Generation.

Hervé Guibert, „Deux pieds sur banquette“, 1981


Hervé Guibert, „Deux pieds sur banquette“, 1981
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Bild: Christine Guibert/Courtesy Les Douches la Galerie, Paris

„Nach seinem Tod wollte man vor al­lem die Bilder sehen, auf denen er abgebildet ist.“ Natürlich waren auch Selbstpor­träts sein Sujet, lange vor dem Selfie. Die Dame mit dem blonden Haar und dem rot geschminkten Mund aus Paris, die mir gegenüber sitzt und spricht, trägt einen schwarzen Jumpsuit, eleganten Schmuck und Lacksandalen. Sie ist Christine Guibert, geborene Seemuller, die Ehefrau von Hervé. „Er begann früh zu fotografieren, sein Vater, zu dem er eine enge Beziehung hatte, kaufte eine Rollei 35.“

Als sie Hervé 1976 trifft, ist sie seit drei Jahren die Freundin von Thierry Juono. Hervé und Thierry verlieben sich, und ähnlich wie im Film von François Truffaut, ähnlich der Beziehung von Jules, Jim und Catherine, entsteht zwischen Thierry, Hervé und Christine eine Beziehung. „Es war am Anfang nicht leicht, aber es war möglich.“ Von da an sind sie zu dritt. „Ein Konstrukt, das zu einer echten Freundschaft wird.“ Sie sind jung, sie wachsen zusammen, sie sind eine gewählte Familie. „Es war ein großartiges Abenteuer.“

Hervé Guibert, „Chambre de Mathieu“, c. 1989


Hervé Guibert, „Chambre de Mathieu“, c. 1989
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Bild: Christine Guibert/Courtesy Les Douches la Galerie, Paris

Von Thierry, der auch fotografiert, lernt Hervé viel Technisches. „Hervé hatte ein Gefühl für den richtigen Mo­ment.“ Er macht manchmal nur eine Aufnahme. Wie sahen seine Räume aus? „Seine Bi­bliothek war groß, ansonsten hatte er nicht viele Dinge.“ Christine wohnt mit Thierry, und Hervé wohnt allein, die längste Zeit in der Rue Moulin Vert. „Er brauchte die Abgeschiedenheit, um zu schreiben.“ Gemeinsam fahren sie in die Ferien, un­ternehmen Reisen, nach Elba, nach Budapest, nach Ostberlin. „Er war immer nervös, wenn er mir sein neues Buch gab, und es ist seltsam, sich in einem literarischen Cha­rakter zu erkennen“, sagt sie. „Doch die Aufgabe des Autors ist es, aufrichtig zu sein.“

Ihre Familie wird größer, als Christine mit Thierry Kinder bekommt, einen Jungen und ein Mädchen. 1988 lassen Hervé, Thierry und Christine sich auf das HI-Virus testen, sie sind alle drei positiv. Als Hervé ernsthaft erkrankt, bittet er Chris­tine, ihn zu heiraten, sein Erbe soll seiner gewählten Familie zufallen. „Zuerst zö­gerte ich, aber dann sagte ich Ja.“ Damals, im Juni 1989, konnten nur Mann und Frau heiraten. Hervé wird noch eineinhalb Jahre leben, er stirbt kurz nach Weihnachten 1991 durch Suizid. Bis zuletzt die Kontrolle zu behalten war ihm wichtig, er hinterlässt ein genaues Testament. Auch Thierry stirbt, im Juli 1992. „Und ich wusste nicht, ob ich selbst schnell sterben würde.“ Doch die neuen Medikamente retten sie. Sie lebt, und sie kümmert sich um das Erbe von Hervé.

Wir sitzen uns gegenüber, und es ist ein intensiver Moment, in dem ich denke, wie sehr wir alle in der Zeit stehen. Wer sich heute mit dem HI-Virus infiziert, nimmt täglich eine Pille und kann niemanden anstecken. HIV ist ein persönliches Detail geworden, über das zu wenig gesprochen wird. „Ich glaube, man muss die Sachen sagen“, hatte Hervé Guibert in seinem letzten Interview bekräftigt. „Auf eine Art ist er noch am Leben“, sagt Christine Guibert. Seine Liebe lebt fort in seiner Familie, und in seinem Werk. Interessant ist es im Genauen.

„Hervé Guibert – This and More“, Kunst-Werke Berlin, bis zum 20. August.

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