„Wenn ein Vampir in die Luft geht“
Flug Transatlantic 473 hält im dichten Nebel auf eine Militärbasis an der schottischen Küste zu. Im Tower gibt ein Fluglotse in Tarnuniform dem Mann im Cockpit über Funk Anweisungen zur Landung. Autopilot ausschalten, beide Füße auf die Bremse. Die Maschine rutscht über die Landebahn und kommt mit glühenden Reifen zum Stehen. Ein Junge seilt sich aus der Frachtluke ab und blickt den herannahenden Militärfahrzeugen entgegen. In der Hand hält er einen Teddybär.
Was haben Filmfiguren nicht schon alles in Flugzeugen durchgestanden. Im Klassiker des Genres, „Snakes on a Plane“, kämpft Samuel L. Jackson gegen Giftschlangen, die Passagiere und Crew heimsuchen. In „Flightplan“ durchforstet Jodie Foster eine Maschine auf der Suche nach ihrer Tochter. Und als Präsident der Vereinigten Staaten befreit Harrison Ford die Air Force One aus der Gewalt russischer Terroristen. Netflix fügt dem Genre nun einen kuriosen Mix dieser Geschichten hinzu: Der deutsch-englische Film „Blood Red Sky“ vereint blutdürstige Vampire, Mutter-Kind-Drama und eine Flugzeugentführung zu einem leicht überfrachteten Horror-Kammerspiel über den Wolken.
In Flashbacks erfährt der Zuschauer, wieso eine abstinente Vampirin ausgerechnet ein voll besetztes Flugzeug besteigt. Nadja (Peri Baumeister), eine alleinerziehende Mutter, reist mit ihrem Sohn Elias (Carl Koch) von Deutschland nach Amerika, damit sich ein dortiger Spezialist ihrer Suchterkrankung annimmt. Nach einem Vampirangriff, der ihren Mann das Leben kostete und aus dem sie mit einer Bisswunde hervorging, gelüstet es Nadja nach dem Blut ihrer Mitmenschen.
Sie entsagt jedoch dem Kannibalismus und setzt, wie menschenfreundliche Vampire das tun (Wesley Snipes aus „Blade“ lässt grüßen), auf Blutkonserven. Nadjas Lebenswandel stellt die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, für eine Kindheit in dunkler Isolation erstaunlich gut geraten, jedoch vor Herausforderungen. Die Reise in die Vereinigten Staaten ist ihre letzte Chance auf ein besseres Leben. Doch das Flugzeug wird von Terroristen entführt. Schließlich muss sie, um ihren Sohn zu retten, das entfesseln, was sie eigentlich seinetwillen zu unterdrücken versucht.
Peter Thorwarth, der auch Regie geführt hat, sagt im Gespräch mit der F.A.Z., die Idee für das Drehbuch sei ihm beim Fliegen gekommen: „Ich schaute aus dem Fenster, es war dunkel, und dann habe ich mir gedacht: ‚Wenn man jetzt ein Vampir ist, dann muss man sich ja eigentlich einen Nachtflug organisieren. Was könnte denn da passieren?‘“ Vieles, was der Zuschauer von Flugzeug-Filmen bereits kennt: Es kommt zu einem Druckabfall, die Sauerstoffmasken fallen von der Decke. Servierwagen rollen durch die Gänge. Jemand ruft nach einem Arzt. Pilot und Stewardess flirten miteinander.
Einige von Thorwarths Einfällen hat man aber noch nicht gesehen. Den genauen Grund für die Entführung erfährt der Zuschauer beispielsweise nicht. Auch die Protagonisten mutmaßen. Allein dieser Erzählstrang würde genug Material für eine Tätersuche nach Art des „Orient-Express“ liefern. Die Geschichte befasst sich jedoch vorwiegend mit gewaltsam ausgetragenen Konflikten. Blut spritzt auf Wände und Sitzpolster. Die Kamera zoomt nah an die Figuren heran, während sie sich durch ein Labyrinth aus Frachtkisten und Kabelschächten zwängen. Dass in einem ausgemusterten Flugzeug gedreht wurde, zahlt sich aus.
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