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„Wenn Hitze lebensgefährlich wird“
Der Klimawandel setzt auch der öffentlichen Gesundheit immer mehr zu, sei es durch Hitze, Katastropheneinwirkung, das Aufkommen tropischer Krankheiten oder durch psychische Belastungen wie Untergangsvorstellungen.
Das neue Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege, das am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, zitiert Studien, wonach die Zahl an Hitzetoten stark zugenommen hat. In der ganzen Welt habe die Steigerung für die Altersgruppe jenseits von 65 Jahren zwischen 2000 und 2020 fast 54 Prozent betragen. In der Hitzeperiode 2018 seien fast 300.000 Fälle gezählt worden.
Für Deutschland wird vermutet, dass es im Jahr 2018 am drittstärksten betroffen war – sogar in absoluten Zahlen hinter den Riesenländern Indien und China. Im „Jahrhundertsommer“ 2003 starben in Europa 70.000 Personen an Hitze, in Deutschland 7600. Als besonders gefährdet werden Personen von mehr als 74 Jahren, Pflegebedürftige sowie Vorerkrankte beschrieben. Im Süden Deutschland gibt es mehr Hitzetote als im Norden, in den Städten mehr als auf dem Land.
Neben der Sterblichkeit, der Mortalität, ist auch die Krankheitsanfälligkeit, die Morbidität, in Zeiten starker Sonneneinstrahlung erhöht. So gibt es offenbar Zusammenhänge mit Herzinfarkten, Diabetes, Lungen- und Nierenerkrankungen sowie psychischen Leiden. Beschrieben werden auch mehr Verkehrs- und Arbeitsunfälle.
Seit dem Jahr 2000 hat sich den Untersuchungen zufolge die Anzahl von Klinikbehandlungen aufgrund von Flüssigkeitsmangel um 177 Prozent erhöht. An Tagen mit einer Maximaltemperatur von mehr als 30 Grad steige die Hospitalisierungsrate von über 65-Jährigen um fast 3 Prozent.
Milliardenhohe Folgekosten
Sengende Tage könnten sich auch negativ auf die Volkswirtschaft auswirken, schreiben die Autoren. Im Jahr 2003 seien in Europa dadurch Kosten von vermutlich 10 bis 17 Milliarden Euro entstanden. In Deutschland schlugen die Dürresommer 2018 und 2019 mit Belastungen von geschätzt 32 bis 37 Milliarden Euro zu Buche.
Was die Folgekosten für die Gesundheit angeht, wurden für die Jahre 2015 bis 2019 für Frankreich fast 26 Milliarden Euro ermittelt. Schwer zu messen ist die sinkende Produktivität in Hitzephasen, aber es gibt Daten zu vermehrter Arbeitsunfähigkeit. In Deutschland ist seit 2005 die Anzahl der Tage, die Arbeitnehmer aufgrund der Diagnose „Schäden durch Hitze und Sonnenlicht“ krankgeschrieben wurden, deutlich gestiegen.
Die Sachverständigen kritisieren, dass in Deutschland die Prävention gegen Hitzeschäden noch unzureichend sei. Besser sehe die Lage in anderen Ländern wie Frankreich aus. Dort gebe es schon einen nationalen Hitzeaktionsplan, der Mortalität und Morbidität gesenkt habe.
So werden bei Hitzewellen die zuvor registrierten Personen angerufen und ans regelmäßige Trinken erinnert, oder sie werden von staatlichen Mitarbeitern oder Ehrenamtlichen in klimatisierte Räume begleitet. Deutschland besitze bisher keinen nationalen Hitzeaktionsplan, wurde moniert. Um die Bevölkerung besser zu schützen, müssten Gesundheits- und Alteneinrichtung sowie der Städtebau insgesamt an den Klimawandel angepasst werden. Auch sei das Personal entsprechend auszubilden.
Daten „besser verknüpfen“
Das Mitglied des Sachverständigenrates Petra Thürmann forderte, man müsse auch in Deutschland die vorhandenen Daten besser verknüpfen und zur Frühwarnung nutzen. Zu Hause wohnende alte Menschen könnten von Gemeindeschwestern und per Nachbarschaftshilfe erreicht werden. Die geplante elektronische Patientenakte wäre sehr hilfreich, etwa zur Anpassung der Medikation, noch aber besitzt sie kaum jemand. Der Vorsitzende des Rats, Ferdinand Gerlach, wies darauf hin, dass die Digitalisierung generell unzulänglich sei und der Datenschutz falsch verstanden werde. Auch arbeiteten Bund, Länder, Kommunen nicht effizient zusammen. Er nannte das deutsche Gesundheitswesen ein „Schönwettersystem“.
Seiner Meinung nach kommt die Stärkung der Widerstandskraft (Resilienz) gegen Schocks wie Katastrophen, Pandemien, den Klimawandel hierzulande nicht schnell genug voran. Es gebe gute Konzepte, sie würden aber nicht verwirklicht. Daraus folge: „Unser Gesundheitssystem ist für Krisen weiterhin nicht gut gewappnet, weder auf Folgen des Klimawandels noch auf Pandemien.“ Aus den bisherigen Herausforderungen wie „Corona“ seien nicht die notwendigen Schlüsse gezogen worden.
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