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Wegen der Eskalation im Nahen Osten ist die Columbia-Universität in New York im Ausnahmezustand. Jüdische Studenten fürchten um ihre Sicherheit, propalästinensische Demonstranten beklagen einen Maulkorb. Ein Ortsbesuch.
Ayla wird immer noch schlecht, wenn sie an der Stelle auf dem Campus vorbeiläuft. Dort kommen die Erinnerungen hoch. An den Moment, als die Studenten sie umringten. Als sie „Schande, Schande über dich“ riefen und alle anderen einfach vorbeigingen. Ayla bekam die erste Panikattacke ihres Lebens. Sie schrie und weinte und konnte sich eine Stunde lang nicht beruhigen, erzählt sie. Dabei war die Studentin der Columbia-Universität in New York eigentlich nur auf dem Weg in die Bibliothek. Und trug eine kleine Israelflagge an ihrem Rucksack.
Der Vorfall ist einige Wochen her, und Ayla kann noch immer nicht fassen, dass sie auf „ihrem“ Campus von Kommilitonen bedrängt wurde. Dass sie als Jüdin von pro-palästinensischen Demonstranten niedergeschrien wurde, am selben Tag, an dem ihr Bruder nach Israel geflogen war, weil seine Einheit eingezogen wurde. „Es ist ekelhaft“, sagt die Zweiundzwanzigjährige. Ihren echten Namen will sie nicht nennen, aus Sicherheitsgründen und auch damit ihr diese Geschichte nicht ewig anhaftet. Doch Ayla will auch nicht schweigen.
Die Grenzen der Meinungsfreiheit
Mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober sind auch die Campus der amerikanischen Ivy-League-Universitäten zu Schauplätzen der Auseinandersetzung geworden. Seither debattieren die Eliteuniversitäten und die amerikanische Gesellschaft, wie jüdische und muslimische Studenten geschützt werden können, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen und wie eine angemessene Reaktion der Universitätsleitung auszusehen hat.
Drei Tage vor der Attacke der Hamas hielt die neue Präsidentin der Columbia-Universität, Minouche Shafik, ihre Einstandsrede. In einer Zeit der „großen Spaltungen in der Gesellschaft“ sei es die wichtigste Aufgabe von Universitäten, Bürger und Führungskräfte auszubilden, „die mit anspruchsvollen Debatten vertraut sind“, sagte sie damals. Acht Tage später machte die Verwaltung einen ungewöhnlichen Schritt: Sie schloss den Campus vorübergehend für die Öffentlichkeit. Hunderte proisraelische sowie propalästinensische Studenten hatten ihre Teilnahme an Kundgebungen auf dem Gelände angekündigt.
Die erste offizielle Reaktion der Universitätsleitung zum Krieg in Nahost kam am 9. Oktober. In der „Botschaft der Sorge um unsere Gemeinschaft“ drückte Präsidentin Shafik ihr Entsetzen über die „schreckliche Attacke auf Israel“ aus und rief die Studentenschaft dazu auf, enger zusammenzurücken. Neun Tage später dann war von einer „äußerst angespannten Atmosphäre auf dem Campus“ die Rede. Einige hätten das „wichtige Mittel des Protests“ für Antisemitismus und Islamfeindlichkeit missbraucht. Sie sei „entmutigt“, schrieb die Präsidentin.
Verbot von zwei Studentenorganisationen
Ende Oktober verurteilte Shafik explizit die antisemitischen Vorfälle auf dem Campus, ebenso wie die Schikanen gegen palästinensische Studenten. „So, wie wir das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen, sind wir verpflichtet, wachsam zu sein, wenn wir sehen, dass der Diskurs in Hassreden umschlägt“, heißt es in der dritten Stellungnahme. Keine politische Meinungsverschiedenheit rechtfertige Antisemitismus oder anderweitige Herabwürdigung. Die Terrororganisation Hamas hat Shafik bis zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Mal erwähnt.
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