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Julian Ryan blieben nur wenige Minuten. Als der Texaner am frühen Morgen des 4. Juli bemerkte, dass das Wasser des Guadalupe-Flusses gegen sein Haus in der Kleinstadt Ingram drückte, versuchte er mit seiner Lebensgefährtin Christina Wilson mit aller Kraft, die Tür geschlossen zu halten. „Die Fluten kamen aber einfach ins Haus. Wir wählten immer wieder den Notruf“, sagte Wilson dem Fernsehsender KHOU.
Als das Wasser von Sekunde zu Sekunde weiter stieg, suchte Ryan nach einem Fluchtweg für seine Lebensgefährtin, die gemeinsamen Kinder und seine Schwiegermutter. „Julian schlug eine Fensterscheibe ein, um uns in Sicherheit zu bringen. Dabei verletzte er eine Arterie seines Arms. Er hat sie fast durchtrennt“, erinnerte sich Wilson. Da die Versuche, Polizei oder Notarzt zu erreichen, weiter ins Leere gingen, verabschiedete sich der Siebenundzwanzigjährige von seiner Familie. „Es tut mir leid, aber ich werde es nicht schaffen. Ich liebe euch alle“, gab Ryan seinen Angehörigen mit auf den Weg. Einige Stunden später entdeckten die Einsatzkräfte seinen Leichnam. „Er hat versucht, uns zu retten. Wir sind ihm für alle Zeit dankbar“, sagte Wilson.
Seit Teile der Texas Hill Country im Süden des Bundesstaats am vergangenen Freitag, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, nach heftigen Regenfällen von einer Sturzflut heimgesucht wurden, erschüttern Schilderungen von Rettungsversuchen, Überlebenskämpfen und der verzweifelten Suche nach Vermissten die Vereinigten Staaten. Bis Dienstag bargen die Einsatzkräfte entlang des Guadalupe-Flusses mindestens 104 Leichen.
„Unsere Herzen sind gebrochen“
Mehr als zehn weitere Mädchen, die ihre Ferien in dem religiösen Sommerlager Camp Mystic verbrachten, wurden als vermisst gemeldet. Wie die vor fast 100 Jahren gegründete Einrichtung im Bezirk Kerr bestätigte, kamen mindestens 27 Kinder und Betreuer ums Leben, als der Pegel am frühen Freitagmorgen innerhalb von 45 Minuten um fast acht Meter stieg. Laut dem texanischen Gouverneur Greg Abbott erreichten die Fluten die Dächer der Holzhütten, in denen die Mädchen in Etagenbetten schliefen. „Unsere Herzen sind gebrochen“, ließ ein Sprecher von Camp Mystic wissen.
Zu den bislang geborgenen Opfern gehört auch der Betreiber des Ferienlagers, Richard „Dick“ Eastland. Wie der Neffe des Vierundsiebzigjährigen bei Facebook bestätigte, wurde Eastland von der Strömung fortgerissen, als er versuchte, eine Mädchengruppe aus einer der Holzhütten des Camps in Sicherheit zu bringen. Eastlands Leichnam wurde später in der Nähe seines Autos entdeckt. Überlebende beschrieben dramatische Szenen, als Eastland und weitere Betreuer mit den Kindern Schutz auf Anhöhen in Ufernähe suchten. „Als wir ins Bett gingen, dachten wir, es sei nur ein Gewitter. Von einer Minute zur anderen gingen Blitze nieder. Dann hörten wir, wie das Wasser stieg“, sagte die 16 Jahre alte Callie McAlary dem Sender Fox.

Auch die Texanerin Diana Smith beschrieb in einem Interview mit dem Sender NBC ein Gefühl von Panik und Hilflosigkeit. Ihre beiden Hunde seien von den Wassermassen ins Haus gespült worden, als sie am Freitagmorgen die Tür öffnete. Für eine Evakuierung war es zu spät. Smiths Haus in Hunt war bereits von den Fluten des Guadalupe eingeschlossen. „Ich habe zu meinen verstorbenen Eltern und Gott gebetet und bin mit den Hunden in mein Kajak gesprungen“, sagte die Mittvierzigerin unter Tränen. Wie lange sie paddelte und sich in dem grünen Boot über Wasser hielt, erinnerte Smith nicht. Sie sei sich aber sicher, dass ihre Gebete sie retteten. „Ich habe ein Kind, für das ich da sein muss“, sagte Smith.
Drei Stunden auf einer Matratze über Wasser
Während die Texanerin mit ihrem Ehemann David am Wochenende begann, das Haus von Schlamm, Gestrüpp und Treibholz zu befreien, suchten Einsatzkräfte der Nationalgarde mit Hubschraubern und Drohnen weiter nach Vermissten. Zu ihnen zählt auch die Familie des Fußballtrainers der Tivy High School, Reece Zunker. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Paula, ihrer Mutter Lucy und den beiden Kindern hatte er in der Nähe von Hunt im Westen des Bezirks Kerr für das Feiertagswochenende ein Ferienhaus am Ufer des Guadalupe gemietet. „Ich möchte die Mitglieder des Schulbezirks bitten, für alle zu beten, die von der historischen Überschwemmung betroffen sind. Und besonders für die Familie Zunker, die weiterhin nicht in Sicherheit ist“, deutete Curtis Neill, der Footballtrainer der High School, in der „Daily Times“ ein mögliches tragisches Ende der Suche an.
Bewohner der Region bei San Antonio berichteten derweil von dramatischen Bemühungen, dem Tod durch Ertrinken zu entkommen. Der texanische Kongressabgeordnete Chip Roy verwies in einem Interview des Lokalsenders KENS5 auf eine Mitschülerin seiner Kinder, die sich drei Stunden lang auf einer Matratze über Wasser hielt. Die „New York Times“ meldete die Rettung einer Zweiundzwanzigjährigen aus einem Baum in der Nähe von Center Point.
Ein Texaner hatte die Unbekannte am Freitagvormittag in den Ästen entdeckt, nachdem der Guadalupe sie fast 30 Kilometer weit mitgerissen hatte. Immer wieder war die Camperin, die das Wochenende mit Freunden auf einem Zeltplatz bei Ingram verbringen wollte, in den Fluten Autowracks und Kühlschränken ausgewichen. „Ich hoffe, dass wir in den kommenden Tagen weitere gute Nachrichten wie diese hören“, sagte der republikanische Abgeordnete Roy. „Der Wiederaufbau wird lange dauern. Aber heute ist es das Wichtigste, den Menschen beizustehen, die Angehörige verloren haben.“
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