Wie in der Ukraine entstellten Verwundeten geholfen wird

Wie in der Ukraine entstellten Verwundeten geholfen wird

Eigentlich sollte Jewhen Sintschenko längst im Operationssaal sein. Schon seit einer Stunde sitzt er auf einer Liege im Gang des Militärkrankenhauses in Lemberg (Lwiw), und mit jeder weiteren Minuten verliert er etwas von der Zuversicht, dass doch noch alles gut wird. Sintschenko ist 32 Jahre alt, er trägt eine schwarze Unterhose, sonst nichts. Dicke Narben ziehen sich von seinem linken Fuß nach oben über das ganze Bein bis zum Hals. Er stiert auf den Boden des Krankenhausflurs.

„Vor der Operation habe ich keine Angst!“, hat er am Abend vorher noch optimistisch gesagt. Es ist seine fünfte in zwei Jahren. Er ist am Bein und an der Schulter operiert worden, in verschiedenen Krankenhäusern. Trotzdem zieht er das linke Bein noch immer etwas nach. Auch seine Hand und sein Arm sind nicht vollständig beweglich. „Aber das ist okay“, sagt Sintschenko. Heute soll es um sein Gesicht gehen. Und das ist für ihn die mit Abstand wichtigste Operation.

Ein Schrapnell hat den Gesichtsnerv von Jewhen Sintschenko durchtrennt.
Ein Schrapnell hat den Gesichtsnerv von Jewhen Sintschenko durchtrennt.Daniel Pilar

Witali Pantschenko ist Chefchirurg des Militärhospitals Lemberg, hier im Westen der Ukraine. Er ist 36 Jahre alt und Spezialist für Nasenrekonstruktion. Neunmal war er schon an der Front zur Erstversorgung von Verwundeten. Dort gehe es ums pure Überleben, sagt er. Doch je länger der Krieg dauere, desto größer werde der Bedarf an Gesichtsrekonstruktionen. Für die Verletzten sind diese extrem wichtig. Das Gesicht entscheidet über den ersten Eindruck eines Menschen, ob man jemandem mag oder lieber Abstand hält. Viele Betroffene ziehen sich wegen ihrer entstellten Gesichter zurück, sie vereinsamen. Manche begehen Suizid.

Ein Schrapnell hat einen Gesichtsnerv von Jewhen Sintschenko durchtrennt. Seitdem hängen seine linke Wange und sein Mundwinkel herunter. Beim Kauen beißt er auf Haut, beim Trinken kann er den Mund nicht richtig schließen. Sein linkes Augenlid kann er nicht zumachen.

Grigoriy Mashkevich und sein Team untersuchen Jewhen Sintschenko.
Grigoriy Mashkevich und sein Team untersuchen Jewhen Sintschenko.Daniel Pilar

Sein paralysiertes Gesicht jagt anderen Menschen Angst ein. Manche starren ihn an oder drehen sich weg. Kinder zeigen auf ihn und rennen davon. Er kennt Kameraden, deren Frauen sich getrennt haben, weil sie den Anblick nicht mehr ertragen konnten. Seine Frau hält zu ihm, sie haben einen anderthalb Jahre alten Sohn. „Mein größter Wunsch ist es, sie wieder freundlich anschauen zu können“, sagt Sintschenko.

Zweimal im Jahr kommen Ärzte aus aller Welt nach Lemberg, um Witali Pantschenko und seine Kollegen zu unterstützen, um im Gesicht schwerstverwundete Soldaten und Zivilisten zu operieren. „Face to Face“ heißt das Hilfsprojekt, das die US-Akademie für plastische und rekonstruktive Gesichtschirurgie mit der ukrainisch-amerikanischen Initiative „Razom for Ukraine“ (Zusammen für die Ukraine) 2022 initiiert hat.

In diesem Frühjahr ist es Grigoriy Mashkevich, der die internationale Mission leitet. Er ist 49 Jahre alt, plastischer Chirurg und Fachmann für Gesichtsrekonstruktionen in New York. Schon fünfmal war er zum Operieren in Lemberg. „Meine Hauptmotivation sind humanitäre Gründe“, sagt Mashkevich, den alle nur Greg nennen. „Ich möchte mit meinen Fachkenntnissen Opfern dieses Konflikts helfen.“ Zugleich gehe es darum, dieses Wissen an ukrainische Kollegen weiterzugeben. „Und wir lernen auch von ihnen, etwa den Umgang mit Kriegsverletzungen und die damit verbundene komplexe Versorgung.“

Das medizinische Material bringen dir Ärzte mit

An einem Sonntag Ende März kommen Mashkevich und etwa ein Dutzend Ärzte und OP-Personal aus den USA, Kanada, Schweden und Australien auf dem Gelände des Militärhospitals im Zentrum Lembergs an. Sie alle haben zwei große Koffer dabei – einen für ihre Sachen, den anderen vollgepackt mit Material: Skalpelle, Kompressen, Fäden, Drainagesysteme, Spritzen und jede Menge Schutzkleidung.

„Wir bringen das alles mit“, sagt Susan Katigian, die verantwortliche OP-Schwester. Die ukrainischen Ressourcen sollen geschont werden. Das Militärkrankenhaus stellt seine drei OP-Säle und Personal für eine Woche zur Verfügung. Katigian ist ebenfalls aus New York und zum fünften Mal dabei. Auch sie tut das wie alle Beteiligten ehrenamtlich. „Ich sehe, was der Krieg mit Leuten macht“, sagt sie. „Das Ziel, wenigstens einigen helfen zu können, eint uns.“ Sie weiß bereits, welche Fälle operiert werden, und hat einen Plan vorbereitet für jeden von ihnen.

Die internationalen und ukrainischen Ärzte besprechen sich auf dem Flur des Krankenhauses.
Die internationalen und ukrainischen Ärzte besprechen sich auf dem Flur des Krankenhauses.Daniel Pilar

Mehr als 100 Verwundete haben sich für die März-Mission beworben. Nur 36 haben einen Platz bekommen, vorrangig Soldaten, aber auch Zivilisten, die bei Luftangriffen verletzt wurden, etwa eine Frau, die gerade an einer Bushaltestelle stand, als eine russische Bombe explodierte. Splitter zerschnitten ihr Gesicht. Auch die anderen sind grausam entstellt: zertrümmerte Nasen, zerschmetterte Kiefer, fehlende Augen, abgerissene Ohren, eingedellte Schädel, zerschossene Wangenknochen.

Die meisten sind mit Angehörigen in die Klinik gekommen. Und sie alle sind voller Hoffnung. Nacheinander stellen sich die Patienten den gerade angekommenen Ärzten im Erdgeschoss vor, wo ihre Akten bereits vorbereitet auf drei Tischen liegen. Die Vorauswahl via Videotelefon habe sich nach der Schwere der Verletzung gerichtet, und ob der Zeitpunkt für eine OP günstig sei, sagt Greg Mashkevich. „Jetzt wollen wir rausfinden, wer was möchte und wie wir das am besten hinkriegen.“

Jewhen Sintschenko ist gleich unter den ersten drei Patienten, die sich vorstellen. Er nimmt am mittleren Tisch Platz. Und erzählt seine Geschichte.

Blick in einen OP-Saal während einer Operation
Blick in einen OP-Saal während einer OperationDaniel Pilar

Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfällt, ist Sintschenko in Polen. Er arbeitet in einer Möbelfabrik, kommt nur selten nach Hause. Nach dem Angriff aber macht er sich sofort auf den Weg. Seine Eltern und seine Frau leben in Saporischschja in der Ostukraine. Er hat sie lange nicht gesehen, doch er meldet sich umgehend beim Militär. „Für mich war das völlig klar“, sagt er. „Wer, wenn nicht ich, soll denn mein Land und meine Familie verteidigen?“

Er kommt in eine Sturmbrigade in der Südukraine, zwischen den Städten Nikopol und Cherson. Deren Aufgabe ist es, Fluchtkorridore für die Zivilbevölkerung zu sichern. In den folgenden anderthalb Jahren bleibt er an diesem Frontabschnitt stationiert, um ihn gegen russische Angriffe zu verteidigen. Urlaub hat er in dieser Zeit nie.

Am Morgen des 9. November 2023 ist gerade Schichtwechsel in seiner Einheit, als es passiert. „Zwei Kamikaze-Drohnen, ich habe sie nicht kommen sehen, ich kann mich an nichts erinnern“, sagt Sintschenko. Seine Kameraden, die ihn retten, halten ihn bei Bewusstsein, bringen ihn zum Medizinstützpunkt. Einen Tag dauert es bis in die Klinik. Dort liegt er 15 Tage im Koma, überlebt nur knapp.

„Als ich aufgewacht bin, tat mir alles weh.“ Sein Körper ist ein einziger Verband. Er hat multiple Verletzungen auf der linken Körperseite: Fuß und Bein, Schulter, Arm, Nacken, Hals. Er kann seine linke Gesichtshälfte nicht mehr bewegen. Fazialisparese, Lähmung des Gesichtsnervs, lautet die Diagnose. Er fragt nach seinen Kameraden. Sieben seien verletzt worden, wird ihm gesagt. Einer starb auf dem Weg in die Klinik.

Im Gesicht von Jewhen Sintschenko haben die Chirurgen vor der Operation die Schnittstellen markiert.
Im Gesicht von Jewhen Sintschenko haben die Chirurgen vor der Operation die Schnittstellen markiert.Daniel Pilar

Greg Mashkevich, der jetzt ein rosa OP-Hemd trägt, tastet Sintschenkos Gesicht ab. Er fordert ihn auf, den Kiefer zu öffnen und zu schließen und das linke Auge zu bewegen. Für eine Nervenrekonstruktion ist es zu spät, sagt er. Die muss binnen weniger Monate passieren, um eine Erfolgschance zu haben. „Der Nerv ist tot, aber eine Muskeltransplantation käme infrage.“ Dabei wird Gewebe aus dem Oberschenkel entnommen und ins Gesicht transplantiert.

„Bewegen lässt sich die Gesichtshälfte auch dann nicht, aber das natürliche Aussehen ist zurück“, erklärt Greg halb auf Englisch, halb auf Ukrainisch. Er ist in der Ukraine geboren, seine Eltern verließen mit ihm die zerfallende Sowjetunion und gingen in die USA. Er studierte Medizin und ist heute Mitinhaber einer Praxis für plastische und rekonstruktive Gesichtschirurgie. „Ich habe einen Teil meiner Kindheit in Lemberg verbracht“, sagt er. „Die Rückkehr nach so vielen Jahren hat zweifellos eine besondere Bedeutung für mich.“

Aus dem Oberschenkel von Jewhen Sintschenko wird Gewebe entnommen und ins Gesicht transplantiert .
Aus dem Oberschenkel von Jewhen Sintschenko wird Gewebe entnommen und ins Gesicht transplantiert .Daniel Pilar

Witali Pantschenko, der ukrainische Chefchirurg, hört während der Untersuchung aufmerksam zu, gibt Ratschläge, fragt nach. „Es ist eine Ehre, mit diesen Ärzten zu arbeiten“, wird er später sagen. „Sie zählen zu den weltweit Besten ihres Fachs.“ Er und seine Kollegen würden bei den Missionen neue Verfahren lernen, die sie später dann selbst anwenden könnten: mikroskopische Operationen, das Transplantieren von Gewebe, Venen und Nerven. Selbst wenn der Krieg morgen ende, sagt Pantschenko, gebe es hier noch für viele Jahre viel mehr Arbeit für plastische Chirurgen.

Ein weiterer Arzt der internationalen Mission ist Ryan Winters, der als Spezialist für Gesichtsrekonstruktionen an einer staatlichen Klinik in Newcastle in Australien arbeitet. Meist habe er es dort mit Opfern von Unfällen, Kriminalität und Suizidversuchen sowie mit Krebspatienten zu tun. Dass etwa Kiefer, Nase und Auge auf einmal fehlen, sehe er in seinem Job selten. „Viele der Kriegsverletzungen hier sind sehr komplex“, sagt Winters. Trotz der weiten Anreise ist auch er schon zum fünften Mal in Lemberg. Er nimmt dafür Urlaub, hat aber auch einen verständnisvollen Arbeitgeber.

Zehn Jahre lang war er bei „Ärzte ohne Grenzen“ und will sein Wissen nun in der Ukraine weitergeben. Die Aufmerksamkeit in Australien für den Krieg in der Ukraine sei gering, sagt er. „Aber ich mag das Land, wir haben ein großartiges Team hier, und die Leute sind so dankbar.“ Der Bedarf an Hilfe ist groß. Neben dem Aussehen geht es für viele Patienten auch darum, wieder richtig atmen, kauen oder schlucken zu können.

Ein neuer Kiefer aus Hüftknochen

Am nächsten Morgen ist der OP-Trakt im siebten Stock voll belegt. Auf einem Plan sind Säle, Patienten, Ärzteteams und OP-Verfahren vermerkt. Auf dem Boden liegen aufgeklappt die Koffer mit allen Utensilien. „Los geht’s, wir haben viel Arbeit vor uns“, treibt Greg Mashkevich das Team an. Ryan Winters schaut auf das Röntgenbild seines ersten Falls. „Hier steckt die Kugel“, sagt er und zeigt auf den linken Wangenknochen. Sie störe den Patienten nicht und wird dort bleiben. „Wir schließen das Loch im rechten Kiefer, durch das sie eingedrungen ist.“

Im Saal nebenan wird einem Patienten ein Stück Hüftknochen entnommen, um aus ihm einen neuen Kiefer zu formen. Das Titanimplantat, das er hatte, wurde vom Körper abgestoßen. Das komme leider vor, sagt Winters. Auch implantierte eigene Knochen würden manchmal abgebaut, dann müsse abermals operiert werden.

Jewhen Sintschenko kurz nach der Operation
Jewhen Sintschenko kurz nach der OperationDaniel Pilar

Kurz nach Mittag ist endlich Jewhen Sintschenko an der Reihe. Noch auf dem Gang malt ihm Greg Mashkevich mit Fettstift die Schnittstellen aufs Gesicht. Mit einem Lineal misst er Abstände und zeichnet auf Sintschenkos linkem Oberschenkel ein Rechteck von etwa 20 mal 14 Zentimetern. Dort wird das Material entnommen, das seine linke Gesichtshälfte stabilisieren soll. „Das Beingewebe ist sehr stark, das strapazierfähigste, das wir haben“, erklärt Greg. „Wenn alles gut geht, wird er wieder lachen können, wenn er die Zähne zusammenbeißt.“

Sintschenko aber ist jetzt sehr nervös. Das Warten hat ihm zugesetzt, und da wirkt es fast wie eine Erlösung, als die Anästhesistin ihm eine Plastemaske über Mund und Nase stülpt. Sechs Stunden wird er schlafen, während die Chirurgen an seinem Gesicht arbeiten.

Zwei Teams operieren Jewhen Sintschenko

Zwei Teams aus je einem ukrainischen und einem Gast-Arzt operieren jetzt. Team Bein setzt den ersten Schnitt, während Mashkevich und Pantschenko das Skalpell vor Sintschenkos linkem Ohr ansetzen. An der Wand zeigt ein Foto des Patienten die Fazialisparese. Auf dem Fensterbrett klingt aus einem Bluetooth-Lautsprecher Elektro-Trance von Mashkevichs OP-Playlist. Gelegentlich wird die Musik von den Anweisungen des Chirurgen übertönt, Sintschenkos Puls piept monoton. Er liegt stabil bei 85.

Gut eine Stunde später schwimmt das Beingewebe in einer Nierenschale. Mashkevich schneidet es so zurecht, dass es sich an Ober- und Unterlippe sowie oben und unten am Ohr befestigen lässt. Dann wird die aufgeschnittene Wangenhaut mit einem langen Spatel so angehoben, dass er den Gewebestreifen einsetzen und verbinden kann. Die Teams arbeiten hochkonzentriert. Jeder Fehler kann sichtbare Konsequenzen für den Patienten haben. Nachdem Mashkevich die Wunde am Ohr genäht hat, übernimmt sein Kollege Parag Gandhi. Er setzt einen Schnitt an Sintschenkos linkem Augenlid.

Augenprothesen werden für jeden Patienten individuell gefertigt.
Augenprothesen werden für jeden Patienten individuell gefertigt.Daniel Pilar

„Er kann das Lid zwar öffnen, aber wegen des toten Nervs nicht schließen“, hat Gandhi vor der OP erklärt. Er ist der Augenspezialist im Team. Bisher musste Sintschenko per Hand nachhelfen, doch beim Hinlegen ging das Lid meist wieder auf, das Auge trocknete aus. Ein Implantat aus Gold soll das verhindern. Es ist dann schwerer und Sintschenko wird es mit einer Kopfbewegung schließen können.

Gandhi stammt aus Baltimore und ist zum vierten Mal bei Face-to-Face. „Die Zahl an Augenverletzungen hier ist enorm“, sagt er. „Fast jeder Fall ist ein Härtefall, und die multiplen Gesichtsverletzungen machen die Eingriffe anspruchsvoll.“ Ein gutes Dutzend Lidimplantate wird er diesmal ein- oder ersetzen.

Das Material – Gold oder Titan – spenden Hersteller, wie überhaupt die ganze Mission von Spenden lebt. Gandhi muss deshalb stets ein Auge auf die Implantate haben. „Hier zu sein, ist mir wirklich wichtig“, sagt er. Daheim hat er eine Praxis, ist sein eigener Boss. Mehrmals im Jahr geht er weltweit auf Hilfseinsätze. „Mit meiner Erfahrung kann ich hoffentlich einen Unterschied machen.“

Ivan Semenyuk soll in Lemberg eine neue Augenprothese bekommen.
Ivan Semenyuk soll in Lemberg eine neue Augenprothese bekommen.Daniel Pilar

Mit wenigen Stichen näht er Sintschenkos Augenlid. Dann treten alle einen Schritt zurück. Greg macht ein Handyfoto des operierten Gesichts und zeigt es in die Runde. Die linke Seite hängt nicht mehr. „Das ist doch eine enorme Verbesserung für ihn“, sagt er. Auf dem Monitor leuchtet Sintschenkos Puls jetzt bei 65. Fast scheint es, als sei der Körper mit dem Ergebnis ebenso zufrieden.

Die Missionen der Gesichtschirurgen fanden bisher alle in Lemberg statt. Die Stadt liegt nur 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt und gilt als sicherer als die Hauptstadt Kiew, die Russland nahezu täglich angreift. Im vergangenen Oktober sagten nach einem Großangriff auf das Gebiet Lemberg mehrere Ärzte und Schwestern ihre Teilnahme ab. Die Mission fand trotzdem statt.

Jewhen Sintschenko wird operiert.
Jewhen Sintschenko wird operiert.Daniel Pilar

Auch diesmal gibt es immer wieder Luftalarm. Viele beachten die Sirenen nicht mehr, doch am Nachmittag des zweiten Tages ist es plötzlich ernst. Eine russische Shahed-Drohne schlägt mitten im Zentrum ein, während des Berufsverkehrs, an einem belebten Umsteigeplatz. Eine Krankenschwester, die das Motorengeräusch hört, filmt die herabstürzende Drohne und den aufsteigenden Feuerball mit ihrem Handy aus einem Fenster auf der OP-Etage. Die Arbeiten unterbrechen sie nur kurz. Sie haben nur fünf Tage für 36 Operationen, davon zwei, die mehr als zehn Stunden dauern werden.

Jewhen Sintschenko liegt zu diesem Zeitpunkt wieder in seinem Krankenzimmer. Sein Kopf ist noch verbunden, aber er kennt schon das Handybild. Der Eingriff am Vortag war erfolgreich. Doch bis er sich selbst sehen kann, wird er es nicht glauben. Und überhaupt: Sein linker Oberschenkel schmerzt furchtbar, dort, wo die frische Wunde ist. „Werde ich damit wieder laufen können?“, fragt er. „Keine Sorge, das wird vollständig heilen“, antwortet Greg Mashkevich.

Am nächsten Morgen bei der Visite kommt der Kopfverband ab. Jewhen Sintschenko steht auf und blickt in den Spiegel. Sein Gesicht ist noch stark geschwollen, aber der Mund ist gerade, die Wangen sind symmetrisch. Mit den Händen tastet er vorsichtig Wange und Nase ab, dann versucht er ein Lächeln. Es ist sein erstes seit zweieinhalb Jahren.

Mitarbeit: Yulia Serdyukova

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