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Schon im 19. Jahrhundert berichteten Walfänger immer wieder, dass Pottwale ihre Schiffe mit Kopfstößen angriffen und teilweise sogar versenkten. Auch der Roman „Moby Dick“ greift dieses Motiv auf. Lange galten solche Erzählungen allerdings als unglaubwürdig. Doch nun haben Forschende auf Video dokumentiert, wie junge männliche Pottwale ihren Kopf als Rammbock gegen Artgenossen beiderlei Geschlechts einsetzen – teils mit erheblicher Wucht. Welche Funktion das Verhalten erfüllt, ist noch unklar.
Im Jahr 1820 sank das 27 Meter lange Walfangschiff „Essex“ vor den Galapagosinseln. Berichten des ersten Maats zufolge wurde das Schiff von einem riesigen Pottwal mehrfach mit dem Kopf gerammt und auf diese Weise zerstört. Dieses Ereignis sowie weitere Anekdoten von ähnlichen Begebenheiten inspirierten den amerikanischen Autor Herman Melville zu seinem 1851 veröffentlichten Buch „Moby Dick“, in dem der gleichnamige weiße Pottwal ein Walfangschiff versenkt.
Aber setzen Pottwale ihren Kopf wirklich als Waffe ein? Daran hatte die Wissenschaft lange Zweifel, zumal der Kopf bei Pottwalen empfindliche Organe enthält, mit denen die Tiere Laute zur Kommunikation und zur Echoortung erzeugen. „Zwar haben mathematische Modellierungen gezeigt, dass die anatomischen Strukturen des Pottwalkopfes wahrscheinlich den großen Kräften bei einem Kopfstoß widerstehen können, aber das ist noch kein Beweis dafür, dass dieses Verhalten tatsächlich in der Natur auftritt“, erklärt ein Team um Alec Burslem von der University of St. Andrews in Schottland.

Kopfstöße per Drohne gefilmt
Doch nun haben Burslem und seine Kollegen tatsächlich beobachtet und gefilmt, wie sich Pottwale gegenseitig mit dem Kopf stoßen. Zwischen 2020 und 2022 beobachteten die Forschenden Pottwale vor den Azoren und Balearen mit Hilfe von Drohnen. Zufällig nahmen sie dabei drei Fälle auf, in denen die Tiere ihren Kopf als Rammbock einsetzten. „Es war wirklich spannend, dieses Verhalten zu beobachten, das schon so lange vermutet, aber noch nicht systematisch beschrieben worden war“, sagt Burslem.
Während anekdotische Berichte das Verhalten erwachsenen Männchen zuschreiben, waren es auf den Videos der Forschenden stets männliche Jungtiere, die andere mit ihrem Kopf stießen. In zwei Fällen rammten sich jeweils zwei junge Männchen wiederholt gegenseitig mit den Köpfen, teils Kopf gegen Kopf, teils mit dem Kopf seitlich gegen den Körper des anderen. Einmal war währenddessen zufällig ein dritter, größerer Wal in der Nähe, den die Forschenden zuvor mit einem Mikrofon ausgestattet hatten. So konnten Burslem und seine Kollegen die rangelnden Jungbullen zusätzlich belauschen. Demnach kommunizierten die beiden Beteiligten rege mit den für Wale typischen Klicklauten.
In einem weiteren Fall waren zwei junge Männchen mit erigiertem Penis sowie ein kleineres Weibchen beteiligt. Die beiden Männchen schwammen zunächst umeinander herum, bevor eines der beiden das Weibchen mit einem kräftigen Stoß in die Seite attackierte. „Dieser Aufprall schien gezielt zu sein und mit erheblicher Wucht zu erfolgen, da der Körper des Weibchens deutlich zur Seite gedrückt wurde“, berichten die Forschenden. Anschließend schwamm das Weibchen davon, ohne von einem der Männchen verfolgt zu werden.
Funktion weiterhin rätselhaft
Um die soziale Funktion dieser Stöße zu verstehen, sind laut Burslem und seinem Team noch umfangreichere Beobachtungen erforderlich. Möglicherweise, so schreiben sie, handelt es sich bei den beobachteten Aktivitäten zwischen Jungbullen um eine Art kämpferisches Spiel, das die Tiere auf spätere Rangkämpfe vorbereitet. Aggressive Stöße gegen Weibchen, die im sozialen System der Wale eigentlich ranghöher sind, könnten dagegen dazu führen, dass junge Männchen bei Erreichen der Pubertät aus dem Familienverband ausgestoßen werden.
Da alle drei nun veröffentlichten Beobachtungen zufällig innerhalb von nur zwei Jahren gesammelt wurden, gehen die Forschenden davon aus, dass das Verhalten häufiger vorkommt als bisher angenommen. Da die Möglichkeiten der drohnengestützten Tierbeobachtung weiter zunehmen, gehen sie davon aus, schon bald weitere Aufnahmen von Kopfstößen und anderen Verhaltensweisen bei Pottwalen machen zu können. „Es ist spannend, darüber nachzudenken, welche bisher unbekannten Verhaltensweisen wir bald entdecken könnten und wie weitere Beobachtungen von Kopfstößen uns helfen könnten, Licht auf die Funktionen zu werfen, denen dieses Verhalten dient“, sagt Burslem.
Quelle: Alec Burslem (University of St. Andrews, Schottland) et al., Marine Mammal Science, doi: 10.1111/mms.70153
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