Inhaltsverzeichnis
„Wie sich Asthma verhindern lässt
„
Ob ein Kind Asthma bekommt, entscheidet sich oft schon in der Schwangerschaft oder in den ersten Lebensjahren. Luft und Ernährung haben dabei einen großen Einfluss.
Voll Vorfreude macht sich Chiara (Name geändert) auf den Weg zu einem Reiterhof im Umland Berlins. Das achtjährige Mädchen reitet für sein Leben gern. Über seinem Bett hängt ein Pferdekopf aus Holz, und die Bettwäsche ist mit fliegenden Stuten bedruckt.
Doch die Reitstunde endet dieses Mal jäh: Im Sattel schwillt Chiaras Gesicht an. Ihre Augen beginnen zu tränen, ihre Nase läuft. Beunruhigt ruft eine Angestellte des Reiterhofs die Familie an. Chiara wird abgeholt – gerade noch rechtzeitig, sagt später eine Allergologin. Sie habe kurz vor einem Asthmaanfall gestanden. Die Ärztin macht einen Allergietest: An der Stelle auf Chiaras Haut, die auf die Bestandteile von Pferdehaaren getestet wird, bildet sich ein großer roter Fleck. Auch auf die Haare von Hunden und Katzen reagiert sie. Die Ärztin verschreibt ein Asthmaspray. Mit dem Reiten müsse Chiara aufhören, warnt sie. Das könne sonst böse enden.
Für Chiara ist das ein schwerer Einschnitt. Jeder Ausritt war für sie als Großstadtkind etwas Besonderes, sie war nur sporadisch auf dem Reiterhof zu Besuch. Und so war ihr Asthma bis dahin auch noch nicht aufgefallen, wohl aber, dass Chiaras Gesicht einmal bei einem Ausflug zum Bauernhof anschwoll, ohne dass sich die Familie das erklären konnte.
Rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 17 Jahren in Deutschland leiden den Daten des Robert Koch-Instituts zufolge unter Asthma. Selten tritt das Atemwegsleiden isoliert auf, meist kommt es im Gefolge einer anderen sogenannten atopischen Erkrankung. Bei einer Atopie reagiert die Körperabwehr auf an sich harmlose natürliche Reize übertrieben stark. Das geschieht etwa bei der atopischen Dermatitis, besser als Neurodermitis bekannt, die sich oft schon vier bis zwölf Monate nach der Geburt zeigt. Dabei werden die Kinder von Hautrötungen, Quaddeln und nässenden Ekzemen im Gesicht, an den Händen, Armen und Beinen geplagt, die stark jucken. Die Kinder kratzen sich notgedrungen, was der wunden Haut weiter zusetzt. Auf eine Neurodermatitis folgen nicht selten Heuschnupfen und Asthma.
Auch Nahrungsmittelallergien gehören zu den atopischen Krankheiten, die sich häufig am Lebensbeginn und noch vor einem Asthma ausprägen. Bei betroffenen Kleinkindern springt das Immunsystem zum Beispiel mit einer heftigen Reaktion auf Erdnüsse, Ei, Milch oder Weizen an. Anders als eine Lebensmittelunverträglichkeit ist die Allergie bedrohlich: Der Gaumen kann zuschwellen, die Kinder bekommen Luftnot, und ihr Kreislauf kann zusammenbrechen. Kinder, die bereits eine Nahrungsmittelallergie haben, tragen ein um 35 Prozent erhöhtes Risiko, später zusätzlich Asthma zu entwickeln. Diesen Rückschluss lässt eine große Erhebung aus den USA an 360.000 Kindern zu.
Vorbeugen ist die beste Medizin
Neurodermitis beim Neugeborenen und später eine Nahrungsmittelallergie oder ein Heuschnupfen beim Kleinkind sind mögliche Vorboten eines Asthmas. „Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Prävention der Atemwegserkrankung“, betont Susanne Lau, Leiterin der Sektion Allergologie und Pneumologie an der Berliner Charité. „Wir versuchen, schon die Entstehung und dann die Ausweitung atopischer Erkrankungen auf verschiedene Organe zu verhindern.“
Vorbeugen gilt gegenwärtig als die beste Medizin gegen Asthma – und das, obwohl es erblich mitbedingt ist: Wenn die Mutter oder der Vater Asthma haben, verdoppelt sich das Risiko, dass auch die Kinder daran erkranken. Chiaras Mutter leidet seit ihrer Jugend an Asthma und Allergien gegen Tierhaare und verschiedene Pollen. Regelmäßig benutzt sie ein Cortisonspray, und sie hat immer ein Notfallmedikament gegen Luftnot parat. Bei Chiara entwickelte sich im Alter von vier Jahren eine Neurodermitis. Die Ärzte behandelten sie mit Cortisonsalbe, um die ärgsten Symptome zu lindern. Nun aber haben sich bei Chiara eine Tierhaar-allergie und ein Asthma dazugesellt. Chiaras Bruder dagegen ist gesund. Allgemein gilt: Eine Veranlagung muss nicht zwingend zu Asthma führen, denn auch Umweltfaktoren und der Lebensstil entscheiden darüber, wie Gene abgelesen werden. Diese sogenannte Epigenetik kann den Ausschlag geben, ob das Atemwegsleiden ausbricht oder nicht.
Rauchen als Risiko
Das entscheidende Zeitfenster ist schon vor der Geburt. „Eindeutige Risikofaktoren sind Rauchen und Passivrauchen während der Schwangerschaft“, sagt Lau. Auch wenn der angehende Vater nur auf dem Balkon raucht, erhöht sich das Risiko für das Baby im Bauch der schwangeren Frau. Die Feinstaubpartikel und in Summe etwa 4000 Schadstoffe verfangen sich in der Kleidung und in den Haaren. Unweigerlich schleppt der Raucher die riskanten Stoffe aus dem Glimmstängel in die Wohnung. Und: Noch 90 Sekunden nach dem letzten Zug enthält der Atem Zigarettenrauch. Über die Plazenta erreichen die Substanzen aus der Raumluft das Kind.
Der Effekt des Rauchens ist aber nur die Spitze des Eisbergs: Es gibt viele Schadstoffe in der Luft, die begünstigen, dass das Immunsystem fehlgeleitet wird. Neben Zigarettenrauch sind es vor allem Ozon und Stickstoffdioxid, die ein vorhandenes Asthma verschlechtern und die Entstehung von Atemwegsleiden wahrscheinlich machen. Auch für Feinstaub wird ein solcher Effekt diskutiert. Die schlechte Luft könnte im Übrigen mit erklären, warum Asthma in Großstädten deutlich häufiger auftritt als auf dem Land oder in Kleinstädten. Je mehr Schadstoffe Kinder vor der Geburt und vor allem in den ersten beiden Lebensjahren einatmen, wenn ihre Lunge noch reift, desto schlechter ist die Lungenfunktion im Alter von sechs Jahren, ermittelte der Mediziner Urs Frey vom Departement für klinische Forschung des Universitätsspitals Basel jüngst in einer umfangreichen Studie. Besonders deutlich ist der Zusammenhang zwischen Stickstoffdioxid und Asthma. Da Stickoxide vor allem aus dem Auspuff von Fahrzeugen stammen, empfiehlt sich eine Wohnung abseits der großen Verkehrsachsen. Wenn das nicht möglich ist, sollte man wenigstens in verkehrsarmen Zeiten lüften.
Was eine werdende Mutter einatmet, entscheidet maßgeblich darüber, ob sich ein Asthma bei ihrem Kind ausbildet. Schimmelt es in der Wohnung, steigt das Risiko und auch, wenn Lösungsmittel und andere Chemikalien aus Möbeln und Teppichen ausdampfen. In der Schwangerschaft sollten deshalb keine neuen Einrichtungsgegenstände angeschafft werden, rät die Pneumologin Katja Nemat vom Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt. Denn bei Möbeln, die frisch aus der Fabrik kommen, sind die Ausdünstungen größer als bei altem Mobiliar.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Wissenschaft kategorie besuchen.