Wieviel Frischwasser fehlt weltweit?

Wieviel Frischwasser fehlt weltweit?

Wasser ist für uns ein kostbares und überlebenswichtiges Gut. In einem Viertel aller Weltregionen gibt es jedoch ganzjährig zu wenig sauberes Frischwasser. Diese Wasserknappheit bekommen mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit zu spüren, wie eine neue Studie zeigt. Darin kombinierten die Forschenden erstmals die Trinkwasserreserven mit dem verfügbaren Wasser im Untergrund und der Wasserqualität. Aus dieser ganzheitlichen Betrachtung der globalen und regionalen Wassersituation lässt sich nun ein differenzierteres Bild des Problems erkennen und ein lokales Wassermanagement ableiten.

Unser Trinkwasser stammt aus Seen und Flüssen sowie aus Grundwasser, das mittels Pumpen an die Oberfläche befördert wird. Werden diese Quellen oder lokale Wasserwege verschmutzt, muss das Wasser jedoch zunächst aufwendig aufbereitet und gereinigt werden – und nicht alle Verunreinigungen lassen sich rückstandslos entfernen. Zudem verfügen längst nicht alle Gegenden weltweit über die nötige Technologie dafür. Ihnen steht bei zu starker Verschmutzung der Ressourcen daher weniger Süßwasser zum Trinken, Waschen, für Tiere und für die Industrie zur Verfügung. Wird das kostbare Nass zudem verwendet, um in Dürrezeiten trockene Böden für die Landwirtschaft zu bewässern, verringert sich die verfügbare Trinkwassermenge zusätzlich.

Inventur der globalen Wasservorräte

Wie sich diese Faktoren auf die weltweite Wasserknappheit auswirken, haben nun Forschende um Wenfeng Liu von der Chinesischen Landwirtschaftsuniversität in Peking untersucht. Dafür werteten sie aus, wie viel Wasser auf der Erde vorhanden ist – unterteilt in „blaues“ Oberflächen- oder Grundwasser und „grünes“ Regenwasser in Form von Bodenfeuchtigkeit. Zudem ermittelten sie, wie sich die Wasserqualität von 2010 bis 2019 entwickelt hat, je nach jährlichem Bedarf und Verfügbarkeit von Süßwasser.

Foto einer Dürre-Landschaft in Jordanien
Wasserknappheit und Dürre durch Überpumpen in Jordanien. Das Bild unten zeigt die Veränderungen in der Landschaft. © Yoshihide Wada

Die Analyse zeigte, dass auf 22 bis 26 Prozent der globalen Landfläche ganzjährig Wasserknappheit in mindestens einer der drei untersuchten Dimensionen aufgetreten war – blaues, grünes oder sauberes Wasser. Das betraf 58 bis 64 Prozent der Weltbevölkerung, wobei die größte Zahl von Menschen der Wasserknappheit jeweils im März ausgesetzt war. Für zumindest einen Monat zwischen Februar und Mai waren vorübergehend sogar 80 Prozent der Menschen von Süßwassermangel betroffen, überwiegend in Asien. Im Mittelmeerraum und im Nahen Osten waren die kritischsten Monate hingegen von Juli bis September.

Am häufigsten fehlt es den Auswertungen zufolge an Regenwasser und damit an grünem Wasser für die Landwirtschaft. „Im Gegensatz dazu sind Zentralasien und große Teile Europas überwiegend von Blauwasser-Mangel betroffen, vor allem zwischen Juni und Oktober“, berichtet das Team. Dort gab es also vor allem zu wenig Trinkwasser für Haushalte und Industrie. In einigen Gebieten, wie dem kalifornischen Central Valley und dem Mittelmeerraum, war gleichzeitig grünes und blaues Wasser knapp. In der nördlichen Tiefebene Chinas gab es hingegen genug grünes Regenwasser für die Landwirtschaft, aber zu wenig blaues Trinkwasser, dessen Qualität obendrein zu wünschen übrig ließ. In einigen Gegenden waren die Menschen sogar gleichzeitig in allen drei Dimensionen von Wasserknappheit betroffen, insgesamt etwa 0,53 Milliarden Menschen, vor allem in Indien, China und Pakistan.

Wasserknappheit ist größer als gedacht

Diese Daten zeigen, dass weltweit mehr Menschen von Wasserknappheit betroffen sind, als aus früheren Studien hervorgeht. Diese hatten nur die blauen Oberflächen- und Grundwasservorräte betrachtet. Da aber auch das grüne Wasser und die Wasserqualität eine Rolle spielen, müssen zur Ermittlung der gesamten verfügbaren Süßwassermengen auch diese Faktoren berücksichtig werden, so das Team um Liu. „Durch die gemeinsame Bewertung dieser verschiedenen Formen der Wasserknappheit füllt unsere integrierte Bewertung eine wichtige Lücke, indem sie bisher übersehene Wasserknappheit explizit aufdeckt.“

Mit dem Wissen könnte nun in den einzelnen Regionen der Erde das Wassermanagement verbessert werden, indem je nach Bedarf unterschiedliche Maßnahmen angesetzt werden. „Beispielsweise sollte in Regionen mit ausschließlich Blauwasser-Mangel der Schwerpunkt auf der Verbesserung der Wassernutzungseffizienz im privaten und industriellen Sektor liegen, um die Nachfrage nach begrenzten blauen Wasserressourcen zu reduzieren“, so Liu und seine Kollegen. Das würde dann auch für Deutschland gelten. Regionen, die nur unter schlechter Wasserqualität leiden, könnten hingegen ihr blaues und grünes Wasser in künstliche Feuchtgebiete leiten und so mithilfe der Vegetation und Mikroorganismen eine natürliche Wasserreinigung erzielen.

Gebiete, in denen es dagegen zu wenig regnet, aber genug blaues Wasser gibt, könnten wiederum ihre Böden gezielt stärker bewässern, so das Team. Weitere Optionen wären, weniger wasserintensive Lebensmittel anzubauen sowie Reinigung und Recycling von Abwasser und Regenwasser. Je nach regionaler Situation müssten die Länder diese Maßnahmen sinnvoll kombinieren, um ihrem Wassermangel zu begegnen.

Quelle: Wenfeng Liu (Chinesische Landwirtschaftsuniversität) et al.; Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2413541122 




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