„Wir schaffen das“: Drei Worte, die das Land veränderten

„Wir schaffen das“: Drei Worte, die das Land veränderten

Dreizehn Minuten spricht die Kanzlerin an jenem letzten Sommertag des Jahres 2015 schon, da blickt Angela Merkel kurz auf ihren Zettel. Ein „starkes Land“ sei Deutschland. Dann schaut sie auf, blickt wieder in die vielen Gesichter der Journalisten in der Bundespressekonferenz und legt einen Satz nach, den sie Jahre später als „an sich unglaublich banal“ bezeichnen wird, der ihr aber bis heute „um die Ohren gehauen“ werde: „Wir schaffen das.“

Es ist ein Satz, den die einen in der Flüchtlingskrise als Ermunterung auffassen, die anderen als Anmaßung. Was, fragen Letztere, heißt „wir“? Was heißt „schaffen“? Was heißt „das“?

Am 31. August 2015 steht die Union in den Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Eine Partei namens AfD, zweieinhalb Jahre zuvor gegründet, sehen die Demoskopen nach ersten Achtungserfolgen bundesweit wieder klar unter der Fünfprozenthürde, sie droht in der Versenkung zu verschwinden. Der eurokritischen Partei ist ihr Thema weggebrochen. Die Bundesregierung hat im Monat zuvor ein Hilfspaket für Griechenland auf den Weg gebracht, was auch der Grund dafür war, dass Merkel die Sommerpressekonferenz um einige Wochen verschob, wofür sie an jenem Montag die Hauptstadtpresse um Entschuldigung bittet.

Merkel war in Heidenau als „Volksverräterin“ beschimpft worden

Die Kanzlerin ist krisenerprobt: Banken-, Finanz- und Währungskrise, Ukrainekrise, Atomausstieg nach der Atomkatastrophe in Fukushima – Merkel hat sich in ihren bis dahin fast zehn Jahren im Amt schon vielen Herausforderungen stellen müssen. Nun also: Flüchtlingskrise.

Schon 2008 beginnt die Zahl der Schutzsuchenden zu steigen, aber so viele wie im Jahr 2015 kamen noch nie auf einmal nach Deutschland. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat keine zwei Wochen vor Merkels Pressekonferenz geäußert, er rechne bis Ende 2015 mit 800.000 Asylsuchenden. Tatsächlich sollen es 441.899 Asylerstanträge werden, weil die Behörden nicht mit der Regis­trierung hinterherkommen und die Zahl auch deshalb im Jahr darauf mit 722.370 noch einmal höher liegen wird.

Viele Deutsche wollen in jenen Tagen mit anpacken. Von einer Willkommenskultur ist die Rede. Einerseits. Andererseits mehren sich Anfeindungen gegen Asylbewerber.

Einen Tag bevor Merkel der Presse Rede und Antwort steht, rufen in der „Bild am Sonntag“ auf Initiative der Zeitung hin hundert Prominente zu Solidarität mit Flüchtlingen auf. Unter den Prominenten sind die Fußballweltmeister Mario Götze, Toni Kroos und Lukas Podolski, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, alle Bundesminister und Ministerpräsidenten wie Horst Seehofer von der CSU. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spricht von der „größten Bewährungsprobe seit der Wiedervereinigung“, und die Zeitung zitiert ihn weiter: „Ich bin überzeugt: Wir schaffen das.“

Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel von der SPD hatte weitere zehn Tage zuvor schon diese drei Worte ausgesprochen: „Wir schaffen das.“ Jedoch in einem Videopodcast ohne Reichweite, den Medien erst ein Jahr später entdecken werden.

Vermutlich handelt es sich um Zufälle. Merkel schreibt jedenfalls in ihren Memoiren, sie habe in einem Gespräch über die Flüchtlingspolitik ihrer Büroleiterin Beate Baumann gesagt: „Irgendwie werden wir auch das schaffen.“ Daraufhin habe diese ihr geraten, die Formulierung auch in der bevorstehenden Pressekonferenz zu wählen.

So oder so kann Merkel an jenem Augusttag nicht ahnen, welche Wirkung ihre Aussage, die eigentlich aus zwei Sätzen und nicht nur aus den drei unvergessenen Worten besteht, entfalten wird: „Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das. Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.“

Schutzsuchende am 1. September 2015 am Budapester Bahnhof
Schutzsuchende am 1. September 2015 am Budapester BahnhofREUTERS

Vor Augen hat Merkel da die Nachricht von 71 tot in einem Lastwagen gefundenen Migranten in Österreich, vor Augen auch die Hetze in Heidenau, einer Kleinstadt in Sachsen, in der aufgebrachte Bürger gewaltsam Stimmung gegen Flüchtlinge machen und in der die Kanzlerin fünf Tage vor der Pressekonferenz bei einem Ortsbesuch als „Schlampe“, „Hure“ und „Volksverräterin“ beschimpft wurde. Auf beides kommt Merkel zu sprechen, auch auf die Herausforderungen bei der Suche nach Arbeit und Wohnungen für die Neuankömmlinge. „Viele werden lange bleiben“, sagt Merkel voraus. Damit soll sie recht behalten.

Vier Tage nach „Wir schaffen das“ trifft sie eine Entscheidung

„Wir schaffen das“ – diese drei Worte werden sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen einbrennen. Dabei schaffen sie es gar nicht in den Beitrag der „Tagesschau“ an jenem Montagabend und nur in wenige Überschriften auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen am nächsten Tag, wie ein Blick ins Archiv verrät. Der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Welt“ ist der Satz in ihren Aufmachern nicht einmal eine Erwähnung wert. Anders ist es beim „Tagesspiegel“, der seine Titelseite mit dem Satz aufmacht, dazu ein Foto eines Zugs im Budapester Bahnhof Keleti, in dem Migranten dicht gedrängt sitzen und stehen.

Die F.A.Z. greift den Satz in einer Nachricht auf Seite eins auf, und dort auch in ihrer Leitglosse, in der kommentiert wird, dass die Bundesregierung „auf diese Weise eine schier grenzenlose Aufnahmewilligkeit Deutschlands betont“, aber zu fragen ist, ob Merkels schwarz-rote Koalition es endlich auch schafft, der Lage Herr zu werden.

Dass „Wir schaffen das“ noch eine solche Wucht entfalten soll, liegt wohl an den Ereignissen in den Tagen danach. Will die Kanzlerin mit ihrer Aussage eigentlich Mut machen, so beschleicht fortan immer mehr Menschen das Gefühl eines Kontrollverlusts – in ihren Ohren klingen die drei Worte „Wir schaffen das“ eher wie: Wir machen das jetzt so, basta.

Noch am selben Tag von Merkels Pressekonferenz machen Meldungen die Runde, dass sich ungarische Polizisten vom Budapester Bahnhof zurückgezogen haben. Plötzlich gibt es also keine Bahnsteigkontrollen mehr. Ausharrende Migranten, vor allem Syrer, von denen viele nach „Alemania“, „Germany“, also Deutschland wollen, stürmen die Züge Richtung Wien und München. Einen Tag später sind die Polizisten zurück. Einen weiteren Tag später geht das Foto eines an einem türkischen Strand tot angespülten dreijährigen Jungen namens Alan Kurdi um die Welt. Am Donnerstag stoppen ungarische Sicherheitskräfte einen Zug Richtung Österreich, um die Asylsuchenden in ein Aufnahmelager zu bringen.

Merkel lässt sich am 10. September 2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.
Merkel lässt sich am 10. September 2015 nach dem Besuch einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber der Arbeiterwohlfahrt und der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge in Berlin-Spandau für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.dpa

Dann, vier Tage nach „Wir schaffen das“, spitzt sich die Lage in Ungarn so zu, dass Merkel eine Entscheidung trifft, die manche Gegner als „Grenzöffnung“ bezeichnen werden. Am 4. September, einem Freitag, entscheidet sie mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann, in Ungarn festsitzende Migranten aufgrund „der heutigen Notlage an der ungarischen Grenze“ aufzunehmen. Dass Berlin dies als „Ausnahme“ versteht, geht unter. Tausende Menschen haben nun freie Fahrt.

Plötzlich ist die totgeglaubte AfD wieder da

Vor Bekanntgabe ihrer Entscheidung unterrichtet Merkel noch verschiedene Leute. Auch dem bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer schickt sie eine SMS. Der wird im Nachhinein sagen, er habe sie nicht rechtzeitig gelesen, weil er im Urlaub das Handy ausgeschaltet habe.

Merkels Beschluss löst ein Zerwürfnis zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU aus, das Jahre anhalten wird. Vor allem Seehofer ist außer sich. Eine „falsche Entscheidung“ habe die Kanzlerin getroffen, wettert er in der „Bild“. Es handle sich um ein „völlig falsches Signal innerhalb Europas“. Und: „Es kann nicht sein, dass die Kanzlerin den Flüchtlingen die allerhöchste Genehmigung erteilt, sich ihr Asyl-Land selbst auszusuchen.“ Die Aufnahmebereitschaft der Deutschen werde nicht ewig währen.

In jenem September 2015 sehen die ersten Meinungsforscher die totgeglaubte AfD wieder bei fünf Prozent, schon am Jahresende wird sie von manchen Umfrageinstituten zweistellig ausgewiesen. Die AfD hat nach der Eurokritik nun ein neues Thema gefunden, das ihr Aufwind verleiht: Asylpolitik. Bei der Bundestagswahl zwei Jahre später wird sie mit 12,6 Prozent erstmals in den Bundestag einziehen. Die Union hingegen rutscht in der zweiten Jahreshälfte 2015 unter die Vierzig-Prozent-Marke und erhält zwei Jahre später bei der Bundestagswahl nur noch 32,9 Prozent, ihr bis dahin zweitschlechtester Wert in der Geschichte der Bundesrepublik, aber immer noch besser als die zwei folgenden Ergebnisse in den Jahren 2021 und 2025.

Bilder jener Tage: Migranten am 29. Oktober 2015 nahe Wegscheid (Bayern) an der deutsch-österreichischen Grenze
Bilder jener Tage: Migranten am 29. Oktober 2015 nahe Wegscheid (Bayern) an der deutsch-österreichischen Grenzedpa

Ihre Entscheidung, die Schutzsuchenden nach Deutschland durchwinken zu lassen, rechtfertigt Merkel Mitte September 2015 nach einem Treffen mit ihrem österreichischen Amtskollegen Faymann. „Es gibt Situationen, in denen man nicht zwölf Stunden nachdenken kann“, sagt sie. Und sie wird für ihre Verhältnisse deutlich: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Und weiter: „Ich sage das wieder und wieder: Wir können das schaffen, und wir schaffen es.“ Spätestens jetzt, durch ihre Wiederholung, werden die drei Worte von Kritikern als dickköpfig wahrgenommen.

Ihr Ausspruch polarisiert noch heute

Dabei ist es nicht so, dass Merkel dem Chaos tatenlos zusieht. So trägt sie in den folgenden Monaten zu einem Deal der EU mit der Türkei bei, der von 2016 an dazu führen wird, dass die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland bis zur Corona-Pandemie stark zurückgeht (ehe sie danach bis 2023 wieder steigt). Auch die Länder auf der Balkanroute erschweren den Migranten die Durchreise.

Die Asylpolitik aber erhitzt nach wie vor die Gemüter, so nach der Kölner Silvesternacht 2015, so auch nach Anschlägen wie zuletzt in Mannheim, Solingen, Magdeburg und Aschaffenburg. Mittlerweile, das zeigen Befragungen, wünscht sich eine Mehrheit der Deutschen eine andere, schärfere Asylpolitik. Die Asylzahlen sollten zwar bis heute nie wieder so hoch sein wie in den Jahren 2015 und 2016, das aber auch nur, weil die Ukrainer, die vor den Russen fliehen, aufgrund einer Ausnahmeregel kein Asyl beantragen müssen. Das verdeckt oft, dass Deutschland seit 2022 noch einmal mehr Schutzsuchende registriert hat als Mitte des vergangenen Jahrzehnts.

Waren 2014 noch knapp 750.000 Schutzsuchende in Deutschland regis­triert, so stieg die Zahl bis Ende 2024 auf 3,3 Millionen. Ob Deutschland es geschafft hat, noch dabei ist, es zu schaffen, oder es nie schafft – darüber gehen die Meinungen zehn Jahre nach Merkels berühmtem Ausspruch weiter auseinander.

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