Wo sich die Communities treffen

Wo sich die Communities treffen

Friseure, Ärzte und Karaokebars

Die größte koreanische Community Deutschlands ist in Rhein-Main zu Hause. Das hat auch mit zwei Konzernen zu tun.

Der Andrang war enorm: Innerhalb weniger Minuten war das einzige Deutschlandkonzert der südkoreanischen Popband Stray Kids ausverkauft. Im Juli spielt die weltweit erfolgreiche K-Pop-Gruppe im Frankfurter Waldstadion. Die Nachfrage ist riesig. Auf dem Zweitmarkt erzielen die Tickets inzwischen ein Vielfaches ihres ursprünglichen Verkaufspreises.

Dass sich die Band ausgerechnet für Frankfurt als einzige Station in Deutschland entschieden hat, ist kein Zufall. Die Rhein-Main-Region ist Heimat der größten koreanischen Community in Europa. Rund 14.000 südkoreanische Staatsbürger leben hier, viele von ihnen im westlichen Umland Frankfurts. Die meisten Koreaner kommen als Geschäftsleute, Ingenieure oder Unternehmer hierher. Mehr als 220 koreanische Unternehmen haben sich in der Region angesiedelt, viele von ihnen in Frankfurt, andere aber auch im Main-Taunus-Kreis – darunter zahlreiche Deutschland- oder Europazentralen bedeutender Konzerne.

So verlegte der Elektronik-Riese LG seinen Europasitz im Jahr 2016 von Ratingen bei Düsseldorf nach Eschborn. Heute arbeiten dort über 440 Männer und Frauen. Für den Standort sprachen laut Unternehmensangaben nicht nur die zentrale Lage und die Nähe zum Flughafen mit täglichen Direktverbindungen nach Seoul. Entscheidend sei auch die starke koreanische Community in der Region gewesen – ein wichtiger Faktor bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter.

Auch Samsung ist hier tief verwurzelt. Der Konzern eröffnete 1975 eine Niederlassung in Eschborn. Später zog man nach Schwalbach um, wo sich zwischenzeitlich der deutsche Hauptsitz befand. Im November 2024 kehrte Samsung zurück nach Eschborn. Die Region biete optimale Bedingungen, heißt es: eine gute Verkehrsanbindung, internationale Schulen, ein multikulturelles Umfeld – und ein eingespieltes Netzwerk an Institutionen, das koreanische Unternehmen gezielt unterstützt.

Ort mit Anziehungskraft: Deutschlandzentrale von Samsung in Eschborn
Ort mit Anziehungskraft: Deutschlandzentrale von Samsung in EschbornLando Hass

Dass sich immer mehr koreanische Unternehmen für das Rhein-Main-Gebiet entscheiden, hat viel mit dem Wohlfühlfaktor ihrer Mitarbeitenden zu tun. Über Jahre ist hier eine ganz eigene In­frastruktur entstanden: mit Supermärkten, Restaurants, Ärzten, Friseursalons, Heilpraktikern, Karaokebars und Anwaltskanzleien – die Deutsch-Koreanische Juristische Gesellschaft hat hier ihren Sitz. Es gibt eine koreanische Schule mit rund 700 Schülern – die größte in Europa – sowie koreanische Religionsgemeinschaften und Kulturvereine.

Zwar integrieren sich viele Koreaner gut in die deutsche Gesellschaft, legen aber gleichzeitig großen Wert darauf, ihre eigene Kultur zu bewahren. Die Sprache, das Essen, traditionelle Bräuche – all das wird auch im Ausland gepflegt. Dabei hilft das dichte Netz der Community. Viele ehemalige Angestellte großer Unternehmen machen sich nach einiger Zeit selbständig, etwa mit Lebensmittelläden, Cafés oder Dienstleistungsangeboten.

Die Präsenz Tausender Koreaner in der Region spiegelt sich längst an vielen Stellen der Region wider. So fand im Oktober das koreanische Filmfestival schon zum 13. Mal statt und hat sich längst als fester Bestandteil des städtischen Kulturkalenders etabliert. Auch gibt es eigene Tanzschulen, in denen K-Pop-Tanz unterrichtet wird.

Die Behörden der Region pflegen enge Kontakte zu den Mutterkonzernen in Korea, organisieren Delegationsreisen und helfen bei administrativen Fragen. Umgekehrt berichten südkoreanische Medien häufig über das Leben der Community rund um Frankfurt. Ortsnamen wie Eschborn, Schwalbach oder Sulzbach sind in Korea längst bekannt – als Orte, an denen man sich ein Leben aufbauen kann, ohne auf das Vertraute verzichten zu müssen. Ein Stück Südkorea mitten in Hessen – international vernetzt und lokal verwurzelt.

Spezialisten für IT und Cricket

Die indische Community in Frankfurt ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen.

Rund 11.400 Frankfurter haben einen indischen Pass – und viele von ihnen sind erst wenige Jahre hier. 2018 nämlich lag die Zahl der indischen Staatsangehörigen laut dem Frankfurter Statistikamt erst bei 6900.

Ein wesentlicher Grund für das schnelle Wachstum dürfte der Zuzug indischer Unternehmen sein. Zwar sind eine Reihe indischer Arbeitgeber nach Angaben der Standortmarketinggesellschaft Frankfurt/Rhein-Main schon seit Jahrzehnten in der Region aktiv, darunter der IT-Dienstleister Tata Consultancy Services mit mehr als 1500 Beschäftigten in Frankfurt. Doch im vergangenen Jahrzehnt kamen noch einige große hinzu, darunter HCL Technologies, ebenfalls ein IT-Unternehmen, dessen Deutschlandzentrale sich in Eschborn befindet.

IT-Hard- und -Software sowie Telekommunikation bilden den Schwerpunkt der Aktivitäten der indischen Unternehmen, die Tochtergesellschaften im Rhein-Main-Gebiet aufgebaut haben und von hier aus häufig ihre Geschäfte bundesweit oder sogar in ganz Europa steuern. In der gesamten Region haben sich laut Frankfurt/Rhein-Main GmbH mehr als 140 indische Unternehmen niedergelassen.

Außerdem befindet sich in Frankfurt das indische Generalkonsulat für Hessen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Im Herbst organisierte es ein Indien-Fest auf dem Roßmarkt. Beteiligt waren auch indische Vereine. Davon gibt es in Frankfurt einige – etwa den Bharat-Verein, die tamilische Gruppe Frankfurt Tamil Sangam, die Studenten-Organisation Frankfurt Indian Scholars Association, den TGSV Indian Challengers Cricket Club oder das Hindu Cultural Center, das den Hari-Om-Tempel in Bockenheim betreibt. Dort fänden regelmäßig Gottesdienste statt, berichtet Vereinspräsident Vinay Kumar. Weitere Hindu-Tempel gibt es in Sachsenhausen und am Osthafen. Die Religionsgemeinschaft der Sikhs verfügt über eigene Gotteshäuser.

Hier sind die Communities vernetzt.
Hier sind die Communities vernetzt.F.A.Z.

Der wohl bekannteste Frankfurter aus Indien war der frühere Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain, der 2022 gestorben ist. Während Jain seine Karriere im Ausland, wie für wohlhabende Inder seiner Generation üblich, in den USA und Großbritannien begann, besuchen inzwischen viele Inder deutsche Hochschulen – unter den ausländischen Studenten stellen sie neben den Chinesen die größte Gruppe.

Amrita Datta, Dozentin für Soziologie an der Universität Bielefeld, führt diese Entwicklung in ihrem Buch „Geschichten indischer Einwanderergemeinschaften in Deutschland“ unter anderem auf das wachsende Angebot an englischsprachigen Studiengängen zurück. Zudem sei Deutschland durch die im Jahr 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführte Green Card für IT-Fachkräfte für Inder attraktiv geworden. Die Green Card lief zwar Ende 2004 aus, wurde aber mittlerweile durch die EU-weit eingeführte Blue Card für Arbeitskräfte aus Drittländern abgelöst. In ganz Deutschland lebten Ende 2024 fast 280.000 Inder, das waren etwa dreimal so viele wie zehn Jahre zuvor.

Vielfalt im Viertel

Im Gallus leben viele Nationalitäten zusammen.

19.583 – in keinem anderen Frankfurter Stadtteil leben so viele Bürger aus dem Ausland wie im Gallus. Die meisten von ihnen kommen aus Europa, auffällig viele stammen aber auch aus Asien, wie Daten des Frankfurter Statistikamtes zeigen. Insgesamt ist die Vielfalt in diesem Viertel aber so ausgeprägt, dass es durchaus exemplarisch stehen kann für den internationalen Charakter der Stadt.

Der internationalste Ort des Viertels ist der Frankfurter Hauptbahnhof, der in dem Stadtteil liegt. Täglich nutzen rund 450.000 Menschen die wichtigste Drehscheibe im deutschen Schienennetz, viele von ihnen steigen aus Zügen aus, die aus Städten im Ausland kommen, sei es aus Brüssel, Amsterdam, Paris oder Zürich. Nicht weit davon entfernt liegt die Messe Frankfurt, die Jahr für Jahr Tausende Aussteller und Besucher aus dem Ausland nach Frankfurt holt.

Doch das Gallus auf den Hauptbahnhof und die Messegesellschaft zu konzentrieren, wäre falsch. Links und rechts der Mainzer Landstraße kommen viele Kulturen zusammen, und das schon seit vielen Jahren. Seit der Erschließung des Europaviertels hat sich diese Entwicklung noch mal verstärkt. In die Wohnungen rund um die Europaallee sind viele Männer, Frauen, Paare und Familien aus dem Ausland gezogen, die meisten sind aus beruflichen Gründen in die Stadt gekommen und schätzen die Internationalität des Viertels, aber auch seine gute Anbindung im Rhein-Main-Gebiet und an die City.

Vom Multikulti seines Stadtteils geprägt ist etwa das Gallus Theater in der Kleyerstraße. 1973 als Internationales Solidaritätszentrum gegründet, ging daraus bald das Gallus-Zentrum hervor, ein Jugendtreff in einer Autowerkstatt in der Krifteler Straße, den überwiegend ausländische Jugendliche des Arbeiterviertels besuchten. Heute ist es ein wichtiges Zentrum der freien Theaterszene.

Internationale Restaurants und Supermärkte, Anlaufstellen für Migranten, soziale Projekte: Das Gallusviertel hat über die Jahre hinweg zahlreiche Initiativen, Formate und Institutionen angezogen, die den Stadtteil zum Treffpunkt der Nationen machen – und zum beliebten Wohnort.

Einwandern seit dem Jahr 1870

Polnisches Leben gibt es in Frankfurt schon seit Generationen.

Die polnische Com­munity in Frankfurt ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des städtischen Lebens. Knapp 10.000 Frankfurter haben polnische Wurzeln, etwa vier Prozent aller in Frankfurt vertretenen Ausländer. In Fechenheim reichen die Wurzeln bis 1870 zurück, als die Cassella-Farbwerke erste polnische Arbeitskräfte anwarben.

Im Zuge der Industrialisierung wuchs die Gemeinschaft stetig, und das ehemalige Wohngebiet „Russländche“ nördlich der Bahntrasse wurde zum Sinnbild für die Ansiedlung polnischer Arbeiter in Fechenheim. Während des Zweiten Weltkriegs mussten Polen in den dort angesiedelten Betrieben Zwangsarbeit leisten. Nach 1945 blieben viele von ihnen in der Region und prägten die polnische Nachkriegsgemeinschaft.

In den 50er- und 60er-Jahren folgte eine neue Migrationswelle, als die Bundesrepublik gezielt Arbeitskräfte aus dem Ausland anwarb. Damals kamen Menschen auch aus Polen und der damaligen Tschechoslowakei. Mit der vollständigen Freizügigkeit im Jahr 2011 setzte eine verstärkte Migration polnischer Arbeitskräfte nach Deutschland ein. Inzwischen allerdings geht der Bevölkerungsanteil der Polen in Frankfurt allmählich zurück.

In Fechenheim ist die polnische Bevölkerung mittlerweile weniger sichtbar – doch ihre Spuren sind geblieben: kulinarisch etwa durch Erinnerungen an den polnischen Laden „Wiejska Chata“ oder das beliebte Restaurant „Pierozkarnia u Pati“, vor dem sich sonntags nach dem polnischen Gottesdienst lange Schlangen bildeten. Doch ein neues Kapitel schreibt Magdalena Hartmann mit Frajda und ihrem Projekt „eightfingerfood“. „Jetzt möchte ich osteuropäische Küche in Deutschland bekannter machen“, sagt sie. Ihre Gerichte verbinden saisonale, regionale Zutaten mit osteuropäischen Traditionen – nachhaltig, bodenständig und ganz ohne exotische Zutaten.

Seit mehr als 30 Jahren setzt sich auch die Deutsch-Polnische Gesellschaft Frankfurt für den kulturellen Austausch zwischen Frankfurt und Krakau ein. Die polnisch-katholische Gemeinde bewahrt zudem mit ihren polnischsprachigen Gottesdiensten das religiöse und kulturelle Erbe.

Aus der Flucht zum Erfolg

Der Landkreis Offenbach hat schon vor Jahren gelernt, wie man Flüchtlinge besser integriert.

Als Adnan Alabdullah 2014 vor dem Krieg in Syrien nach Deutschland floh, war unklar, wie sein neues Leben aussehen würde. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer in Dreieich im Landkreis Offenbach. Egal ob Elektroinstallation oder Sicherheitstechnik, der Betrieb kümmert sich, wo Bedarf ist. Es ist ein Beispiel für gelungene Integration. Der Neununddreißigjährige absolvierte eine Ausbildung, legte 2022 die Meisterprüfung ab – und gründete im selben Jahr gemeinsam mit Uwe Mertin die Firma A & M Elektrobau GmbH. „Am 1. Oktober sind wir dann offiziell drei Jahre am Start“, erzählt Mertin, der das Administrative in der Firma übernimmt.

Dass das Unternehmen knapp drei Jahre später weiterhin erfolgreich ist, ist auch an einem neu geplanten Bauprojekt in Frankfurt-Enkheim zu erkennen. Die Geschichte der beiden verdeutlicht sehr gut, was im Landkreis Offenbach seit Jahren aufgebaut wurde: ein Fundament für gelebte Integration. Der junge Syrer, der aus der syrischen Stadt Daraa geflohen war, war damals gerade einmal 29 Jahre alt, Student und kürzlich Vater geworden. Um dem Militärdienst unter dem Assad-Regime zu entkommen, brach der Selbständige sein Sprachstudium in Damaskus ab und floh nach Deutschland.

Mertin, der sich bereits in der Flüchtlingshilfe engagierte, empfahl Alabdullah, die Chance zu ergreifen und eine berufliche Qualifikation zu erwerben. Das Unternehmen mit Sitz in Dreieich beschäftigt heute fünf Mitarbeiter. Vier davon stammen wie Alabdullah aus Syrien, ein weiterer aus Kroatien. „Die sprechen alle Deutsch und können sich sehr gut verständigen und bei Kunden problemlos auftreten“, sagt Mertin. Dass solche Geschichten ausgerechnet im Landkreis Offenbach spielen, ist kein Zufall.

Der eine Grund ist, dass dort heute vergleichsweise viele Menschen aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak leben, genau aus den Ländern, aus denen Kriegsflüchtlinge gekommen sind. Denn die Regeln des Landes Hessen sehen vor, dass der Kreis Offenbach mit einem hohen Anteil ausländischer Einwohner zwar weniger Flüchtlinge aufnehmen muss – andererseits haben auch andere Kreise in der Region viele ausländische Einwohner, und als relativ bevölkerungsreicher Landkreis bekommt der Kreis Offenbach wieder überproportional mehr zugewiesen. Dazu kommt ein bekannter Netzwerk-Effekt: Wenn sie es dann dürfen, siedeln sich Menschen gerne in der Nähe ihrer Landsleute an.

Der zweite Grund für die Erfolge ist, dass der Kreis Offenbach gut weiß, wie es geht. Schon in den Flüchtlingswellen der Neunzigerjahre, nicht zuletzt infolge des Jugoslawienkriegs, hatte der Kreis besonders viel Zuwanderung. Damals schon hatte der Kreis verschiedene Integrationsprobleme – und inzwischen hat er daraus einiges gelernt. Der Kreis Offenbach hat die nötigen Strukturen geschaffen, um Geflüchteten sofortige Hilfe zu bieten. „Fachkräfte der Sozialverbände wie Caritas, Diakonisches Werk und der AWO stehen Geflüchteten in den Gemeinschaftsunterkünften mit umfangreicher Unterstützung zur Seite“, heißt es aus der Kreisverwaltung.

Für viele Schutzsuchende sind diese Sozialverbände eine zentrale Anlaufstelle: Sie helfen bei Behördengängen, der Wohnungssuche, organisieren Sprachkurse und bieten Unterstützung bei psychosozialen Herausforderungen. Außerdem werden laut Sandra Klauß vom Landratsamt die Geflüchteten sowohl von eigenen Sozialarbeitern als auch von ehrenamtlichen Helfern unterstützt.

Heute blicken Alabdullah und Mertin stolz auf das, was sie gemeinsam erreicht haben. Ihre Geschichte steht symbolisch für die erfolgreiche Integration von Geflüchteten in Deutschland und für die Möglichkeit, als Migrant nicht nur ein neues Leben zu beginnen, sondern dieses aktiv zu gestalten.

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