#Wofür stehen Angela Merkels Blazer?

Wofür stehen Angela Merkels Blazer?

Es könnte zum Schicksal des Chefin-Seins gehören, dass selbst Frauen, die sich wenig aus Mode machen, häufig mit ihrem Look in Erinnerung bleiben. Denkt man etwa an Margaret Thatcher, die mit dem Thatcherismus den Umbau der britischen Gesellschaft sogar namentlich prägte, kann man auch an ihre nah am Körper getragene Tasche denken, ihre blauen Kostüme mit den für die Zeit typischen definierten Schultern.

Die Queen, Christine Lagarde, Angela Merkel

Jennifer Wiebking

Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Denkt man an die Queen, die – allen Skandalen zum Trotz oder gerade wegen der familiären Eskapaden – erfolgreich darin war und ist, für die Monarchie in der Jetztzeit einen Daseinszweck zu finden, fallen einem auch ihre Mantelkleider in Regenbogenfarben ein, dazu die passenden Hüte, ihre Henkeltasche, ihr elegant-robustes Schuhwerk.

Denkt man an Christine Lagarde, die erste Frau an der Spitze der EZB, zuvor die erste Präsidentin des IWF und davor in Frankreich die erste Finanzministerin eines G-8-Staates, sind da auch die Bilder ihrer gemusterten Seidentücher. Mal trägt sie sie korrekter gewickelt, mal wie übergeworfen.

Denkt man an Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, die Vermittlerin in der Euro-Krise, die Menschenfreundliche in der Flüchtlingskrise, die Naturwissenschaftlerin in der Corona-Krise, denkt man auch an ihre leuchtenden Blazer.

Blazer in Glücksrad-Farben

Am Anfang ihrer Amtszeit rätselte die Republik, was sie damit sagen wollte. Etwas Gedecktes für ernsthafte Tage, etwas Strahlendes für heitere Termine? Irgendwann stellte Merkel selbst einmal klar: Gar nichts hätten die Farben zu bedeuten, diese Glücksrad-Farben, die auch genauso zufällig an der Reihe sind. Es sollte nie eine Rolle spielen, was Merkel trug. Der bunte Blazer sollte wie ein dunkler Anzug funktionieren, ein Damenblazer wie ein Herrenanzug.

Geht das?

In Rot: Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Julia Klöckner 2016 auf dem Bundesparteitag der CDU.


In Rot: Ursula von der Leyen, Angela Merkel und Julia Klöckner 2016 auf dem Bundesparteitag der CDU.
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Bild: dpa

Oder ist das Beispiel Merkel-Blazer neben den eingangs erwähnten ein weiteres dafür, dass Frauen – gerade diejenigen, zu deren Führungsrolle es eine Art Rampenlicht gibt – mit ihrem Auftritt noch immer nicht nicht kommunizieren können? Und wenn ja, ist der Grund dafür dann der, dass ihr Geschlecht noch immer eine Abweichung von einer über Jahrhunderte geprägten Norm ist? Von einer Männer-Welt, in der es auch in Zeiten von Sneakers und dem Niedergang der Krawatte auf offiziellen Bildern eine Requisite für alle zu geben scheint, den dunklen Anzug?

Bemerkt wurden ihre Blazer ja von Anfang an, kommentiert und in Kollagen arrangiert. Dazu gehören etwa die Blazer-Bildersammlungen anlässlich von 16 Neujahrsansprachen. Oder Bilder von Merkel in ihren Jacken als Pantone-Farbfächer. Oder das Bild von Malala Yousafzai und Merkel bei einem Treffen der UN-Vollversammlung 2015 in New York, beide in Türkisblau. Oder die Bilder von Parteitagen, auf denen mehrere Frauen feststellen, dass sie ein ähnliches Rot tragen und die Fotografen schnell genug sind, die Überraschung darüber in ihren Gesichtern festzuhalten.

Merkel in Rot zwischen den Herren in Anzügen

Es gibt auch die Bilder von Angela Merkel im Kreise der G-7-Chefs, die alle in gedeckten Anzügen gekleidet sind, und sie, die in Lindgrün dazwischen leuchtet. Das war 2007 in Heiligendamm. Und es gibt Bilder vom G-7-Gipfel aus Cornwall von diesem Jahr; Merkel, in Rot, ist nicht mehr die einzige Frau, Ursula von der Leyen, als EU-Kommissionspräsidentin, ist jetzt auch da, in Creme.

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