Wollte Iran Benjamin Netanjahus Sohn ermorden?

Benjamin Netanjahu selbst brach die Informationssperre, die von der Militärzensur verhängt worden war. Er habe etwas „ziemlich Unglaubliches“ mitzuteilen, sagte Israels Ministerpräsident in einem Interview mit dem regierungsnahen Sender Kanal 14. „Iran hat einen meiner Söhne ins Visier genommen. Iran hat versucht, einen meiner Söhne zu töten, ihn zu ermorden.“ Die Äußerungen, die am Montag fielen, riefen Beunruhigung, aber auch Verwunderung hervor. Denn Netanjahu nannte keine Einzelheiten. Er sagte nicht einmal, um welchen seiner zwei Söhne es sich gehandelt haben soll.

Inzwischen ist klar: Es geht um Yair, den älteren Sohn. Der amerikanische Sender Newsmax berichtete am Dienstag unter Berufung auf eine Quelle im Strafverfolgungsapparat über Details. Demnach soll ein israelischer Geheimdienst die amerikanischen Behörden im Dezember über ein iranisches Mordkomplott gegen Yair Netanjahu informiert haben. Der lebte zu jener Zeit in Florida. Die potentiellen Täter sollen sich schon in Miami aufgehalten und das Anwesen Yair Netanjahus ausgekundschaftet haben, heißt es in dem Bericht. Ihm sei daraufhin die sofortige Abreise nahegelegt worden.

Der Bericht könnte dazu beitragen, einige ungewöhnliche Vorkommnisse rund um Yair Netanjahu zu erhellen. Auf Fotos, die er kürzlich veröffentlichte, sieht er etwas verändert aus. Offenbar hat der 35 Jahre alte Israeli sich Schönheitsoperationen im Gesicht unterzogen.

„Jetzt wird es den Iranern leichter fallen, mich zu töten“

Wie die Zeitung „Haaretz“ Anfang Juli berichtete, hat er im Laufe der vergangenen anderthalb Jahre zudem seinen Namen geändert: Er heißt jetzt Yonatan Hun. Hun war der ursprüngliche Nachname von Yairs Großvater mütterlicherseits. Yonatan war Benjamin Netanjahus Bruder, der 1976 bei der Geiselbefreiung in Entebbe fiel.

Yair Netanjahu reagierte auf die Aufdeckung der Namensänderung mit einer Klage und einem Antrag auf einstweilige Verfügung. Uri Misgav, der Autor des Artikels, schrieb in einem weiteren Beitrag in „Haaretz“, bei dem Gerichtstermin Mitte Juli habe Netanjahu gerufen: „Dank Misgav wird es den Iranern jetzt leichter fallen, mich zu töten.“

Der meinungsfreudige Journalist Misgav hat schon öfter den Zorn der Netanjahus auf sich gezogen, weil er über die hohen staatlichen Ausgaben für sie berichtete – oder, wie er selbst schrieb, über „ihre Realitätsferne, ihre Korruption und ihren Wahnsinn“. Zu seinen Enthüllungen gehört, dass der Steuerzahler dem Regierungschef und dessen Familie sieben Residenzen finanziert, eine davon geheim.

Ein weiteres Thema ist der Personenschutz. Eine Einheit des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet schützt den Ministerpräsidenten. Aber auch dessen Frau Sara und die Söhne Yair und Avner haben rund um die Uhr Bodyguards. Allein die Kosten für Yairs Sicherheit in Miami beliefen sich auf umgerechnet 50.000 Euro pro Monat, berichtete der Sender Kanal 12 im Frühjahr 2024. Im Juli drang Sara Netanjahu Medienberichten zufolge darauf, dass der Personenschutz für sie und die Söhne verlängert wird – auf Lebenszeit und selbst für den Fall, dass Benjamin Netanjahu Ende Oktober abgewählt wird. Die Familie werde bedroht, gab sie an.

Netanjahus Frau forderte Personenschutz auf Lebenszeit

Die First Lady brachte ihre Forderung demnach bei Schin-Bet-Chef David Zini persönlich vor. Zini, der den Netanjahus nahestehen soll, gab daraufhin eine entsprechende Empfehlung ab, obwohl die professionelle Einschätzung des Schin Bets anders gelautet haben soll: Die Bedrohung für die Familie sei nicht außerordentlich hoch. Das zuständige Ministerkomitee entschied schließlich, Benjamin und Sara Netanjahu Personenschutz auf Lebenszeit zuzugestehen und Yair und Avner für fünf Jahre.

An dieser Entscheidung gab es viel Kritik – die kürzlich noch zunahm. Denn dem derzeit aussichtsreichsten Herausforderer Netanjahus bei der Wahl, Gadi Eisenkot, wollte Schin-Bet-Chef Zini keinen Personenschutz zugestehen. Er soll Eisenkot auf eine „Notfall-Hotline“ des Geheimdienstes verwiesen haben, sollte es eine Bedrohung geben. Das empfanden nicht nur dessen Anhänger als unangemessen. Die Atmosphäre im israelischen Wahlkampf ist schon jetzt aufgeheizt, es gibt Drohungen gegen Oppositionspolitiker wie Eisenkot. 1995 wurde der damalige Ministerpräsident Izchak Rabin auf einer Kundgebung von einem Extremisten erschossen. Vor wenigen Tagen erlaubte Zini schließlich, dass Eisenkot bewaffnete private Bodyguards haben dürfe.

Auch Benjamin Netanjahu geriet in der Sache unter Druck – er musste sich sowohl wegen des Eisenkot verweigerten Personenschutzes rechtfertigen als auch wegen der Forderungen seiner Familie. In diesem Zusammenhang brachte er das Mordkomplott gegenüber seinem Sohn auf. In dem Gespräch mit Kanal 14 sagte er, ohne die Bodyguards hätten die Attentäter womöglich Erfolg. „Und deshalb ist dieser Sicherheitsschutz kein Luxus.“

Plant Iran, Donald Trumps Sohn Barron zu ermorden?

Ein ehemaliges Mitglied der Personenschutz-Einheit, Zachi Zucker, nannte den Bericht über das Mordkomplott dagegen dubios. Auch das „Timing“ der Veröffentlichung werfe Fragen auf, sagte er dem Sender Kan am Mittwoch. Grundsätzlich halten israelische Fachleute es aber für glaubhaft, dass das iranische Regime Familienmitglieder der Anführer seiner Feinde ins Visier nehmen könnte, als Rache für die getötete eigene Führung. In einem kürzlich im iranischen Staatsfernsehen ausgestrahlten Bericht wurde darüber gesprochen, Barron Trump zu ermorden, den 20 Jahre alten Sohn des amerikanischen Präsidenten.

Erst vor Kurzem hatte ein möglicher Anschlag auf Donald Trump selbst Schlagzeilen gemacht. Nach dem NATO-Gipfel in Ankara im Juli hatte er heimlich das Flugzeug gewechselt, weil Iran angeblich die Air Force One attackieren wollte. Auch diese Information war von israelischen Geheimdiensten gekommen. Amerikanische und türkische Geheimdienstmitarbeiter sagten später verschiedenen Medien, sie hätten die Angaben nicht bestätigen können.

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