#„World ID“ von Sam Altman in Berlin vorgestellt

Seit einem halben Jahr lebt der Venezolaner Said Ramirez in Berlin. Sein Heimatland hat er verlassen, weil er dort keine Zukunft mehr sieht, nun steht er ihr Auge in Auge gegenüber, der Zukunft, oder zumindest einer aktuellen Version davon – und zwar im Berliner Einkaufszentrum Alexa. An einem kleinen Stand im Erdgeschoss in der Mitte eines Ganges, zwischen Süßwarengeschäft und der Filiale einer Optikerkette, stellt sich das neue Großprojekt des Open-AI-Chefs Sam Altman vor.

Harald Staun

Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Der Stand besteht aus einer hellen Holzbank mit schwarzen Sitzkissen, einer weißen Stellwand mit dem Firmenlogo und zwei volleyballgroßen Chromkugeln auf Ständern, den sogenannten Cogs. In ihrem Inneren arbeitet eine biometrische Technologie, welche die Iris der teilnahmewilligen Personen scannt. Wenn es nach Altman geht, sollen das irgendwann acht Milliarden sein – also alle, die sich als menschlich identifizieren. Und zwar vor allem deshalb, damit das auch so bleibt. Schließlich wird es immer schwerer, Menschen von Maschinen zu unterscheiden – wer sollte das besser wissen als der Mann hinter ChatGPT?

Den Beweis für die Menschlichkeit, die „World ID“, wiederum braucht Worldcoin, um eine globale Kryptowährungsplattform aufzubauen, so jedenfalls die Ambition. Diese wiederum soll irgendwann helfen, ein anderes Problem zu lösen, das Firmen wie Open AI zu schaffen drohen: Weil Künstliche Intelligenz die Menschen arbeitslos macht, sollen via Worldcoin alle Menschen ein universelles Grundeinkommen bekommen, auch jene rund 50 Prozent der Weltbevölkerung, die momentan ohne Pass leben.

Eine Mission wie von ChatGPT

Ab wann das Geld ausgezahlt werden soll und wer es finanzieren wird, lässt sich den Ankündigungen bisher nicht entnehmen, aber die Ambitionen sind so revolutionär, wie es sich für das Silicon Valley gehört: Worldcoin, heißt es im „Mission Statement“ auf der Website, „will einen universellen Zugang zur globalen Wirtschaft schaffen“ und „jeden Menschen auf dem Planeten willkommen heißen“. Schließlich glaubt man an „den inhärenten Wert und die Gleichheit jedes Menschen“. Es ist ein Weltverbesserungsjargon, der für die neuen KI-Propheten so typisch ist, als hätte ihn ChatGPT verfasst.

„Cog“ heißt das kugellförmige Gerät, mit dem Worldcoin biometrische Daten erfasst.


„Cog“ heißt das kugellförmige Gerät, mit dem Worldcoin biometrische Daten erfasst.
:


Bild: stau

Die blumige Rhetorik ist auch deshalb so bemerkenswert, weil hier, zwischen Lakritzbonbons und Kassengestellen, so gar nichts von ihr übrig bleibt. Der freundliche Mitarbeiter am Stand trägt zwar ein T-Shirt mit dem Worldcoin-Slogan „@unique human“, wurde aber über irgendeine Serviceagentur angestellt und kann nur ein paar grundlegende und praktische Auskünfte über das Projekt geben, für alles andere verweist er aufs Internet. Was wiederum schon deshalb kein Problem ist, weil die meisten nicht hierherkommen, um Gerechtigkeit für unregistrierte Globalbürger zu erkämpfen, nicht einmal wegen des Versprechens eines Grundeinkommens; sie kommen in den meisten Fällen für die 25 Worldcoin-Tokens, die zurzeit noch als eine Art Begrüßungsgeld verschenkt werden. Ein Token pro Woche wird danach auch noch per „World App“ ausgezahlt, der aktuelle Kurs schwankt gerade um die 2,20 Euro. Altmans Welterfassungspläne sind den meisten Teilnehmenden so egal wie die Bedenken um den Datenschutz. „Ich bin bei Apple registriert, die haben schon meine ganzen Daten“, sagt eine junge Frau namens Kelly, muss dann aber schnell weiter.

Warum ist das überhaupt erlaubt?

Auch Said Ramirez beschäftigt sich schon lange mit Kryptowährungen. Der Venezolaner ist überzeugt davon, dass die dezentralen digitalen Bezahlsysteme die Zukunft sind, auch wenn wir derzeit einen „Winter von Krypto“ erlebten. Und er freut sich, diesmal „vornedran“ zu sein. Er ist mit seiner ganzen Familie im Einkaufszentrum, Frau, Sohn, Tochter, Schwiegermutter. Aus der Perspektive eines Bürgers aus einem heruntergewirtschafteten Land wie Venezuela ist die Attraktivität nichtstaatlicher Kontrollsysteme verständlich. Als Europäer fragt man sich eher: Warum ist das überhaupt erlaubt?

Aber auch die dystopische Anmutung des Projekts zerfällt in der profanen Atmosphäre der Shoppingmall, jenem Ort totaler Überwachung, den man ja schon längst bedenkenlos betritt. Sogar die Cogs, deren dystopisches Design ein weiteres Paradox des KI-Mystizismus ist, in dem Hype und Apokalyptik einander befeuern, sehen von Nahem wie ein billiges Gadget aus. „Man kann eh immer überall fotografiert werden“, sagt ein junger Mann, dem ein Freund von der Aktion erzählt hat und der schnell ein paar ­Coins abgreifen wollte. Das ganze dauert nur ein paar Minuten, dann wird per App die universelle ID erteilt. Eine Revolution mit dem Charme einer Kaffeefahrt. „Du hast es geschafft, Glückwunsch!“, gratuliert der Aushilfsmitarbeiter jenen, die sich scannen lassen.

Nur einer bleibt an diesem Mittwochnachmittag der Weg in die Zukunft verwehrt: der venezolanischen Schwiegermutter. Die hatte sich spontan auch entschieden, zur Avantgarde der derzeit rund zwei Millionen Early Adopters zu gehören. Aber der Cog wollte nicht, vielleicht wegen der Internetverbindung, vielleicht weil die Frau nicht still genug hielt. Der Mitarbeiter hat noch eine andere Erklärung: „Die Frau war zu schön“, scherzt er.

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert