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Dass zwei Ausnahmefahrer eine Frankreich-Rundfahrt zu ihrem Privatduell machen, ist in der reichen Geschichte dieses Rennens keine Seltenheit. Dass aber zwei Überflieger zwei Rennwochen lang jede sich bietende Gelegenheit nutzen, unter höchster Anstrengung ein paar Radlängen und Sekunden Vorsprung vor dem anderen zu erhaschen, sehr wohl.
In der Tour-Geschichte auf die Spitze trieben es im Jahr 1989 Greg Lemond und Laurent Fignon, die in Paris gerade mal acht Sekunden trennte. Auf eine Entscheidung, bei der es auf wenige Radlängen und Sekunden ankommen könnte, steuern auch Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar zu. Nach einer zehrenden Wochenend-Doppelschicht in den Alpen trennen die beiden nur zehn Sekunden. Der dänische Vorjahressieger behauptete also knapp das Gelbe Trikot vor dem slowenischen Tour-Sieger der Jahre 2020 und 2021.
Zuschauer löst Massensturz aus
Auf der 179 Kilometer langen Etappe nach Saint-Gervais am Mont Blanc ließen es die beiden, umhegt von den Helfern ihrer starken Teams Jumbo-Visma und UAE, lange Zeit ruhiger angehen. Den Kampf um den Tagessieg überließen sie mit gebührendem Abstand den Rennfahrern, die sich in der großen Ausreißergruppe zig Scharmützel lieferten. Die 15. Etappe gewann letztlich Wout Pouels (Bahrain-Victorious) als Solist vor dem belgischen Star Wout van Aert. Dahinter startete Pogacars Team ein Rennen im Rennen – und brachte Vingegaard in Bedrängnis, indem sie ihn am letzten von fünf klassifizierten Anstiegen von all seinen Teamkameraden isolierte.
Pogacars Edelhelfer Simon Yates spannte sich vor das Favoritenduo, Vingegaard konnte auf seinen besten Adjutanten in den Bergen, Sepp Kuss, nicht mehr bauen. Der Amerikaner war schon 128 Kilometer vor dem Ziel mit einem unachtsamen Zuschauer kollidiert, zu Boden gegangen und hatte einen Massensturz im Peloton ausgelöst. Doch sein dänischer Chef schlug sich, wie schon tags zuvor beim spektakulären Schlagabtausch am Col de Joux Plane, abermals beachtlich.
Gegen die UAE-Überzahl im Etappenfinale und gegen einen ernsthaften Antritt Pogacars, den Vingegaars kühl und im Sitzen parierte. Als wenn es noch eines Bildes der zementiert scheinenden Pattsituation auf allerhöchstem Niveau bedurft hätte, lieferten es die beiden Duellanten, indem sie nebeneinander, Schulter an Schulter in Saint-Gervais über die Ziellinie rollten. Zwei Ausnahmefahrer, die von ihrer Fahrweise und Außendarstellung unterschiedlicher nicht sein könnten, vertagten ihren Zweikampf auf den nächsten Akt: Nach dem Ruhetag geht der Kampf um Sekunden am Dienstag weiter – mit dem ersten und einzigen Zeitfahren dieser Tour. Sehr wahrscheinlich, dass Pogacar und Vingegaard sich gegenseitig wieder erheblich zusetzen, aber nicht abschütteln werden.
Nahezu gleichstark
Am Samstag hatten sich die beiden Widersacher einen enorm intensiven, schier atemlosen Zweikampf am Anstieg zum Col de Joux Plane geliefert. Ein regelrechtes Radsport-Bergfest, das zum vorläufigen Höhepunkt der diesjährigen Tour-Auseinandersetzung der beiden jeglicher Konkurrenz weit Enteilten geriet. Vingegaards Team Jumbo-Visma hatte das Tempo den ganzen Tag über enorm hochgehalten, was Pogacar – bis zum Schluss gut unterstützt von den Kameraden vom Team UAE – aber nicht von einem mächtigen Antritt etwa drei Kilometer vor dem Gipfel des Schlussanstiegs abhielt. Der mit aller Kraft dagegenhaltende Vingegaard konnte dann wieder aufschließen.
Pogacars Offensivdrang und Spritzigkeit gegen Vingegaards Beharrlichkeit und Konstanz: Einmal mehr entpuppten sich die beiden als nahezu gleichstark. Der Vorjahressieger profitierte aber davon, dass Pogacar bei einem neuerlichen Angriff inmitten der nur eine enge Fahrrinne frei lassenden Zuschauermassen von einem Motorrad ausgebremst wurde. Was zu vielen Diskussionen im Nachgang und der Suspendierung der Krad-Crew für die Etappe am Sonntag zur Folge hatte. Der Slowene klagte darüber, dass ihm in dieser Szene „eine Patrone verschwendet“ worden sei.
Eine Unachtsamkeit Pogacars, die dafür spricht, dass er unter Stress auch mal zu Fehlentscheidungen neigt, bescherte Vingegaard mehr Bonussekunden auf der Kuppe des Col de Joux Plane, die Pogacar aber quasi wieder ausglich, als er im Ziel in Morzine beim Sieg des Spaniers Carlos Rodriguez (Team Ineos) eine Radlänge vor dem Dänen ins Ziel kam. Der Samstag war ein großer, ein staunenswerter Tour-Tag, aber mit nur kleinen Auswirkungen auf das Klassement. Vingegaard („Es war ein Kampf der Häuptlinge.“) konnte nur eine einzige Sekunde gutmachen. Dabei sollte es nach der alpinen Doppelschicht bleiben.
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