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In seinem Steuerhaus hat Simon Palmer ein Fläschlein zwischen die Fensterstreben geschraubt, auf dessen Etikett „Dunkirk Spirit“ steht. Es ist aber bloß schottischer Whisky darin. Der „Geist von Dünkirchen“ weht draußen. Er erfüllt seine Motoryacht, er weht an diesem Tag durch Dutzende weiterer alter Yachten, Kutter, Prahme, die im Hafen von Ramsgate liegen – und die im Begriff sind, dorthin aufzubrechen, wohin sie vor 85 Jahren schon einmal steuerten: an die französische Küste.
Damals, Ende Mai 1940, der Zweite Weltkrieg war neun Monate im Gang, hatte die deutsche Wehrmacht in einem raschen Vorstoß die britische und die halbe französische Armee am Ärmelkanal eingekesselt. Es blieb die Wahl zwischen Kapitulation oder Rettung übers Meer. Die britische Admiralität startete „Operation Dynamo“ – den Versuch, in aller Eile Hunderttausende Soldaten über den Kanal zu bringen. Sie schickte Zerstörer nach Dünkirchen und veröffentlichte einen Aufruf, den die BBC im Radio verbreitete: Alle Eigentümer von Booten mit Motor und einer Länge zwischen 30 und 100 Fuß (neun bis 30 Meter) sollten ihre Schiffe abliefern. Mehr als 800 brachen wenige Tage später nach Frankreich auf, mehr als 200 wurden während der Rettungsaktion versenkt. 338.000 britische, französische und belgische Soldaten erreichten die englischen Häfen Ramsgate und Dover.
Heute machen die „Dunkirk Little Ships“, die „Kleinen Schiffe von Dünkirchen“, in Ramsgate einen heiteren Eindruck. Dicht an dicht liegen sie im Hafenbecken, die Signalflaggenketten über die Masten gezogen, die Teakdecks der Yachten geschrubbt, ihre Mahagonileisten frisch lackiert. Die flachen Themse-Kähne lassen ihre roten Segel leuchten. Der Abschied ist fröhlicher, als es der Empfang sein wird. Erst ein Schiffer-Gottesdienst, mit einer Lesung jener Stelle im Markus-Evangelium, in der Jesus auf dem See den Wind und die Wellen beruhigt, dann erscheint die Militärkapelle der Royal Marines am Kai und schmettert den River-Kwai-Marsch, später spielt sie „Rosamunde“ und am Ende auch „Lili Marleen“.

Der Pastor segnet die Überfahrt. Eine Spitfire und eine Swordfish, Jagd- und Torpedoflugzeuge der Weltkriegszeit, fliegen Ehrenrunden über dem Hafen, das Publikum klatscht. Pensionierte Admirale erscheinen als Ehrengäste, sogar ein Mitglied des Königshauses ist da, Prinz Michael von Kent, Cousin von Elisabeth II., Ehren-Admiral der Little Ships und eine Art Galionsfigur dieser historischen Unternehmung: weißbärtig, fragil, aber in seiner Admiralsuniform mit schwarzem Gehstock trotzdem rege und neugierig.
Nachmittags flattern die Plastikwimpel lauter, die sich über das Gelände spannen, und der Wind frischt auf. Die letzte Crew-Besprechung findet im Yachtclub über dem Hafen statt. Die Eigentümer der Kleinen Schiffe sind seit Jahrzehnten schon in einem Verband organisiert; ihr Kommodore verteilt die nautischen Daten für die Überfahrt und die Positionsnummern in der Formation, in der am nächsten Tag der Kanal überquert werden soll. Er ruft nicht die Eigentümer auf, sondern die Namen der Boote: „Elvin? Wanda? Moonraker? Wayfarer? Wo ist Wayfarer?“
Simon Palmers Motoryacht heißt Hilfranor – eine Laune ihres ersten Besitzers, der sie nach den Namen seiner Töchter Hillary, Frances und Norah benannte. Ein schlankes Boot, knapp zehn Meter lang, Kabine vorn, Salon achtern, in der Mitte der geräumige Steuerstand. Vor mehr als 20 Jahren sah Simon eine Verkaufsanzeige in einer Fachzeitschrift. „Ich habe sie eigentlich nicht wirklich gekauft“, sagt der mittlerweile pensionierte Anwalt, „es war eine glückliche Fügung.“ Schon als Kind habe er seine Sommerferien auf einem Boot verbracht. Er behielt den Geruch nach Holz, Lack und der See in der Nase und griff zu, als sich die Gelegenheit bot, in diese Erinnerung zurückzutauchen – und sich ein historisches Zeugnis zu eigen zu machen. Jedes „Little Ship“ trägt die Messingplakette „Dunkirk 1940“; bei Hilfranor ist sie innen an der Stirnseite des Steuerhauses montiert.
50 Seemeilen ist die Strecke lang
Ein flüchtiger Blick ins Hafenbecken könnte vermuten lassen, die Überfahrt nach Dünkirchen sei eine Oldtimerrallye auf dem Wasser. Aber dieser Eindruck verschwindet rasch im Morgengrauen, sobald die Hafenmole passiert ist. Zwar sind die meisten der 70 Schiffe, die in der kabbeligen See vor den Kreideklippen ihre Plätze in der Flottille suchen, gediegene alte hölzerne Motorboote, auf die der englische Begriff „Gentlemen’s Yachts“ am besten passt. Aber die meisten Eigentümer entsprechen nicht dem Altherren-Klischee, ihre Crews sind häufig eine bunte Zufallstruppe, und die alten Fischkutter und gravitätischen Lastkähne, die in der Formation schwimmen, genießen die gleiche Achtung wie die polierten Motorboote.
Der Skipper von Hilfranor hat als „first mate“, als wichtigste Hand, Nick an Bord, Korvettenkapitän im Ruhestand, 42 Jahre im Dienst der Royal Navy. Außerdem fahren zwei alte Freunde mit, Andrew und Clive, die auf der Passage nach Dünkirchen schon das letzte Mal vor zehn Jahren dabei waren, und Cynthia, Hochsee-Seglerin und versierte Amateur-Pilotin. Alle helfen beim Ablegen, alle wechseln sich unterwegs am Steuer ab. Es ist kein gerader Kurs von Ramsgate nach Dünkirchen. Die 50 Seemeilen (92 Kilometer) lange Strecke bildet eher die Kurve eines sanften Z, zuerst in einem Haken um die Goodwin Sands herum, die langen Sandbänke zwischen Dover und Ramsgate, dann möglichst im rechten Winkel durch die Handelsschifffahrtsrouten im Kanal und dann westlich entlang der französischen Küste.
Eine Fahrt, die Konzentration verlangt
Die Fahrt in Formation verlangt pausenlose Konzentration. „Wenn ihr das noch nicht gemacht habt, kann ich nur sagen, es ist ziemlich beängstigend“, hatte der Kommodore in der Crewbesprechung prophezeit. So fühlt es sich während der nächsten zwölf Stunden auch an. Der Wind und die Gezeitenströmung bauen seitliche Wellen auf, nicht in gleichem Rhythmus, sondern in überraschenden Stößen. Wer sich nicht festhält, bleibt nicht auf den Füßen. In der Bordküche stürzen die Plastikbecher aus den Ablagen. Nick lässt ständig seine Augen kreisen, ob die Abstände stimmen, zu dem Kutter Cariona, der 80 Meter voraus fährt, und zu den beiden seitlichen Nachbarn im 40-Meter-Abstand, rechts Tom Tit, links Peggotty. Der Formationsplan sah noch eine vierte Yacht in der Reihe vor – Dorian –, aber die musste schon auf dem Weg nach Ramsgate in der Themsemündung umkehren.
Der UKW-Funk der Flottille meldet weitere Ausfälle während der Überfahrt. Eine alte Marine-Pinasse meldet sich gleich nach dem Aufbruch mit einem Schaden an der Steuerung. Der Schlepper Challenge kann nicht starten, die Treibstoff-Übernahme läuft noch. Mitten im Kanal schert Gentle Ladye plötzlich aus – Motorprobleme. Eines der eskortierenden Patrouillenboote der Royal Navy kommt zu Hilfe. Hinter Hilfranor stößt eine Yacht in die Formationsreihe vor. Simon und Nick kennen den Eigner. Der kämpfe mit einer Alterskrankheit, aber er habe einen Zweit-Skipper an Bord, der die Sache eigentlich im Griff haben müsse.
Unterwegs Fachsimpeleien auf dem Funkkanal: Darf die gelbe Q-Flagge (alles gesund an Bord, erbitte Einfahrt) mit der Flagge des Gastlandes, also der Trikolore, gesetzt werden? Dann noch eine Kursänderung. Die französische Küstenwache erbittet von der gesamten Little-Ship-Formation einen Schwenk nach Backbord, weil sie voraus ein Schleuser-Schlauchboot mit Migranten aufgebracht hat. Im Funk heißt es, es gebe einen „Vorfall“.
Die Evakuierungsschiffe folgten drei möglichen Routen
Vor 85 Jahren folgten die Evakuierungsschiffe drei möglichen Routen: entweder direkt hinaus auf die hohe See und vor der englischen Küste um die gefährlichen Sandbänke herum oder zuerst entlang der französischen Küstenlinie – unter Beschuss der deutschen Artillerie oder von Dünkirchen nach Nordost, durch ausgedehnte Minenfelder. Hilfranor wurde am Strand von deutschen Stukas auf Grund gesetzt, aber offenbar trotz gebrochener Spanten von einigen Soldaten wieder zum Schwimmen gebracht, die mit ihr Richtung England steuerten. Die meisten Kleinen Schiffe waren in Dünkirchen tagelang als Zubringerboote zwischen den flachen Sandstränden und den Kriegsschiffen der Royal Navy unterwegs, die wegen ihres Tiefgangs weit draußen vor der Küste auf die Flüchtlinge warten mussten.
Zur Begrüßung der Jubiläumsflotte in Dünkirchen weht auf der Stadtkirche der Union Jack. Abends empfängt der Bürgermeister die Offiziellen des Little-Ship-Verbands. Am nächsten Tag folgt das zeremonielle Totengedenken. Mehr als 4500 britische Soldaten ließen am Strand von Dünkirchen ihr Leben, viele von ihnen ertranken in den Rettungsschiffen, die von deutschen Torpedos versenkt wurden. Vor zehn Jahren, bei der letzten Überfahrt, waren noch einige Veteranen mit den Booten zurück nach Dünkirchen gekommen. Jetzt lebt niemand mehr von ihnen. „Jetzt tragen die Boote die Erinnerung“, sagt Nick, der pensionierte Korvettenkapitän, im Salon der Hilfranor. Der „Geist von Dünkirchen“, von dem bei seinen Eltern, seinen Großeltern oft die Rede gewesen sei, das Nicht-klein-Beigeben, die Opferbereitschaft für ein künftiges Ziel, „der steckt jetzt hier in dieser Holztäfelung, in diesen Polstern, in diesen Spanten“.
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