
Zeitverlauf und Endlichkeit sind Grunderfahrungen des Menschen. Was der Mensch erlebt, erlebt er in der Zeit.“ So bringt es der Physiker Helmut Fink auf den Punkt. Zusammen mit dem Wahrnehmungspsychologen Rainer Rosenzweig hat er einen fulminanten populärwissenschaftlichen Sammelband zur vertrackten vierten Dimension herausgegeben. Darin nähern sich zwölf Philosophen und Wissenschaftler in zehn gut verständlichen, unabhängig voneinander lesbaren Kapiteln dieser komplexen Thematik auf hohem Niveau.
Obwohl Bewusstsein durch und durch temporal ist, zählt die Zeit zu den größten Rätseln. Sie ist eine abstrakte Ordnungsbeziehung, kein physikalischer Reiz, der wahrgenommen werden kann wie Licht oder Schall. Immerhin wurde in Untersuchungen bereits entdeckt, wie und wo im Gehirn Prozesse stattfinden, die grundlegend sind beispielsweise für innere Uhren und die Abschätzung von Zeitspannen, für die Wahrnehmung von äußeren Bewegungen und eigenen Handlungen, für Erinnerung (Vergangenheit) und Erwartung beziehungsweise Planung (Zukunft). Ein „mentaler Zeitpfeil“ wird durch räumliche Begriffe gebildet, die teilweise erstaunlich universell sind – die Vergangenheit liegt „hinten“, die Zukunft „vorne“ –, zum Teil aber auch abhängig von der Kultur, besonders der Leserichtung (Zeitfluss nach „links“ oder „rechts“). Das Buch gibt spannende Einsichten zu dieser Thematik und ist als einführende Übersicht sehr zu empfehlen. Zeit für die Zeitlektüre lohnt sich also. Rüdiger Vaas
Helmut Fink, Rainer Rosenzweig (Hrsg.)
Zeit – Geist – Gehirn
Neurowissenschaft und Zeiterleben
Kortizes, 187 S., € 19,80
ISBN 978-3-948787-07-3
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