Wolken formen sich zu Figuren, die mit dem Finger auf etwas zeigen. Der Wald kriecht über den Horizont, krallt sich mit fingerknöchelgleichen Baumgruppen im Feld fest und erhebt seine Wipfel wie ein großer grüner Mann seinen Kopf. Die Natur, die der litauische Maler Mikalojus Konstantinas Čiurlionis in der kurzen Zeit seines Schaffens zwischen 1903 und 1909 ins Bild setzte, nimmt die surrealistischen Gestaltbildungen eines Salvador Dalì um dreißig Jahre vorweg.
In dem Bild „Die Stille“ taucht ein Berg buchstäblich auf – aus dem Meer. Zwei Lichter über der Uferlinie sind seine Augen. Die sprachliche Metapher des Auftauchens ist hier visuell wörtlich genommen worden. Die romantische Lyrik kannte solch kühne Bilder längst. Eduard Mörikes Gedicht „Um Mitternacht“ beginnt mit den Zeilen: „Gelassen stieg die Nacht ans Land, / Lehnt träumend an der Berge Wand, / Ihr Auge sieht die goldne Waage nun / Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn“. Es ist fast, als hätte der Litauer Čiurlionis sich von den deutschen Versen Mörikes – Čiurlionis sprach gut Deutsch, seine Mutter hatte es ihm beigebracht – zu seiner kühnen Bildfindung inspirieren lassen: die Nacht als Berg, ans Ufer der See gestiegen, mit zwei Augen, die ausgewogen über dem Meeresspiegel waagerecht stehen.

Seine Bildzyklen „Frühlingssonate“, „Sternensonate“, „Sonnensonate“ und „Tierkreis“ arbeiten mit Raumstaffelungen wie aus durchsichtigen Tüllschichten, die sich ins Unendliche fortsetzen. Sie greifen auf die physikalisch unmöglichen Treppenlabyrinthe von Maurits Cornelis Escher um Jahrzehnte voraus, denn der niederländische Grafiker war erst acht Jahre alt, als Čiurlionis seine Bilder schuf. Die gravitationskraftsprengenden Säulenreihen, schwebenden Viadukte und Pyramiden, die von gigantischen Engeln überkrönt werden können oder menschenleer bleiben, sind Beispiele einer pittura metafisica avant la lettre. Giorgio di Chirico, dem die Kunstgeschichte diesen Begriff gutschreibt, war dreizehn Jahre jünger als Čiurlionis.

Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, der am 22. September vor 150 Jahren im südostlitauischen Städtchen Varėna als Sohn eines Organisten zur Welt kam, gilt als bedeutendster Künstler Litauens mit einer immensen Mehrfachbegabung: Maler, Komponist und Schriftsteller.

In der wald- und wasserreichen Landschaft zwischen Memel und Szeszuppe, die in den Erzählungen Hermann Sudermanns zur Literatur wurde, wuchs Čiurlionis auf. In der Kindheit des Jungen durchdrangen sich Musik, Natur und alte heidnische Bräuche, die immer zur Sommersonnenwende hervorbrachen. Diese märchenhafte Welt des baltischen Yarilo-Kultes, die den russischen Komponisten Nikolaj Rimski-Korsakow zu seinen Opern und dessen Schüler Igor Strawinsky zu seinem Ballett „Le sacre du printemps“ inspirierte, taucht später auch in Čiurlionis’ Bildern auf: bärtige Weise vor magischen Lichtquellen, Ornamente litauischer Volksschnitzerei.
Das größte Naturerlebnis erwartete ihn, als er mit dem Schulorchester des polnischen Grafen Michał Ogiński nach Palanga kam: die Ostsee. Das Meer wurde für ihn zum Lebenssymbol schlechthin. „Ich möchte eine Symphonie schreiben aus dem Murmeln der Wellen, dem geheimnisvollen Flüstern eines hundertjährigen Waldes, aus dem Funkeln der Sterne, aus unseren Liedern und meiner endlosen Sehnsucht“, schrieb er 1908.
Čiurlionis studierte Komposition in Warschau, wo er in einer akademischen Chopin-Tradition ausgebildet wurde, was seine frühen Mazurken und Préludes auch widerspiegeln. Aber er las dort die Werke von Oscar Wilde, Henrik Ibsen, Edgar Allan Poe, Paul Verlaine und Maurice Maeterlinck, beschäftigte sich mit der Musik Johann Sebastian Bachs, Peter Tschaikowskys, Richard Wagners und teilte wie die gleichaltrige Gruppe des „Jungen Polen“ um Karol Szymanowski und Mieczysław Karłowicz die feurige Bewunderung für Richard Strauss, die sich noch vertiefte, als er sein Kompositionsstudium in Leipzig bei Carl Reinecke und Salomon Jadassohn fortsetzte.
Den Symbolismus aus Frankreich und Belgien hat Čiurlionis nicht nur literarisch in sich aufgenommen, sondern vermutlich auch durch die Gemälde polnischer Maler wie Jacek Malczewski, Józef Mehoffer, Witold Pruszkowski und Artur Grottger auf sich wirken lassen können. In Sankt Petersburg, wo er sich von 1908 an für kurze Zeit aufhielt, gewann seine Malerei die Wertschätzung russischer Kollegen wie Mstislaw Dobuschinski und Nikolaj Roerich, der als Bühnenmaler für die Ballets russes arbeitete. Schaut man sich frühe Bilder von Wassili Kandinsky wie „Mondnacht“ von 1907 oder „Eichen und Dryaden“ von Kasimir Malewitsch an, so sind sie von den Bildwelten Čiurlionis’ nicht weit entfernt.
Čiurlionis war litauischer Patriot. Sein Land gehörte damals einesteils zu Preußen, andernteils zu Russland. Literarisch stimmte Čiurlionis, der eigentlich Polnisch sprach und erst später Litauisch lernte, eine Hymne auf seine Heimat an der Memel – litauisch: Nemunas – an: „Über jenen Ufern, über dem allerliebsten Nemunas, ist der Himmel so klar, so sanft, so litauisch – man schaut und schaut und kann nicht genug bekommen. Das Herz schlägt höher, die Seele stimmt ein Lied an, eine Hymne an Den, der uns Litauen zum Vaterland gab“.
Čiurlionis schätzte an der Landschaft seiner Heimat das Gleiche wie an der Volksmusik, die er sammelte und bearbeitete: die scheinbare Ereignislosigkeit. So schreibt er: „Schön ist es, unser Litauen. Schön durch seine Traurigkeit, schön durch seine Einfachheit und Herzlichkeit. Hier gibt es keine zum Himmel ragenden Berge, keine rauschenden Wasserfälle; sieh dich nur um! Wie rührend einfach ist doch dieses Bild“. Und über die Volkslieder heißt es: „Was sind unsere Lieder, und was müssen wir an ihnen besonders schätzen? Das ungewohnte Ohr des Fremden empfindet zunächst viel Gleichmäßigkeit – Monotonie, aber das rührt vom Rhythmus her. Die Monotonie des Rhythmus, das ist eine der wichtigsten und – ich wage zu sagen – die schönste Eigenart unserer Lieder“.

Die Bilder von Čiurlionis haben in Westeuropa immer wieder großes, aber kurzes Aufsehen erregt und sind dann ebenso schnell jeweils vergessen worden. Es gab 1979 eine Čiurlionis-Ausstellung bei den Berliner Festwochen, 1991 in Berlin und Brüssel, 1998 in Köln, 2011 mit hochwertigen Reproduktionen in Heringsdorf. Kunstgeschichtlich haben sie kaum Wirkung entfalten können, weil sie nicht früh genug und nicht dauerhaft in Lateineuropa, dem Europa der „karolingischen Dominanz“, dem Imperium Karls des Großen und seiner heutigen Nachfolgestaaten, wo entschieden wird, was neu und wichtig ist, präsent waren.
In der DDR allerdings war Čiurlionis ein Begriff durch den vorbildlichen Bildband, den Gytis Vaitkūnas 1975 beim Verlag der Kunst Dresden herausgebracht hatte. Die Berliner Komponistin Ellen Hünigen schrieb 1988, angeregt von den ausgeklügelten Proportionen in Čiurlionis’ musikalisch strukturierten Bildern, eine Musik für Cello, Horn, Klavier und Schlagwerk.
Der zweite Grund für seine mangelnde Bekanntheit liegt in der Lichtempfindlichkeit seiner häufig mit Tempera auf Papier gemalten Bilder. Für teuerere Materialien hatte er kein Geld. Seine leuchtkräftigen Bilder werden lichtgeschützt im Čiurlionis-Museum in Kaunas wie in einem trutzigen nationalen Schrein aufbewahrt. Ausstellungen im Ausland werden aus konservatorischen Gründen immer seltener.
Dem Komponisten Čiurlionis hatte der Musikwissenschaftler und Pianist Vytautas Landsbergis sein forscherisches Leben gewidmet, bis er als mutiger und rhetorisch begabter Politiker Litauen 1991 in die Unabhängigkeit von der Sowjetunion führte. Das Klavierwerk von Čiurlionis reicht von chopinesken Miniaturen über herb-hartkantige Volksliedbearbeitungen bis zur späten „Meeressonate“ op. 28, die wie die Musik seines Altersgenossen Alexander Skrjabin in eine freie Atonalität vorstößt.
Die beiden symphonischen Dichtungen „Im Walde“ und „Das Meer“ folgen weniger Dramaturgien literarischen Erzählens als des schweifenden Schauens. Die Inspiration durch Strauss ist unverkennbar, die zeitliche Nähe zu Claude Debussy – bei gleichzeitiger Unabhängigkeit von dessen Musik – bedenkenswert, eine Nähe zu Antonín Dvořák und Gustav Mahler vielleicht zeittypisch.
Beim Musikfest Berlin hatte die litauische Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France „Das Meer“ von Čiurlionis in die Berliner Philharmonie gebracht, was ein historisches Ereignis für die Anerkennung Litauens als Kulturnation bedeutete. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der Dirigentin Onutė Grazinytė, hat sie beim Label Deutsche Grammophon eine Neuaufnahme der Orchesterwerke von Čiurlionis vorgelegt und am Vorabend des 150. Geburtstages des Komponisten eine Sendung in der schönen Reihe „Interpretationen“ auf Deutschlandfunk Kultur produziert. Das Gespräch der beiden Schwestern mit Volker Michael ist in der Audiothek abrufbar.
Die Anerkennung, die Čiurlionis in Russland fand, ermutigte ihn zu heiraten und eine Familie zu gründen. Seine Tochter sah er freilich nicht mehr aufwachsen. Aufgrund jahrelanger Überarbeitung verfiel Čiurlionis 1910 in eine Erschöpfungsdepression. Man brachte ihn in ein Sanatorium in der Nähe von Warschau. Im Frühling 1911 fand man den Fünfunddreißigjährigen verwirrt und unterkühlt im Wald. Er starb am 10. April 1911 an einer Lungenentzündung.
Doch so traurig Čiurlionis’ Ende auch sein mochte, seine Kunst ist lebenszugewandt und hell, ein Symbolismus ohne Décadence. „Man muss Licht in sich haben“, schrieb er einmal, „um für andere zu scheinen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen“.
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