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Die Nachricht vom Ende des Zweiten Weltkrieges verbreitete sich im Mai 1945 schnell. Doch nach der Kapitulation des NS-Regimes kehrte nicht sofort Frieden ein. Gewalt war weiterhin präsent; Schuld, Stigma und Zweifel beherrschten die Nachkriegszeit ebenso wie Leugnung und Verharmlosung. Ins Ausland geflohene Deutsche zögerten, zurückzukehren. Als Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene nach Deutschland verschleppte Menschen blieben entwurzelt im Land oder emigrierten. Zugleich setzten die Alliierten zusammen mit Regimegegnern die Grundsteine für die weitere deutsche Geschichte.
Heute vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa damit, dass die tags zuvor unterzeichnete Kapitulationserklärung aller deutschen Streitkräfte in Kraft trat. Doch auch die unmittelbare Nachkriegszeit nach dem 8. Mai 1945 war von Gewalt geprägt. Im Interview ordnet der Historiker Johannes Großmann von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ein, was das Kriegsende für die deutsche Bevölkerung bedeutete – und wie seine Folgen bis heute wirken.
Wie erfuhren die Deutschen am 8. Mai 1945, dass der Krieg zu Ende war?
Meist über das Radio, das ja bereits in Echtzeit sendete. Auch Zeitungen erschienen teils mehrfach am Tag, etwa als „Extrablatt“. Die Nachricht von Kapitulation und Kriegsende verbreitete sich also sehr schnell. Dort, wo die Alliierten schon einmarschiert waren – in Aachen etwa im Herbst 1944 –, herrschte bereits relativer Frieden. In den wenigen noch von der Wehrmacht gehaltenen Gebieten – darunter einige wenige Flecken in Bayern, Teile Österreichs, Böhmens und Sachsens – wurde die Bevölkerung dagegen bis zuletzt indoktriniert.
Wie erlebte die Bevölkerung die unmittelbare Nachkriegszeit?
Die meisten waren sicher erleichtert – aber auch im Unklaren darüber, wie sich die Alliierten ihnen gegenüber nun verhalten würden. Denn über den Vernichtungskrieg und die Gewalt gegen die Juden war laut neuerer Studien eine große Mehrheit der Deutschen durch direkte Erlebnisse, Schilderungen aus erster Hand und Gerüchte im Bilde – auch wenn die NS-Propaganda Informationen darüber konsequent zurückhielt. Nach Kriegsende präsentierten die Alliierten Plakate mit Bildern aus den Konzentrationslagern, auf denen ausgehungerte Gestalten und Leichenberge zu sehen waren. Und sie zwangen Deutsche, sich Lager wie Buchenwald oder Dachau mit eigenen Augen anzusehen.
Endete am 8. Mai jegliche Gewalt?
Nein, sie blieb präsent – einerseits dadurch, dass viele Deutsche durch erlebte oder selbst ausgeübte Gewalt abgestumpft waren, andererseits durch Waffen, die in private Hände gelangten und für Raubüberfälle und Plünderungen genutzt wurden. In den ersten Nachkriegswochen zogen Gangs marodierend durchs Land: Manche waren Opfer des NS-Regimes mit Rachegefühlen, andere ideologisch Verblendete oder einfach nur Kriminelle.
Auch Gewalt durch die Besatzer spielte weiterhin eine Rolle; sexuelle Übergriffe waren omnipräsent. Hier markierte das formelle Kriegsende aber tatsächlich einen Einschnitt, da die Alliierten nun sehr klare Befehle erließen, um die Gewalt gegen Zivilisten zu unterbinden – mit harten Strafen bis hin zu Todesurteilen. Schließlich konnten sie dem Vorwurf der Siegerjustiz nur dann glaubwürdig entgegentreten, wenn sie selbst keine Kriegsverbrechen verübten.
Auch in polnisch besetzten Gebieten oder der Tschechoslowakei ging der Krieg als Gewaltereignis weiter. Die historische Forschung ist sich heute einig, dass gerade Kriege, die weit über militärische Konflikte hinausgehen, etwa durch systematischen Genozid und Bevölkerungsverschiebung wie im Zweiten Weltkrieg, nicht einfach auf Knopfdruck enden.
Wie erging es Gegnern des NS-Regimes nach Kriegsende?
Die Alliierten suchten nicht kompromittierte Eliten, um Gesellschaft und Politik neu aufzubauen. Für die lokalen Verwaltungen setzten sie oft politische Akteure ein, die vom NS-Regime kaltgestellt worden waren: Sozialdemokraten, Zentrumspolitiker, aber auch nationalistische oder nationalliberale Kräfte, die aus monarchistischen oder religiösen Motiven gegen den Nationalsozialismus standen. Nicht alle waren lupenreine Demokraten. Gefragt waren „Remigranten“, die vor dem NS-Regime ins Ausland geflohen waren und nun oft mit guten Sprachkenntnissen zurückkehrten. Manche wollten jedoch nicht zurückkommen, andere taten sich schwer, in eine Gesellschaft zurückzufinden, die sie teils immer noch als „Vaterlandsverräter“ stigmatisierte.
Was geschah mit den überlebenden Opfern des NS-Regimes und mit Vertriebenen?
Vormalige Opfer des NS-Regimes und Vertriebene lebten nach Kriegsende oft entwurzelt in Deutschland. Zu den Millionen „dislozierter Personen“ zählten befreite KZ-Häftlinge – jüdische Überlebende, vom NS-Regime diffamierte oder queere Menschen – ebenso wie Millionen von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern aus Russland, der Ukraine und anderen ehemals besetzten Gebieten. Gewalt und Bevölkerungsverschiebung waren während des Zweiten Weltkriegs Hand in Hand gegangen.
Doch viele wollten nicht in ihre Herkunftsländer zurückkehren: Die jüdische Bevölkerung war etwa in Polen, der Slowakei und Ungarn auch nach dem Krieg von Pogromen bedroht. Oft blieben Überlebende deshalb zunächst sogar in den ehemaligen Konzentrationslagern, die die Alliierten zu „Displaced Persons Camps“ umbauten. Diese schwer traumatisierten Menschen brauchten Versorgung und eine Lebensperspektive, die viele in der Immigration nach Palästina oder in die USA fanden. Auch ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zögerten, nach Hause zurückzukehren, wo Gefangenschaft als Feigheit vor dem Feind und Kollaboration angesehen wurde. Viele blieben in Westeuropa oder emigrierten in die USA oder nach Kanada.
Wie verhielten sich deutsche Regimeanhänger nach dem Krieg?
Ein Weg, den manche NS- und Wehrmachtseliten aus Ausweglosigkeit oder ideologischer Verblendung wählten, war Selbstmord, oft kollektiv. Ein zweiter Weg war die Flucht – etwa über die berühmte „Rattenlinie“, über Österreich und Italien nach Lateinamerika. Die meisten Menschen aber nahmen die ausgestreckte Hand der Alliierten gerne an und arrangierten sich.
Viele wollten ihre eigene Schuld nicht eingestehen und von den Gräueltaten nichts gewusst haben, dichteten Lebensläufe um oder gaben an, jemandem geholfen zu haben. Andere beriefen sich darauf, nur vom Regime verführt worden zu sein. In dieser Sichtweise wurden sie auch durch die Nürnberger Prozesse 1945 und 1946 bestärkt, bei denen vorrangig politische und militärische Führungseliten vor Gericht standen.
Welche Bedeutung hat die unmittelbare Nachkriegszeit heute?
Sie war ein Ausnahmezustand, der für die weitere deutsche Geschichte elementar sein sollte. Viele Grundlagen der heutigen politischen und gesellschaftlichen Ordnung in Deutschland gehen auf sie zurück – vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach dem Vorbild der britischen BBC über die Länder- und Kommunalverfassungen bis hin zum Grundgesetz. Auch die Umstellung der auf „totalen Krieg“ getrimmten Kriegswirtschaft auf eine exportorientierte Friedenswirtschaft wurde von den Alliierten begleitet. Das kulturelle und wissenschaftliche Leben wurde ebenfalls neu aufgebaut. Besonders die Wiedereröffnung und Neugründung von Universitäten war den Alliierten wichtig. Sie waren überzeugt, dass nur Bildung ein demokratisches, friedfertiges Deutschland schaffen konnte.
Wie wurde nach Kriegsende an die deutschen Verbrechen erinnert?
Nach intensiver Erinnerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit setzte mit der Etablierung der Bundesrepublik und der DDR ein eher allgemeines, ritualisiertes Gedenken an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ ein. Eine kritische Auseinandersetzung blieb zunächst schwierig, da viele selbst Teil des NS-Systems gewesen waren und wenig Interesse an Aufarbeitung hatten. Erst im Laufe der 1970er- und 1980er-Jahre entstand eine reflektiertere und selbstkritische Erinnerungskultur.
Das Bewusstsein um die deutsche Schuld wirkt bis heute fort – aber neben intensiver Aufarbeitung gab es von Beginn an auch Verharmlosung, Relativierung und Forderungen, einen „Schlussstrich“ zu ziehen. Was bleibt, ist ein breiter Konsens, dass politische Entscheidungen unter Berücksichtigung der NS-Vergangenheit getroffen werden müssen – besonders in der Außenpolitik. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus wird uns auch ohne persönliche Erinnerungen nicht verlassen. Die bitteren Erfahrungen und Folgen jener Zeit sind viel zu sehr in unsere Kultur, Politik und Wirtschaft eingewoben – auch durch die Weichen, die die Alliierten damals gestellt haben.
Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München
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