Adenauer erfand Soja-Wurst: „Das Soja sollte die Wurst nur strecken“

Adenauer erfand Soja-Wurst: „Das Soja sollte die Wurst nur strecken“

Claudia Waibel, Sie sind Historikerin in der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Heutzutage posieren Politiker gern mit Bratwurst oder Döner, um Volksnähe zu demonstrieren. Der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, war da schon weiter: Er erfand selbst ­Lebensmittel, die den Bürgern zugutekommen sollten. Wie kam es dazu?

Von 1909 bis 1917 war Adenauer Erster Beigeordneter von Köln und ab 1914 zuständig für die Lebensmittelversorgung der Stadt. Eine schwierige Aufgabe, im Ersten Weltkrieg waren Lebensmittel knapp. Adenauer machte sich Gedanken, wie er die vielen Menschen angemessen versorgen könnte. Schon 1915 ließ er ein mit geschälten, gemahlenen und gedörrten Maiskörnern gestrecktes Roggenschwarzbrot patentieren. Ein Jahr später hatte er eine neue Idee: eine Wurst, teilweise aus Soja.

Wieso aus Soja? War Adenauer etwa ein Öko?

Nein. Das Soja sollte die Wurst nur ­strecken, haltbar machen und mit zusätzlichem Eiweiß anreichern – Haupt­bestandteil war immer noch Fleisch.

Wie ging er praktisch vor? Hatte er eine Versuchsküche, in der er Brote buk und Würste stopfte?

Nein, Adenauer überließ es meist Praktikern, seine Erfindungen auszuarbeiten.

Machte er denn noch weitere?

Ja. Die genaue Zahl ist schwer zu nennen, aber es waren Dutzende: die Gartenharke mit Hammerkopf, der elektrische Insektentöter, die Vorrichtung zur Verhinderung des Überfahrenwerdens durch Straßenbahnen . . . Aber Wurst und Brot sind die einzigen, für die er ein ­Patent anmelden konnte.

Gestreckt: Soja-Wurst nach Adenauers Rezept – sie erhielt allerdings nur ausländische Patente.
Gestreckt: Soja-Wurst nach Adenauers Rezept – sie erhielt allerdings nur ausländische Patente.StBKAH

Und da halfen ihm Bäcker und Metzger?

Genau. Er beschrieb ihnen seine Idee, dann schaute er ihnen über die Schulter, kommentierte und bat um Nachbesserungen. Entscheidend war für ihn, dass die neu entwickelten Lebensmittel sättigten, ausreichend Kalorien und Proteine enthielten und länger haltbar waren.

Also nicht, dass sie besser schmeckten?

Das war nachrangig. Wobei im Falle der Soja-Wurst sogar die „Geschmacksverbesserung“ als Vorteil des neuen Verfahrens im Patentantrag steht. Adenauer ­notierte dazu: „Es ist wahr, dass Sojabohnen recht schnell sauer werden, wenn man sie in feuchtem Zustand ­lagert. Aber wenn sie in Kontakt mit Fleisch gebracht werden, halten sie so weit wie möglich den Verwesungs­vorgang auf.“ Zur Geschmacksverbesserung wurden Gewürze zugesetzt.

Schmeckte die Wurst gut, haben Sie mal eine gegessen?

Nein, aber ich habe mir sagen lassen, dass ihre Konsistenz der einer sehr groben Bratwurst ähnelte. Adenauer ließ seine Erfindung, bevor er das Patent anmeldete, probehalber verkosten. Dazu wandte er sich an das Kölner Krankenhaus „Lindenburg“, das heutige Universitätsklinikum. Der Direktor, Professor Doktor Moritz, verteilte sie an Patienten und urteilte anschließend: „Die Wurst wurde gern genommen, gut vertragen und, wie der Stuhlgang erkennen ließ, gut ausgenutzt.“

Und wurde sie dann ein Erfolg?

Nein, sie wurde in Deutschland während des Ersten Weltkriegs nicht produziert. Sie erhielt nur ausländische Patente. Beim Brot war es anders, das wurde vom Kaiserlichen Patentamt zertifiziert. Trotzdem wurde es nie in größeren Mengen her­gestellt. Ein Grund dafür wird die Maisknappheit in den letzten Kriegsjahren gewesen sein. Daher gibt es auch keine entsprechende Rezeption aus der ­Bevölkerung. Trotzdem machte sich Adenauer einen Namen als guter Versorger seiner Bürger: Wegen der von ihm initiierten Suppenküchen in den Jahren des Ersten Weltkrieges wurde er auch „Graupenauer“ genannt.

Haben Sie das Brot mal probiert?

Ja, es schmeckt säuerlich. Mich erinnert es geschmacklich ein wenig an Pumpernickel. An dem Brot tüftelte Adenauer übrigens länger, die ersten Versuche schlugen fehl. Das Brot war nicht nur matschig und schimmelte schnell, sondern war auch geschmacklich nicht tragbar. Nach längerem Überlegen hatte Adenauer die entscheidende Idee: Der Mais sollte vorab – ähnlich wie Grünkern – gedarrt werden. Das Verfahren griff: Das Brot war fest, länger haltbar und ­geschmacklich in Ordnung.

Wie ernährte Adenauer sich selbst?

Eher asketisch. Er aß wenig und einfach. Morgens gerne Zwieback. Als er schon Bundeskanzler war, brachte er sein Henkelmännchen mit Suppe, Eintopf oder Butterbroten mit ins Kanzleramt. Auch abends oder am Wochenende aß er gerne so, er mochte außerdem einfache Süßspeisen. Von seiner Haushälterin, Resi Schlief, ist ein Büchlein mit seinen Lieblingsrezepten überliefert. Da stehen zum Beispiel Sauerampfersuppe, Karottensuppe, Apfel-Kirsch-Auflauf oder Apfel-Reis-Auflauf drin.

Aha: wenig Fleisch! Das wird ja heute gerühmt als gesunde Ernährung. War Adenauer ein Avantgardist?

Vor allem war er immer sehr pragmatisch. Das zeigt sich nicht nur an seinen Erfindungen, sondern auch an vielen Bau- und Einrichtungsdetails in seinem Rhöndorfer Wohnhaus. Wenn man mit offenen Augen durch die Zimmer geht, entdeckt man manche Besonderheit, die nicht zeit­typisch war. Vieles ließ er ganz individuell gestalten.

War Adenauer stolz auf seinen Erfindergeist?

Aus den Korrespondenzen mit dem Patent­amt und mit Patentanwälten geht durchaus eine selbstbewusste Haltung im Hinblick auf seine Erfindungen hervor. Adenauer preist selbstverständlich deren Vorzüge an – wie das bei Patentanmeldungen üblich ist. In privaten Briefwechseln erwähnt er bestimmte Abläufe bei der Patent­entwicklung und -anmeldung, reflektiert aber nicht seine Rolle als Erfinder. Später sagt er einmal – freilich in anderem Zusammenhang, nämlich in seiner Einführungsansprache als Kölner Oberbürgermeister 1917: „Sich ganz auszuwirken, mit den Kräften und der Seele, mit seiner ganzen Persönlichkeit schöpferisch tätig zu sein, ist der schönste Inhalt des menschlichen Lebens.“ Bezogen war das auf das politische Wirken, aber vielleicht dachte er insgeheim auch ein wenig an seine Tätigkeit als Erfinder.

Und später, als Kanzler? Wenn heute ein Kanzler so viele Erfindungen gemacht hätte, wäre das ja ein großes Thema.

Adenauer thematisierte seine Erfindungen öffentlich nicht. Es gibt kein Interview und keine Rede, in denen er sie angesprochen hätte. Allerdings spiegelte sich seine Freude an lösungsorientiertem Arbeiten auch in seiner Politik wider. 1962 beschrieb er das so: „Jede politische Frage wie auch sonstige Fragen werden, wenn sie zu lange liegen bleiben, irgendwie langweilig oder uninteressant. Und das ist mit einer der Hauptgründe für mich, warum ich sage, erst anfangen ist die Hauptsache, auch wenn man zuerst klein anfängt. Man kann nicht sofort etwas Perfektes schaffen. Man fängt klein an, und die Dinge tragen dann das, was angefangen ist, weiter.“

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