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#„Atlantide“: Venedig, wie man es noch nicht gesehen hat

„„Atlantide“: Venedig, wie man es noch nicht gesehen hat“

Junge Menschen nackt auf neonbeleuchtetem Boot
Foto: Rapid Eye Movies

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Yuri Ancarani entwirft in „Atlantide“ ein Porträt von Venedig, das einige der herausragendsten Filmmomente des Jahres schafft. Jetzt im Kino.

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Ein letztes Stück Freiheit versprechen die kleinen Boote, die sich mal gleitend, mal rasend durch die Lagune von Venedig bewegen. Anderswo wären es Autos, hier werden die Wasserfahrzeuge zum Fortbewegungsmittel, Rückzugsort und Statussymbol. Ein paar Halbstarke schrauben an diesen Vehikeln, Elektrobässe wummern aus drapierten Lautsprecherboxen. Auf dem Wasser liefert man sich gefährliche Wettrennen, konsumiert Drogen, sammelt sexuelle Erfahrungen oder lässt sich einfach treiben.

Der Dokumentarfilmer Yuri Ancarani („Die Herausforderung“) hat diesem Lebensgefühl mit „Atlantide“ ein ungemein faszinierendes, bild- und klangmächtiges Werk gewidmet. Es ist der Versuch, der Stadt Venedig und ihren heranwachsenden Bewohnern eine neue künstlerische Form zu verleihen. Zwischen Touristenhotspots und geschichtsträchtigen Kulturdenkmälern entwirft Ancarani ein Jugendporträt, dessen sommerliche Leichtigkeit fortwährend von ihrer Kehrseite erdrückt wird.

Junger, halbnackter Mann in der Lagune
Foto: Rapid Eye Movies

Die versinkende Stadt

„Atlantide“ – schon der Titel atmet Untergangsstimmung. Venedig, das ist eine weitere Stadt, die im Meer versinkt, ein neues Atlantis. Ancarani zeigt eine Jugend, die in diesem nassfeuchten Kosmos ihrer Perspektivlosigkeit in die Augen blickt. Selbst die Dalben im Wasser fangen schon zu rotten an, werden zum Verhängnis, weisen keine Wege mehr. Nichts scheint da mehr etwas wert zu sein. Man begnügt sich noch mit etwas Kräftemessen, ein paar kleinen Konkurrenzen. Oder man arbeitet an der Fassade: die der Boote, aber auch des Körpers. Einmal zeigt Ancarani Hände, die in einer Maniküresitzung bearbeitet werden. Im Hintergrund hört man die beiden Frauen sprechen. Sie habe aufgehört zu träumen, erwidert das Mädchen auf die Frage nach ihrer Zukunft. In Großaufnahme werden ihre Nägel abgefeilt.

„Atlantide“ ist kein Film der Erklärungen, der eine Ursachenforschung betreiben würde. Das verleiht ihm womöglich selbst einen Hauch von Oberflächlichkeit. Und doch schaffen seine inszenierten Beobachtungen einige der dichtesten, unvergesslichsten Filmmomente dieses Kinojahres. Weil „Atlantide“ ein Film über das Zusehen ist, Kino in Reinform. Es ist ein forschendes, neugieriges, ambivalentes Abwandeln eines Ortes und Empfindungsraumes, den Ancarani von den Booten aus erkunden lässt, welche wiederum als bildschöne Choreografie von Neonlichtern durch das Wasser fahren. Er sucht nach Spuren an Wänden, Masten, Fahrzeugen, die früher einmal jemand hinterlassen hat. Besessene Schauplätze gibt es hier zu sehen.

Junge und Mädchen nachts im Boot
Foto: Rapid Eye Movies

„Atlantide“ erzählt vom Sehen

Einmal bricht die weite Welt in diesen Kosmos ein: Ein Kreuzfahrtschiff schiebt sich als leuchtende, leinwandfüllende Wand in das Bild, Blicke begegnen sich. Was sehen sie überhaupt? Ornament, verschwimmende Formen. Man schaut sich an und doch aneinander vorbei. Da sind die gaffenden Touristen in ihren kolossalen fahrenden Städten, die vielleicht ein Panorama, ein Sammlung architektonischer Schönheiten sehen. Und sie schauen zurück, unfähig einander wahrhaft begegnen zu können: die einheimischen Jugendlichen, die von diesen Urlaubsmonstren und einem Hauch von Fernweh heimgesucht werden.

Es ist ein Film über eine Welt, die mit ihrer eigenen Identität fremdelt, während sie mit allerhand exotisierenden Bildern aufgeladen ist. Hier die alte Heiligenstätte, ein geweihter Ort, nebenan eine Party von Menschen, die mit dem historischen Ballast nichts mehr anfangen können und wollen. Hier die Projektionen von außen, dort die eigentliche Lebensrealität derer, denen es nicht vergönnt ist, von Ort zu Ort zu reisen, aus dem eigenen Dasein aufzusteigen und auszubrechen. Diese Konflikte zeigt „Atlantide“ auf so meisterhaft atmosphärische Weise, ohne sie in totalen Wahrheiten vereinfachen zu wollen.

Venedig Hafen
Foto: Rapid Eye Movies

Jenseitsreise durch Venedig

Um das Sterben geht es da, aber ist es nicht einfach nur eine vorhersehbare Katastrophe von vielen, die sich in diesen letzten Anklängen von hemmungslosem Hedonismus anbahnt? Yuri Ancarani bietet darauf keine einfach Antwort, aber lässt die Stadt in einem unvergesslichen letzten Akt sprechen. Er zeigt noch die Versuche einer heranwachsenden Generation, sich diesen mystisch-trostlosen, schweigsamen Ort mit lauten Bässen und flackernden Lichtern zu erobern. Sich für kurze Zeit in Rauschzuständen, Ekstasen, Zwischenmenschlichkeiten selbst zu fühlen. Doch es nützt nichts, Licht und Klang verhallen in den düsteren Wassergassen.

Venedig, das Atlantis, verschluckt irgendwann auch die Kamera. Sie gleitet durch Brücken und Häuserschluchten, dreht sich, verschwimmt mit Spiegelungen. Eine Stadt schafft sich abstrakte Gebilde, ein architektonisches Kaleidoskop. Von beklemmender Düsternis geht es irgendwann doch noch zu finalen Momenten der Schönheit, einem Licht. Man muss den Kopf kippen, um in dieser hypnotischen, menschenbefreiten Jenseitsreise noch etwas klar erkennen zu können. Und so lehrt es auch dieser umwerfende Film: die Perspektive zu ändern.

„Atlantide“ feierte bereits 2021 Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Venedig. Seit dem 8. September 2022 läuft der Film regulär in den deutschen Kinos.

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Von

Janick Nolting

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