#Auch eine Art von Happy End

Auch eine Art von Happy End

Sophie ist vieles, impulsiv, hübsch, selbstbezogen, nur weise nicht unbedingt. Und Georg ist kein Drachentöter, nicht einmal ein Märtyrer, sondern Freizeitmusiker und angehender Architekt. Die Figuren in diesem so stillen wie starken, analytisch genauen Beziehungsfilm von Miriam Bliese sind gegen die Symbolik ihrer Namen besetzt, was schon andeutet, wie wenig verkopft es zugeht. Was dieses mosaikartige Porträt der Generation Patchwork auszeichnet, ist seine absolute Lebensnähe. Bis in feinste Nuancen glaubhaft sind die Stimmungen, Kompromisse und Vorwürfe, mal voller Tragikomik, dann wieder giftig-unversöhnlich: „Er soll bloß nicht glauben, dass er Jakob bekommt. Ich werd‘ so viele Aussagen gegen ihn sammeln, dass er daran erstickt.“

Keine Trennung stellt einen Vorzustand wieder her, schon gar nicht, wenn Kinder involviert sind. Blieses betont unaufgeregtes Drehbuch, das von Birte Schnöink und Ole Lagerpusch überragend interpretiert wird, drückt sich nicht vor den emotionalen Widersprüchen in der Auseinandersetzung eines Paares, das nach der gemeinsamen Zeit um das Sorgerecht für ein Kind streitet. Gut beobachtet wirkt es, wie die nach wie vor vorhandene Nähe nun dazu benutzt wird, besonders schmerzhafte Treffer zu landen, während zwischenzeitlich sogar kleine Annäherungen wieder möglich scheinen. Kindern macht es das besonders schwer, mit der kippligen Situation umzugehen.

Wie schon in Blieses minimalistischem Kurzfilm „An der Tür“ (2013), der von einer flüsternahen Distanz-Unterhaltung eines Ex-Paares (Wolfram Koch; Jeanette Hain) bei der Übergabe des Kindes handelte, avanciert die Gegensprechanlage zum sinnfälligen Symbol für die fragile Kommunikation zwischen Eltern, denen ein Kind zum kleinsten gemeinsamen Nenner wurde. Eine Sprechverbindung über dieses halbvergessene Analogmedium ist öffentlicher als ein Telefonat (immer kommt gerade jemand aus dem Haus), aber nicht weniger intim, schon weil es oft an der Tür stattfindet, die einmal die eigene war und die nun Grenze ist. Selbst verzweifelte Sätze spricht man in das blechverblendete Mikrofon eigentümlich gebremst: „Du schickst mir jetzt sofort Jakob runter. Wenn du schon wieder mit dem Scheiß anfängst, dann trete ich die verdammte Tür ein, das verspreche ich dir.“

Es sind aber nicht nur Fragmente einer Sprachlosigkeit nach dem Verdunsten der Liebe, die Miriam Bliese uns vorführt. Sie nimmt in ihrem Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB), den langen Weg: Wir sehen in Rückblicken auch dem Entstehen der Beziehung zwischen Georg und Sophie zu, das sich – wenngleich in Sommerbildern – ebenfalls lebensnah vollzieht, nicht als Fernsehfilmmärchen. Georg war einfach da, als Sophie ihn brauchte, schwanger von einem anderen Musiker, der sich noch vor der Geburt seines Sohnes aus dem Staub gemacht hat. Die beiden kamen sich näher, ganz zwanglos stand plötzlich das Wort „immer“ im Raum und irgendwann die Adoption. Auf einer anderen Zeitstufe sehen wir sie mit Freunden das Ende der Stillzeit feiern, auch das im Eingangsbereich ihres Wohnblocks, einer Betonkulisse mit trauriger Rasenbeilage, in der fast der gesamte Film spielt.

Dass durch diese grundlegende Regieentscheidung das Budget wohl überschaubar blieb, ist nur ein Nebeneffekt. Als wichtiger darf gelten, dass mit der Bühnensituation eine theaterhafte Verdichtung einhergeht, die perfekt zum Kammerspielcharakter dieser Reflexion über die Liebe und ihre familiären Folgekosten passt; die wenigen Requisiten, ein Plastiktisch, eine selbstgebaute Sitzecke, tun ein Übriges. Das hält die elliptische Erzählung schon visuell zusammen. Man könnte beinahe von „Framing“ sprechen, denn mit dem kaum aufs Verweilen ausgelegten, von Markus Koobs Kamera farblos trist inszenierten Hauseingang hat Bliese ein Bild von emblematischer Kraft für moderne, freiheitsbetonte Durchgangsbeziehungen gefunden. Heute, wo Nestbau und Rückzug als Insignien bürgerlicher Spießigkeit gelten, finden Beziehungen im Halböffentlichen statt, im zugigen Foyer des Privaten, zu dem auch Freunde, Bekannte und Ex-Partner Zugang haben. Trennungen gehören dazu. Individualismus versus Tradition: Eine Wertung nimmt der Film nicht vor.

Miriam Bliese, selbst Mutter in einer Patchwork-Familie und Tochter getrennter Eltern, den Schauspielern Eleonore Weisgerber und Joachim Bliese, legt allenfalls nahe, dass sich das in moderne Großstadtbeziehungen von Beginn an eingebaute Patchwork-Modell bei allen Problemen immerhin leichter damit tut, Gegebenheiten anzuerkennen. Auch das porträtierte Paar findet zu einem stabilen Zustand zurück, einem Modus vivendi, wobei ausgerechnet dem neuen Freund Sophies (Andreas Döhler) eine wichtige Rolle als Vermittler zukommt. Wie sich das im Detail abspielt und in Höhen wie Tiefen musikalisch (mit freundlicher Ironie) gespiegelt wird – Sohn Jakob (Justus Fischer) hat seinen großen Auftritt mit den Ewige-Liebe-Schlagern „Anneliese“ und „Liebeskummer lohnt sich nicht“ –, das ist von ergreifender Intensität und Lebensklugheit.

Die Einzelteile der Liebe läuft um 22.50 Uhr als „Filmdebüt“ im Ersten.

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