„Auf Halbmast“
Der amerikanische Präsident Biden hat für Bundeseinrichtungen fünf Tage lang Trauerbeflaggung angeordnet. Der Grund dafür ist eine schreckliche Zahl: Mehr als 500.000 Menschen sind in den Vereinigen Staaten bislang an Covid-19 gestorben; weit mehr als in jedem anderen Land – und mehr, als amerikanische Soldaten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg zusammengenommen gefallen sind. Es ist eine unvorstellbare Zahl, deren Bedeutung der Berater des Präsidenten Anthony Fauci so ausdrückt: Die Vereinigten Staaten hätten sich schlechter als fast jedes andere Land geschlagen. „Und wir sind ein hochentwickeltes Land.“ Ja, das sollte man meinen. Ein Land, das vier Prozent der Weltbevölkerung stellt, aber ein Fünftel der Corona-Toten. Es nimmt nichts von der Tragik, wenn man die Todeszahlen in Beziehung zur Größe der Bevölkerung setzt.

Ist es wirklich eine Tragödie? War es schlechtes, mangelhaftes Krisenmanagement der Regierung in Washington und der Bundesstaaten? Lag es am Gesundheitssystem, das zwar für die beste medizinische Versorgung der Welt bekannt ist, in Teilen und für große Gruppen aber vollkommen ungenügend ist? Lag es daran, dass der frühere Präsident Trump vom Coronavirus zunächst nichts wissen wollte, die Gefahr banalisierte und dann den Kampf dagegen politisierte?
Fauci wird es wissen, schließlich stand er schon in Trumps Diensten. Aber der hörte nicht auf ihn, machte ihn lächerlich, so wie er überhaupt auf wissenschaftlichen Rat wenig gab. Mehr als 500.000 Tote – das ist ein „herzzerreißender Meilenstein“. Und Biden hat recht: Als Nation kann Amerika dieses grausame Schicksal nicht akzeptieren.
Aber dafür muss es in sich gehen, der Sache auf den sozialen, politischen, föderalen Grund gehen, warum das Coronavirus derart verheerende Folgen hatte. Es langt nicht, sich mit Verweis auf Amerikas Widersprüche herauszuziehen, also den Infektions- und Todeszahlen den zweifellos erstaunlichen Erfolg bei der schnellen Entwicklung wirksamer Impfstoffe entgegenzustellen. Amerika, das gerade wieder die Welt mit seiner Mars-Mission beeindruckt, während wegen eines Kälteeinbruchs bei der Energie-Supermacht Texas tagelang der Strom ausfällt, hat Dysfunktionalitäten, denen es sich dringend stellen muss. Die Corona-Toten sind eine Mahnung für die amerikanische Demokratie und die amerikanische Gesellschaft.
Im vergangenen Jahr beschrieb ein irischer Autor das Gefühl, das viele Nichtamerikaner angesichts des Infektionsgeschehens in den Vereinigten Staaten hätten, als Mitleid – Mitleid mit Amerika. Das war neu. Das Land, das sich im Systemwettbewerb mit einer künftigen Weltmacht sieht, wird über kurz oder lang zu einer neuen Normalität finden und mit imponierenden Wirtschaftsdaten glänzen. Aber mit Hunderttausenden Menschen, die einer Erkrankung der Atemwege zum Opfer gefallen sind, und mit Mitleid dürfen sich die Amerikaner nicht abfinden.
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