Batavus und Winora: Der Abstieg des Fahrradriesen Accell

Batavus und Winora: Der Abstieg des Fahrradriesen Accell

Nach Jahren des Niedergangs unter dem Finanzinvestor KKR steht der Fahrradkonzern Accell abermals vor dem Verkauf – und zwar wahrscheinlich nach Asien. Als neuer Eigner zeichnet sich die Investmentholding Dutech aus Singapur ab, die über die chinesische Tochtergesellschaft Tristar im Jahr 2023 schon angeschlagene deutsche Fahrradhersteller erwarb: Prophete sowie die Cycle Union mit ihren Marken Kreidler, VSF Fahrradmanufaktur und Rabeneick. Accell bestätigte auf Anfrage, das Management habe einen Verkaufsprozess aufgesetzt und spreche mit Dutech.

Der Schritt folgt auf eine Geschichte des Abstiegs in den vergangenen Jahren: Accell war bis 2022 börsennotiert, ließ sich für 1,7 Milliarden Euro einschließlich Schulden vom amerikanischen Private-Equity-Haus KKR und dem niederländischen Investor Teslin übernehmen. Dann geriet das Unternehmen in Schieflage und nach einer Schuldensanierung Anfang des Jahres schließlich in die Hände von Gläubigern.

Die suchen nun einen neuen Eigner: „Das Managementteam ist mit einem M&A-Prozess beschäftigt“, bestätigte eine Accell-Sprecherin; das Kürzel steht für Mergers & Acquisitions, also für Fusionen und Übernahmen. Zu konkreten Gesprächspartnern äußern sich Unternehmen normalerweise nicht. Dass die Sprecherin in diesem Fall Dutech bestätigte, liegt an einer Veröffentlichung des Bundeskartellamts in Bonn: Dutech hat demnach das Übernahmevorhaben bei der Behörde angemeldet, die Verhandlungen sind also offenkundig weit fortgeschritten – auch wenn die Accell-Sprecherin betonte: „Es gibt noch keine Vereinbarung.“

Zwei Riesen mit wenig bekannten Namen

Accell ist eines von zwei niederländischen Markenkonglomeraten, die den europäischen Markt beherrschen – neben Pon. Bis vor Kurzem war das Unternehmen das größere. Beide Holdings tragen wenig bekannte Namen, während ihre Marken Fahrradliebhabern weithin geläufig sind. Es verhält sich ähnlich wie in der Autobranche mit Stellantis: Fiat und Citroën, Opel und Peugeot, Chrysler und Jeep sind den meisten Menschen bekannt – das Gebilde als Dach über diesen und anderen Marken ist es weit weniger. Accell führt neben den genannten Marken unter anderem noch Focus, Koga und Babboe. Pon steht für eine Reihe Marken von Gazelle bis Cannondale, Kalkhoff bis Focus, Urban Arrow bis Veloretti.

KKR und die niederländische Investitionsgesellschaft Teslin hatten Accell 2022 in einer Zeit erworben, als die Branche von einer Sonderkonjunktur durch die Corona-Pandemie profitierte. Radfahren war eine der wenigen möglichen Freizeitbeschäftigungen jener Zeit gewesen. Doch der Markt kühlte nach dem Ende der Pandemie schnell ab, schließlich hatten die Verbraucher ihren Bedarf gerade gedeckt. Die Hersteller mussten zusehen, wie die vollen Lager sich nicht leeren wollten, und verkauften Fahrzeuge zu hohen Rabatten. Als hauseigenes Problem kam bei Accell die Tochtergesellschaft Babboe hinzu: Das Unternehmen rief auf behördliche Anordnung Lastenräder zurück, nachdem es Meldungen über Rahmenbrüche gegeben hatte; die Produktion lag monatelang still.

Accells Umsatz sank im Jahr 2024 – neuere Zahlen sind noch nicht verfügbar – um mehr als ein Fünftel auf gut eine Milliarde Euro. Damit erzielte das Unternehmen aus Heerenveen nur noch halb so viel Umsatz wie der zweite heimische Großanbieter Pon. Accell bezeichnet sich jetzt als „einen führenden europäischen Hersteller von Fahrrädern und größtes Händlernetz für Fahrradteile und Zubehör in Europa“.

Um in seiner schwierigen Lage operativ gegenzusteuern, zentralisierte und verlagerte Accell Produktion. Außerdem handelte das Unternehmen einen Schuldenschnitt mit Kreditgebern und Hausbanken aus, ebenso Geldspritzen durch die Eigentümer. Im Februar dieses Jahr aber kam es zum radikalen Schnitt: Eigentümer und Gläubiger handelten ein Geschäft aus, in dem gewährtes Fremdkapital in Eigenkapital umgewandelt wurde. KKR und Teslin stiegen im Zuge dieser Vereinbarung aus dem Unternehmen aus. Doch sehen sich Spezialisten für Fremdkapital naturgemäß in der Regel nicht als langfristige Eigentümer eines sanierungsbedürftigen Unternehmens an und suchen daher den möglichst schnellen Ausstieg. Aus dieser Perspektive kann das Vorhaben als Notverkauf interpretiert werden.

Investor mit einer Reihe deutscher Unternehmen

Dutech ist fokussiert auf Technikprodukte, die von Tresoren über Fahrkarten- und Spielautomaten bis hin zu Fahrradteilen reichen. Das Unternehmen war früher in Singapur börsennotiert und wurde 2021 vom Parkett genommen. In der deutschen Fahrradbranche hat Dutech außer den genannten Gesellschaften inzwischen auch den angeschlagenen Berliner Lastenradhersteller Onomotion erworben.

Der Markt in Deutschland steht weiter unter Druck: Im vergangenen Jahr sank der Umsatz aus dem Verkauf traditioneller Räder und E-Bikes nach Angaben des Herstellerverbands ZIV um 7,7 Prozent auf 5,85 Milliarden Euro. Auch außerhalb der Fahrradbranche ist Dutech in Deutschland aktiv: Es nennt als Unternehmen in seinem Besitz den Fahrscheinautomatenhersteller Krauth, den Safehersteller Format, den IT-Dienstleister Almex und den Mechatronikentwickler und -fertiger Deutsche Mechatronics.

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