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#Bei Habecks und Baerbocks auf der Couch

Bei Habecks und Baerbocks auf der Couch

Vielen Zuschauern dürften die Bilder vom digitalen Parteitag der Grünen vergangenes Wochenende Fragen aufgegeben haben. Wie in einem „Finden Sie die zehn Fehler“-Rätsel wirkten die im Berliner Tempodrom zusammengebrachten Einrichtungsgegenstände vor künstlich aufgerichteten Wänden farblich und von ihrer Aussage her so heterogen, dass dieses Interieur des Schreckens nicht absichtslos entstanden sein dürfte.

Stefan Trinks

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock präsentierte ein fuchsiarotes Kleid zu tiefblauen Wildlederstiefeln, auf einem orangebraunen Sofa sitzend, während ihr Ko-Vorsitzender Robert Habeck im gewohnten Anthrazitanzug – man beachte den wagemutigen Bruch durch das schwarze Hemd ohne Krawatte – zu auffällig derbem, ungeputztem Schuhwerk trug. Nahezu der gesamte Regenbogen in einer Einrichtung, die ganze Buntheit der Grünen in einem Bild, selbstverständlich ohne deutsche Eichenschrankwand.

  #Eine bunte Varusschlachtplatte

Links im Bild hegte zudem ein leerer Pseudo-Designersessel oder seine mutmaßliche Schwundstufe aus einem schwedischen Möbelhauses das Setting ein, als klassisches Repoussoir der Kunstgeschichte, das den Betrachterblick nicht zu den Seiten entfliehen lässt, sondern ins Bildzentrum zurückstößt. Mission geglückt, könnte man angesichts des augenunfreundlichen Gelbgrüns des Sessels sagen. Wirklich grün war auf dem gesamten Bild mithin nur das Gewächs auf der rechten Seite des Bildes, wenngleich dieses durch die stark glänzenden Blätter so künstlich wie eine Plastikpflanze wirkte. Grün im Sinne von umweltfreundlich war diese Zimmeraralie jedenfalls nicht, denn sie ist für Menschen leicht giftig, für Haustiere wie Katzen potentiell tödlich.

  #Boris Johnson abermals in Quarantäne

Bilder von Sankt Joschka als Nimbus über den Köpfen

Die sehr unruhig wirkende Schwammtechnik der Wände in Kotbraun hinter den beiden Vorsitzenden dürfte selbst in komplett verarmten Ostberliner WGs nicht mehr zum Einsatz kommen. Das beliebig und unstimmig zusammengewürfelte Interieur verströmt insgesamt eine Sperrmüll-Ästhetik, die vermutlich Ausweis verheißener Nachhaltigkeit sein soll. Der quietschgrüne Sessel im Fünfzigerjahre-Retrodesign und das nagelneue Kissen auf ihm und erst recht die ebenfalls neue Retro-Kugelleuchte, natürlich mit Energiesparlampen darin, deuten auf einen Masterplan hin. Denn keinesfalls beliebig ist die Zusammenstellung der Photographien hinter den beiden Vorsitzenden, auch wenn sie wegen ihrer Kleinheit eher als subliminale Botschaften funktionieren.

Potemkinsche Wohnzimmer: Ist da noch mehr dahinter als dünne Standwände in Schwammtechnik?


Potemkinsche Wohnzimmer: Ist da noch mehr dahinter als dünne Standwände in Schwammtechnik?
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Bild: dpa

In einer mehrfach wiederholten Kameraeinstellung hing direkt hinter Habecks Kopf das Schwarzweißphoto der Vereidigung Joschka Fischers im Wiesbadener Landtag vom 12. Dezember 1985, als schwebe der Übervater direkt über ihm. Mediävisten würden hier einen „Kastennimbus“ erkennen, einen eckigen Heiligenschein, den heiligenmäße Menschen in Ikonen bereits zu Lebzeiten tragen dürfen. Daneben im Uhrzeigersinn scheinen Baerbock und Habeck im sogenannten Hamburger Energiebunker, einem mit Solarpaneelen überdeckten Weltkriegsflakbunker, zum Auftakt ihrer Sommertour Anfang Juli Händchen zu halten. Darüber der Jubel nach der Bekanntgabe der ersten Prognose für die Europawahl am 26. Mai 2019, der neu gewählte geschäftsführende Vorstand auf dem Vereinigungsparteitag von Grünen und Bündnis 90 vom 15. Mai 1993 mit dem damaligen Vorstandssprecher Ludger Volmer im weißem Anzug; rechts daneben die konstituierende Sitzung des Deutschen Bundestages am 29. März 1983, auf der der Grüne Walter Schwenninger mit seinem Norwegerpullover unter den anderen Abgeordneten herausstach wie der buchstäbliche bunte Hund. Seitlich jubeln Habeck und Anton Hofreiter 2018 im bayerischen Landtag nach den Wahlergebnissen, unten steht Antje Vollmer inmitten des Bonner Fraktionsvorstandes von 1984. Rechts außen hängt — wiederum als Repoussoir und als einziges Bild durch seine Größe mühelos zu identifizieren — das Poster „Stillegung der Atomanlagen!“ (in der alten Schreibweise vor der Rechtschreibreform), offenbar der Versuch, der atomstillegenden Physikerin Merkel ihren Sieg nachträglich aus den Händen zu winden und diese „Invention of Tradition“ (so das Buch des Historikers Eric Hobsbawm) umzuschreiben. Insgesamt also eine bunte Familien- und Ahnengalerie der Grünen, die fast alle großen Jubelfeste vereint und Keine(n) vergisst.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich hat in seinem Buch „Das deutsche Wohnzimmer“ die gute Stube als Spiegel der Seele beschrieben. Wenn das am Wochenende präsentierte, unerwachsene Interieur die politische Botschaft bunter Zusammengewürfeltheit der Grünen und ihrer stilistischen und inhaltlichen Zerrissenheit spiegelt, hoffte man für künftige Regierungsbeteiligung auf mehr Kohärenz.

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