Boom in Südostasien: Indische Kunst wird immer gefragter

Boom in Südostasien: Indische Kunst wird immer gefragter

Im Kalten Krieg, als die Sowjetunion vom Westen isoliert war, gehörte Indien zu den Staaten, die Moskau derart an sich zu binden suchte, dass der amerikanische Geheimdienst 1985 behauptete, das Regime habe praktisch jeden Bereich der indischen Gesellschaft durchdrungen. So, wie der CIA kulturelle Institutionen heimlich förderte, um westliche Werte zu propagieren, setzte auch die Sowjetunion ergänzend zur politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Indien auf die sanfte Macht der Kultur.

Vier Monate vor der Erlangung der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht im Jahr 1947 war die UdSSR das erste Land, mit dem Indien diplomatische Beziehungen aufnahm. Es fand ein reger Austausch statt: Indien exportierte Bollywood-Filme und erhielt im Gegenzug Öl und Maschinen, aber auch Tourneen von russischen Ballett- und Zirkustruppen sowie preiswerte russische Klassiker, Lehrbücher und Kinderliteratur, die Moskau auf Englisch und in den wichtigsten Sprachen des Subkontinents für den indischen Markt produzierte.

Liebesgrüße aus Moskau

Die junge südindische Künstlerin Afrah Shafiq setzt sich in ihrer multidisziplinären Arbeit „Nobody knows for Certain“ kritisch mit den illustrierten Märchen aus der Sowjetunion auseinander, die sich in die Phantasie von indischen Kindern des Kalten Krieges eingepflanzt haben. In einem Recherchen mit Kreativität verbindenden Videospiel erkundet Shafiq die Weiterentwicklung der Bilder bei der Wanderung zwischen den Kulturen. Das Geschichtenerzählen, gibt sie zu bedenken, sei auch „ein Ort der Kontrolle und der Subversion“.

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Shafiq ist eine von elf Künstlern, deren Arbeiten jetzt in der ersten Ausstellung zeitgenössischer indischer Kunst in der Petersburger Eremitage zu sehen sind. Das Staatsmuseum setzt sie in einen Zeiten und Grenzen überschreitenden Dialog mit historischen Werken aus dem eigenen Bestand und anderen öffentlichen russischen Sammlungen. Einige der Exponate, wie die poetischen Phantasien Anindita Bhattacharyas, die Bezüge zwischen der Mogulmalerei und russischen Ikonen herstellen, sind mit der Unterstützung des russischen Sammlerehepaars Ekaterina und Andrej Terebenin eigens für die Ausstellung geschaffen worden.

Installation im indischen Pavillon der laufenden Kunstbiennale in Venedig: „Under the same sky“ von Ranjani Shettar
Installation im indischen Pavillon der laufenden Kunstbiennale in Venedig: „Under the same sky“ von Ranjani ShettarAFP

In den sieben Jahren, in denen die Terebenins in Indien lebten, haben sie eine Kollektion zeitgenössischer Textilien und Kunstwerke aufgebaut, die das Fortleben vielfältiger Traditionen des Subkontinents in den Narrativen von Gegenwartskünstlerinnen wie Lakshmi Madhavan oder Sumakshi Singh veranschaulicht. Singhs Installationen aus zarten Stickereien, die materielle Überreste der Vergangenheit als Sinnbilder fragmentierter Erinnerung inszenieren, sind emblematisch für das Wechselspiel der Tilgungen und Überlagerungen in der indischen Geschichte, auf das jeder der Künstler anders eingeht.

Aus der Sammlung von Kiran Nadar bei Christie’s in London ausgestellt: Francis Newton Souza, „Man and Woman Grinding Teeth“, 1957
Aus der Sammlung von Kiran Nadar bei Christie’s in London ausgestellt: Francis Newton Souza, „Man and Woman Grinding Teeth“, 1957KNMA

Seit ihrer Rückkehr nach Moskau setzen sich die Terebenins dafür ein, das russische Publikum mit der indischen Kultur vertraut zu machen. Die zum Teil mit Werken aus ihrer Privatsammlung bestückte Schau in der Eremitage ist in Zusammenarbeit mit Tunty Chauhan entstanden, der Gründerin der Threshold Gallery in Neu Delhi, einer der führenden Handlungen für indische Gegenwartskunst. Chauhan fungiert neben Marina Schulz, Leiterin der Abteilung für zeitgenössische Kunst an der Eremitage, als Mitkuratorin.

Kiran Nadar, die Sammlerin im Zentrum des Geschehens

Obwohl die Schau in der Eremitage nicht über offizielle diplomatische Kanäle eingeleitet, sondern dank persönlicher Beziehungen verwirklicht wurde, kommt ihr in der gegenwärtigen Weltlage, die das vom Westen entfremdete Russland veranlasst, seine Außenpolitik intensiver auf Indien und den südasiatischen Raum auszurichten, eine besondere kulturpolitische Bedeutung zu. Das gilt umso mehr, als Pläne für eine große Ausstellung in der Moskauer Tetjakow-Galerie mit mehr als 600 Werken aus dem gewaltigen Bestand von Kiran Nadar, der bedeutendsten Sammlerin moderner und zeitgenössischer südasiatischer Kunst, zunächst wegen der Covid-Krise und jetzt wegen des Ukrainekrieges auf unabsehbare Zeit verschoben wurde.

Auch in Berlin gefeiert: Kiran Nadar im März 2026 als Preisträgerin des Global Art Patronage Award im Museum Hamburger Bahnhof
Auch in Berlin gefeiert: Kiran Nadar im März 2026 als Preisträgerin des Global Art Patronage Award im Museum Hamburger Bahnhofdpa

Dass die Sammlerin Nadar dem Louvre Abu Dhabi seinen Direktor Manuel Rabaté abwerben konnte, um den Megakomplex ihres Kiran Nadar Museum of Modern Art (KNMA) in Neu Delhi zu leiten, dessen Eröffnung für 2028 in Aussicht steht, spiegelt ebenso wie die Petersburger Schau das erstarkte Interesse an diesem Sektor. Es wird durch das Geflecht aus Kunsthändlern, institutionellem Ausstellungsbetrieb, Messen wie der India Art Fair sowie den Biennalen von Kochi-Muziris und Venedig untermauert, wo Indien nach siebenjähriger Abwesenheit jetzt wieder mit einem Pavillon vertreten ist.

Ebenfalls aus der KNMA-Sammlung bei Christie’s präsentiert: Anwar Jalal Shemza, „Square Composition 2“, 1963
Ebenfalls aus der KNMA-Sammlung bei Christie’s präsentiert: Anwar Jalal Shemza, „Square Composition 2“, 1963Anwar Jalal Shemza /KNMA/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Das Auktionshaus Christie’s zeigt in seiner Londoner Zentrale derzeit (bis zum 21. August) einen Querschnitt der Sammlung des Kiran-Nadar-Museums: 180 Werke von 67 Künstlern vermitteln einen Eindruck der künstlerischen Entwicklung des Subkontinents von den Fünfzigerjahren bis in die Gegenwart. Die fünf kuratierten Abschnitte der Schau setzten Schwerpunkte auf die Auseinandersetzung mit Erinnerung, Grenzen, Umwelt, Vertreibung und Identität. Das sind Themen, die auch die in der Eremitage vertretenen Künstler beschäftigen.

In der Ausstellung südostasiatischer Kunst bei Sotheby’s in London: Sheherezade Alam, Auswahl von Keramikarbeiten aus den Neunzigerjahren
In der Ausstellung südostasiatischer Kunst bei Sotheby’s in London: Sheherezade Alam, Auswahl von Keramikarbeiten aus den NeunzigerjahrenSotheby’s

Sotheby’s nutzt die Sommerpause in London ebenfalls, um noch bis zum 7. August sechs mit dem Auktionshaus verbundene südasiatische Künstler,  darunter mit Francis Newton Souza ein Klassiker der indischen Moderne, mit Werken aus Künstlernachlässen, Privatsammlungen und Institutionen in der Verkaufsausstellung „The South Asia Edit“ zu würdigen.

Der richtige Zeitpunkt zum Verkaufen und Kaufen

Damian Vesey, der bei Christie’s für die Abteilung moderner und zeitgenössischer Kunst Südostasiens zuständig ist, erzählt, dass er dreizehn Jahre gebraucht habe, bis er die Besitzer einer monumentalen Leinwand des angesehenen postkolonialen Modernisten Maqbul Fia Husain überzeugen konnte, dass der richtige Moment für den Verkauf gekommen sei. Im vergangenen Jahr erzielten die vorab auf 3,5 Millionen Dollar geschätzten Vignetten des indischen Landlebens mit 13,7 Millionen Dollar den höchsten Auktionspreis für ein modernes indisches Kunstwerk. Es wurde Kiran Nadar zugeschlagen.

Vesey beobachtet seit der Pandemie eine wachsende Zahl zunehmend gut informierter, anspruchsvoller und oft jüngerer Sammler, von denen viele in den vergangenen Jahren vom wirtschaftlichen Boom Indiens profitiert haben. Obwohl das Interesse an indischer Kunst auch international größer geworden ist, sind die Käufer immer noch überwiegend südostasiatischer Herkunft. Das zeigte sich jüngst bei der nach sieben Jahren ersten wieder abgehaltenen Versteigerung von Kunst aus dieser Weltregion bei Christie’s in London. In dem brechend vollen Auktionssaal war der Andrang auf die 93 Werke aus der auf bengalische Moderne konzentrierten Sammlung des zweitgrößten Teeproduzenten Indiens so stark, dass kein Los unverkauft blieb. Fast fünf Stunden dauerte der „White Glove Sale“. Mit einem Gesamterlös von knapp 19 Millionen Pfund übertraf sie die Schätzung um 530 Prozent.

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