Cannabis-Extrakt lindert chronische Rückenschmerzen

Cannabis-Extrakt lindert chronische Rückenschmerzen

Seit 2017 darf Cannabis in Deutschland zu medizinischen Zwecken zum Einsatz kommen. Nun zeigt eine klinische Studie mit mehr als 800 Teilnehmenden, dass ein Extrakt aus dieser Hanfpflanze gegen chronische Rückenschmerzen helfen kann. Wer die Substanz namens VER-01 erhielt, berichtete über eine stärkere Schmerzlinderung als Probanden aus der Placebogruppe. Dabei zeigten sich meist nur leichte Nebenwirkungen und keine Anzeichen von Abhängigkeit. Der Hersteller hat eine Zulassung für das Mittel beantragt.

Weltweit leidet mehr als eine halbe Milliarde Menschen an chronischen Rückenschmerzen. Wenn nicht-medikamentöse Ansätze wie Bewegung und Stressreduktion nicht ausreichend helfen, kommen häufig Schmerzmittel zum Einsatz, in schweren Fällen auch Opioide. Diese haben allerdings erhebliche Nebenwirkungen und können stark abhängig machen. Leichtere Schmerzmittel wie Ibuprofen dagegen können die Schmerzen oft nicht genügend reduzieren und belasten zudem bei langfristiger Einnahme den Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislauf-System sowie Niere und Leber.

Neue Behandlungsmöglichkeit?

„Die derzeitigen pharmakologischen Behandlungen sind nur begrenzt wirksam und bergen erhebliche Risiken, was die Entwicklung sicherer und wirksamer Alternativen notwendig macht“, erklärt ein Team um Matthias Karst von der Medizinischen Hochschule Hannover. Eine solche Alternative haben Karst und seine Kollegen nun erfolgreich in einer klinischen Phase-3-Studie getestet. Demnach lindert ein Extrakt aus Cannabis namens VER-01 chronische Rückenschmerzen besser als ein Placebo-Präparat. An der Studie nahmen 820 Erwachsene mit chronischen Rückenschmerzen teil, denen nicht-opioide Medikamente bisher nur unzureichend geholfen hatten. Eine Gruppe erhielt VER-01, eine andere ein Placebo, wobei weder die Patienten noch ihre Ärzte wussten, wer welche Behandlung erhielt.

Zu Beginn der Studie lag die Schmerzintensität der Teilnehmenden auf einer Skala von eins bis zehn durchschnittlich bei sechs. Nach zwölf Wochen berichteten die Patienten aus der VER-01-Gruppe, dass ihre Schmerzen auf der Skala um durchschnittlich 1,9 Punkte zurückgegangen waren. Auch in der Placebo-Gruppe hatte sich die Schmerzintensität deutlich reduziert, um durchschnittlich 1,4 Punkte – ein typisches Phänomen, da allein die Erwartungshaltung Linderung verschaffen kann. Der Unterschied von 0,5 Punkten ist dagegen wahrscheinlich auf die Wirkung des Medikaments zurückzuführen, wie das Team erklärt.

Weniger Schmerzen und besserer Schlaf

Die Behandlung mit dem Cannabis-Extrakt hatte noch weitere positive Effekte: So berichteten die Patienten, die dieses Arzneimittel erhalten hatten, dass sich ihre Schlafqualität deutlich verbesserte und sie sich körperlich wohler fühlten. Berauschende Auswirkungen hatte VER-01 dagegen nicht. Obwohl das Präparat auch die psychoaktive Substanz THC enthält, ist diese mit 2,5 mg pro Dosis so gering dosiert, dass sie nicht high macht, wie Karst und seine Kollegen erklären. Zudem beobachteten die Forschenden bei ihren Testpersonen keine Anzeichen von Abhängigkeit. Nach der zwölfwöchigen verblindeten Studienphase erhielten alle Probanden sechs weitere Monate lang VER-01. Anschließend wurde ein Teil der Teilnehmenden auf Placebo umgestellt. Daraufhin nahmen ihre Schmerzen erwartungsgemäß wieder zu, Entzugssymptome zeigten sich jedoch nicht.

Allerdings hat das Cannabis-Medikament auch Nebenwirkungen, darunter vor allem zu Beginn der Behandlung Schwindel, Müdigkeit und Übelkeit. Obwohl diese Effekte meist nur leicht bis mittelschwer ausgeprägt waren, brachen aus der VER-01-Gruppe 68 Personen (17,4 Prozent) die Studie aufgrund von Nebenwirkungen ab. In der Placebogruppe waren es nur 15 Personen (3,5 Prozent).

Zulassung beantragt

Dennoch sehen Karst und sein Team in ihren Resultaten klare Indizien für eine gut wirksame und relativ verträgliche Schmerzlinderung: „Unsere Studie liefert solide Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit von VER-01 bei der Behandlung von chronischen Rückenschmerzen“, fassen die Forschenden zusammen. „Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung weiterer Forschung mit VER-01 bei anderen chronischen Schmerzzuständen und deuten darauf hin, dass VER-01 eine wichtige Rolle in der modernen Schmerzbehandlung spielen könnte.“ Eine Zulassung für das Medikament ist bereits beantragt.

Ulrike Bingel, die am Universitätsklinikum Essen die Schmerzmedizin leitet und nicht an der Studie beteiligt war, weist allerdings kritisch darauf hin, dass der Unterschied zwischen Behandlungs- und Placebogruppe von nur 0,5 Punkten auf der Schmerzskala zwar statistisch signifikant ist, aber nicht unbedingt klinisch relevant. Aus ihrer Sicht könnte die Therapie aber womöglich für bestimmte Patientengruppen hilfreicher sein als für andere. „Erste Signale aus der Studie weisen bereits darauf hin, dass Patienten mit einer größeren neuropathischen Schmerzkomponente gegebenenfalls besser von der Substanz profitieren“, erklärt sie.

Wer aktuell unter chronischen Rückenschmerzen leidet, sollte sich jedoch nicht dazu verleiten lassen, eine Selbsttherapie mit Cannabis zu probieren. Darauf weist Jan Vollert von der University of Exeter hin, der ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war. „Bei VER-01 handelt sich um eine sehr spezifische Substanz, die kontrolliert abgegeben wird. Sie ist in keiner Weise mit dem Rauchen von Cannabis vergleichbar“, erklärt er.

Quelle: Matthias Karst (Medizinische Hochschule Hannover) et al., Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-025-03977-0

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.

Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Wissenschaft kategorie besuchen.

Quelle

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert