7,2 Millionen Menschen in Deutschland sind aktuell an einer Atemwegsinfektion erkrankt. Was bedeutet das für Kliniken? Ein Interview mit Cihan Çelik über abgesagte Operationen, die vielen Infekte und frustrierende Papierarbeit.
Herr Doktor Çelik, wir sprechen mit Ihnen regelmäßig über Themen im Gesundheitswesen, die uns alle bewegen. Gerade sind sehr viele Menschen krank. Merken Sie das auch im Klinikum Darmstadt?
Bei uns auf der Covid-Normalstation herrscht reger Betrieb. Wir haben wie erwartet mit dem Anstieg der Infektionszahlen auch wieder mehr Covid-Patienten im Haus. In den vergangenen vier Wochen hat sich das eingependelt, wir haben immer so zwischen 25 und 30 Covid-Patienten auf Normalstationen, auf der Intensivstation sind nach wie vor nur so ein bis zwei. Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, das Personal und die hochvulnerablen Patienten zu schützen. Deswegen haben wir die Schutzmaßnahmen weiter erhöht. Auf den vulnerablen Stationen sind die Besuche eingeschränkt, wenn das den Patienten zuzumuten ist. Das Personal trägt bei Patientenkontakt FFP2-Masken, und Besucher tragen Mund-Nasen-Schutz. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Einschleppungen von außen auf Risikostationen reduzieren und dass die Ansteckungen innerhalb der Klinik verhindert werden. Aber momentan sind 7,2 Millionen Menschen in Deutschland an einer Atemwegsinfektion erkrankt, diese Krankheitswelle ist sehr hoch, höher als sonst zu dieser Jahreszeit. Das macht beim Personal Riesenprobleme. Wir sind jetzt schon wieder in einer Situation, in der Betten gesperrt werden müssen, weil nicht genug Pflegekräfte da sind. Wir haben Dutzende nicht besetzte Pflegestellen wegen des Fachkräftemangels. Die Personaldecke ist zu dünn, um Krankheitsfälle zu kompensieren. In der Endoskopie und im OP fallen Untersuchungen und Eingriffe aus. Ähnliches haben wir in der Pandemie erlebt, nur mit sehr viel mehr stationären Covid-Fällen.
Wie viele Betten sind denn gesperrt?
Es gibt eine gesetzlich festgelegte Pflegepersonaluntergrenze, laut der eine gewisse Anzahl an Pflegekräften da sein muss, um eine gewisse Anzahl an Patienten versorgen zu können. Ist das nicht der Fall, muss die Anzahl der Betten reduziert werden. Das ergibt auch Sinn. Diese Untergrenze ist auf verschiedenen Stationen bei uns erreicht. Zunächst versucht man dann mit Leiharbeitskräften kurzfristig gegenzusteuern, aber das funktioniert nicht immer in ausreichendem Maß – zumal es unter diesen Kräften natürlich genauso Krankheitsfälle gibt. Im Ergebnis stehen 20 Prozent der Betten auf unseren Stationen leer, weil es an Personal mangelt. Die Patienten werden dann auf anderen Stationen betreut. Unser Gesundheitssystem ist personell gesehen einfach eine Mangelverwaltung, und es gibt leider wenig Anzeichen dafür, dass sich da mittelfristig etwas ändert.
Corona kam in Wellen. Jetzt haben sich die Fallzahlen bei Ihnen eingependelt. Hat das etwas geändert?
Die Anzahl der Infektionen läuft noch immer in starker Wellenform. Eingependelt hat sich der Anteil stationärer Fälle, und das auch erst seit etwa vier bis sechs Wochen. Die größten Veränderungen betreffen das Verhältnis zwischen Infektionszahlen und dem Anteil schwerer Verläufe. Trotz des Anstiegs der Covid-Infektionen in den vergangenen Wochen muss nur ein geringer Anteil mit schwerem Verlauf im Krankenhaus behandelt werden. Aber je höher die Gesamtzahl der Infektionen steigt, umso mehr vulnerable Menschen werden infiziert und landen dann bei uns in der Klinik. Üblicherweise hat die Atemwegsinfektsaison bis zum Dezember noch einen Höhepunkt, deswegen bereiten wir uns darauf vor, dass die Fallzahlen noch steigen werden. Die Atemwegsinfektionen werden aktuell vor allem durch Rhino-Viren, das sind die klassischen Erkältungsviren, und Covid getrieben. Das weiß man, weil spezielle Arztpraxen Proben von Atemwegserkrankten einschicken. Bei der Hälfte der Infizierten kann ein Erreger identifiziert werden – davon sind etwa die eine Hälfte Rhino-Viren und die andere Hälfte SARS-CoV-2. Und wir wissen ja, dass Covid-19 mehr als nur eine Atemwegserkrankung ist. Influenza ist weiterhin sehr selten. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Dynamik bei der Influenza sehr schwer vorherzusagen. Aber in der vergangenen Woche wurden mehr als 22.000 Covid-Infektionen in Deutschland registriert, und nur 364 Influenza-Infektionen. Da wissen wir noch nicht genau, wie das weiter verlaufen wird.
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