#Der Abenteurer der deutschen Nationalelf

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Der Abenteurer der deutschen Nationalelf

Es mag verschiedene Gründe für den Argwohn geben, der bei Robin Gosens’ Schilderungen vom einzigen Tag mitschwingt, den er in einem der viel gelobten Nachwuchsleistungszentren (NLZ) für talentierte Fußballer verbrachte. Der Nationalspieler, der mit seinem rauschhaften EM-Auftritt gegen Portugal zum Lieblingshelden der Fußballnation wurde und an diesem Dienstag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) auf England trifft, ist glühender Anhänger des FC Schalke, er musste nach seiner Einladung zum Probetraining der U 16 von Borussia Dortmund deshalb ein Tabu brechen und Trainingskleidung des Erzrivalen tragen.

„Da musste ich natürlich jetzt drüberstehen“, schreibt er in seiner Autobiographie „Träumen lohnt sich“. Als es dann losging, scheinen die Spieler und die Trainer weder besonders herzlich noch ernsthaft interessiert gewesen zu sein. Womöglich war auch Gosens selbst nicht gerade aufgeschlossen gegenüber der schwarz-gelben Szenerie, in die er hineingeraten war.

In jedem Fall wurde die ganze Aktion zum Desaster und die grundlegende Antipathie gegenüber dem BVB zu einem Verstärker der schlechten Gefühle, die er von seinem Dortmund-Besuch mitbrachte. Gosens war eingeschüchtert, er verstand die Übungen nicht, „niemand war da, an den ich mich halten konnte, ich hatte keine Ahnung und fühlte mich alleingelassen“, erinnert er sich. Zwischen den Zeilen klingt die Erzählung von diesem Tag im April 2011 wie eine Kritik an dieser Art des durchprofessionalisierten Jugendfußballs.

„Ich sage: Gott sei Dank!“

Einer der Dortmunder Spieler war damals Marvin Ducksch, heute bei Hannover 96. Auch Koray Günter, der bei Hellas Verona in der Serie A unter Vertrag steht, stand auf dem Platz. Aber ein Champions-League- und EM-Star ist nur Gosens geworden. Ganz ohne die Ausbildung in einem NLZ, was nach der mitreißenden EM-Show des Flügelspielers eine Debatte über die Arbeit in den professionell betreuten Jugendabteilungen der großen deutschen Klubs in Gang setzte.

„Robin Gosens hat nie in einem Nachwuchsleistungszentrum gespielt und erst über Umwege in den Profifußball gefunden. Ich sage: Gott sei Dank!“, schreibt der frühere Bundestrainer Berti Vogts in einer Kolumne auf T-online.de und fährt fort: „Wäre Gosens mit 14 in ein Nachwuchsleistungszentrum gegangen, wäre er heute nicht so besonders, wie er es nun mal ist“, denn: In den NLZ werde „nicht etwa das individuelle Talent gefördert, sondern die Allgemeinheit der Nachwuchs-Topspieler auf ein gemeinsames Niveau gebracht. (…) Wir brauchen keine Roboter, sondern besondere Menschen.“

Wer sich ein wenig umschaut, findet weitere Spieler, die durch das enge Raster der Talentsucher gefallen sind und trotzdem Stars wurden. Fußballer, die noch in der A-Jugend auf Dörfern kickten, bevor irgendjemand erkannte, dass sie gut genug für eine Profikarriere sein könnten. Der 43-malige Nationalspieler Jonas Hector vom 1. FC Köln zum Beispiel, der beim SV Auersmacher spielte, bis er 20 Jahre alt war. Oder der Holländer Wout Weghorst vom VfL Wolfsburg; in England gibt es Jamie Vardy von Leicster City, dessen Biographie kantig und von Fehltritten geprägt ist. Tatsächlich passt auf all diese charismatischen Profis Vogts’ Attribut „besonders“.

Gosens’ unkonventionelle Spielweise kann jede Mannschaft nicht nur bereichern, sondern auch mitreißen. Weghorst sticht mit seiner Energie und seiner Willenskraft heraus, und Hector entschied sich trotz der Möglichkeit einer Karriere auf Champions-League-Niveau für eine Zukunft beim 1. FC Köln sowie den Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

Vogts unterschwellige Behauptung, dass solche Spieler im Ausbildungsbetrieb der Profiklubs von „besonderen Menschen“ zu „Robotern“ umprogrammiert werden, hält Thomas Eichin allerdings für streitbar. Es sei „zu pauschal zu sagen, eigenwilligere Typen wie Robin Gosens entwickeln sich nicht in den Nachwuchsleistungszentren“, sagt der Leiter des NLZ von Bayer Leverkusen. Tatsächlich gibt es ja jede Menge Spieler, die im klassischen Ausbildungsverfahren sehr starke Charaktere wurden. Thomas Müller, Joshua Kimmich oder Emre Can aus dem deutschen EM-Kader zum Beispiel.

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