Der Abgang von Phil Spencer: Sein Wirken und die Zukunft

Der Abgang von Phil Spencer: Sein Wirken und die Zukunft

Der Abgang von Phil Spencer: Sein Wirken und die Zukunft

Quo Vadis, Xbox? Spätestens seit dem vergangenen Wochenende, stellen sich viele Spieler diese Frage. Ich möchte gerne noch ein paar eigene Gedanken zu dem Thema beisteuern.

Meine Kollegen Kevin und Chief in Command Martin haben euch ja bereits mit den News über den Austausch an der Xbox-Spitze versorgt.

Da ich selbst von 2010 bis 2014 beim deutschen Xbox Support gearbeitet habe und seit 2015 jede Gamescom und jedes Xbox-FanFest besuchte, möchte ich versuchen, dieses in meinen Augen einzuordnen und gleichzeitig noch einmal die Führungsperiode von Phil Spencer bei Xbox Revue passieren lassen.

2014: Der Neue auf dem Trümmerfeld

Als Phil Spencer im Jahr 2014 von Microsoft Gaming Studios zum Xbox-Chef aufstieg, lag Xbox in Trümmern. Der Generationenwechsel unter Don Mattrick zur Xbox One war kolossal gescheitert. Sony mit seiner PS4 war dem Konkurrenten schon so weit enteilt, dass regelmäßige Gerüchte um einen Verkauf oder eine Auflösung der Sparte ihre Runden machten.

Phil Spencer war beileibe nicht zu beneiden. Gerade die Spiele, die als exklusive Releasetitel der Xbox One einen grandiosen Eindruck machten, konnten nicht gehalten werden. Titanfall wurde so gut, dass EA den Nachfolger lieber auf allen Plattformen brachte und mit Mikrotransaktionen füllte. Ryse: Son of Rome sollte einen Nachfolger erhalten, doch beanspruchte Xbox die Rechte an der IP, welche Crytek innehat, und am Ende verloren beide und Ryse 2 wanderte ins Archiv.

Die Schließung der Lionhead Studios

Dann kam der erste „Neue Besen kehren gut“ Moment und Lionhead Studios, das legendäre Studio, das einst von Peter Molyneux gegründet wurde und Klassiker wie Black & White und natürlich Fable entwickelte, wurde geschlossen.

Dass Fable Legends zwar in Demos kurzweilig, aber vollkommen leblos und so weit weg vom Franchise war wie noch nie, ist nur die eine Seite des Siegels. Denn was Phil Spencer vorgefunden haben muss, war wohl ein sehr toxisches Arbeitsumfeld, das durch sämtliche Strukturen ging und nicht nur durch einzelne Personalentscheidungen zu retten war.

Dieses wurde natürlich nie offen kommuniziert und so war Phil Spencer zum ersten Mal das Böse in Person und das Gesicht der Big Evil Corp.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es kurz nach der Schließung einen britischen Medienartikel gab, der diese Missstände auf mehreren Seiten aufzeigte und der Vorreiter der „Me Too“ Bewegung hätte sein können.

Gamescom 2015 und mein Kinect-Moment

Dann kam die Gamescom 2015 und zum ersten Mal gab es in LA und Köln die Xbox-Fanfeste. Die Möglichkeit für Fans, hautnah mit Entwicklern zu plaudern, die neuesten Spiele hautnah zu erleben, und zum ersten Mal hielt Phil Spencer eine Keynote in Köln. Etwas, das es erst wieder im Jahr 2023 geben sollte.

Und genau auf dieser Keynote konnte man erkennen, dass Phil Spencer nicht nur Gamer ist, sondern auch so geschult ist, dass man ihm keine Lüge unterstellen kann. Auf der Keynote wurde die Xbox One S vorgestellt. Kompakter, kraftvoller und ohne Kinect-Kamera-Anschluss.

Nach der Keynote durften die Xbox-Fanfestler dann Fragen an Phil stellen. Während viele die großartige Show lobten und etwas über seine Lieblingsgames wissen wollten, erdreistete ich mich doch zu fragen, ob der fehlende Kinect-Anschluss etwas für die Zukunft der Kinect oder das Bekenntnis zur Kinect zu bedeuten hat.

Hier zeigte sich zum ersten Mal seine Abgebrühtheit in Form seiner Antwort, dass es „zur jetzigen Zeit“ keinerlei Pläne gibt, etwas an dem Angebot der Kinect und deren Unterstützung zu ändern. Die Kinect gehört zur Xbox-Familie und man wolle den Konsolenspielern mehr Power und Optionen zur Verfügung stellen.

Wie das ausging, wissen wir inzwischen.

Für meine Frage, die für manche Fanboys geradezu ketzerisch wirkte und mich auf dem Rest des Fanfests mieden, gab es aber auch stillen, heimlichen Applaus. So kam einer der führenden EMEA-Manager nachher auf mich zu und bedankte sich für die Frage, die sich wohl auch intern niemand zu stellen traute.

Bis 2020: Viel Licht, aber auch Schatten

Für Phil Spencer waren die 2010er Jahre bis 2020 glanzvolle Zeiten. Neue und bessere Hardware, mit der Xbox One X dann zum ersten Mal eine, die mehr als nur mithalten konnte, sowie die ersten Studiozukäufe, die zeigten, dass man eine Zukunft sieht.

Doch auch da gibt es Licht und Schatten. Xbox wurde langsam aber sicher die einzige Consumer-Marke des Tech-Giganten Microsoft.

Windows Phone? Eingestellt. Surface? Anfangs für alle, heute nur für Business-Kunden, wenn überhaupt eine Wahl.
Zune aka Xbox Music aka Groove Music? Eingedampft.
Xbox Filme & Musik? Ein Relikt vergangener Tage.

Während Office 365 und Azure als Abonnements steten Cashflow produzieren, war Xbox, wie auch Sony, auf Hardware-Verkäufe angewiesen und die Konsole als Verkaufsargument für Spiele. Da sich Mitte der 2010er die Verkäufe immer mehr zu digitalen statt physischen Medien verlagerten, erkannte Phil Spencer frühzeitig das Potenzial und der Xbox Game Pass wurde 2017 ins Leben gerufen.

2017: Die Geburtsstunde des Game Pass

Gaming als Netflix Abo? Oh, wunderschöne Welt. Und was wurden wir damals nicht gefüttert, sondern gestopft mit dem Game Pass. Auf dem FanFest 2017 gab es einfach mal zwei Jahre Xbox Game Pass auf einer edlen schwarzen Metallkarte. Bis 2019 gab es auf jedem FanFest oder Event ein, drei sechs oder gar 12 Monate Game Pass hinterhergeworfen.

Aber jeder gute Dealer weiß, wann es Zeit wird, den Hahn zuzudrehen. Und so gab es dann plötzlich nur noch 14-Tage-Trials oder Monatskarten, die nicht auf aktiven Abonnements funktionierten. Gleichzeitig kam etwas Neues. Xbox Game Pass Ultimate! Das ultimativ Beste, was Xbox zu bieten hat, mit Day-One Xbox-Releases, Rabatten, und mit EA Play auch schon dem ersten 3rd Party Abo. Plus natürlich dem ganz neuen Feature xCloud – Das Xbox Gamestreaming als Dauer-Betatest für fast 6 Jahre.

Damit uns der Umstieg nicht ganz so schwer fiel, wurde großzügigerweise eine 1:1 Conversion vom Game Pass zu Ultimate durchgeführt, was Xbox und Microsoft damals Millionen gekostet haben dürfte, aber auf lange Sicht die User gebunden hat. Ich selbst habe seit 2017 ein ununterbrochenes Abo. Das liegt aber auch daran, dass ich seit 2012 keine Gamediscs mehr kaufe und mein digitales Leben komplett an Microsoft gebunden habe. Ob das so gut ist, wird sich sicher in Zukunft zeigen.

Pleiten, Pech und Pannen

Was zur Wahrheit der 2010er auch gehört, ist der Umstand, dass es auch zahlreiche Fettnäpfchen gab, in die Xbox stolperte, teils ohne selbst dafür zu können.

Beispiele?

Bei einem Gamescom-Auftritt durfte ich schon vormittags mit der Presse rein, als ich noch Fachbesucher war. Xbox machte eine Kooperation mit Wargaming und World of Tanks, deren Motto für die Werbekampagne war „Rewrite History“.

Jetzt muss man wissen: Bei World of Tanks handelt es sich um einen Strategie-Shooter, bei dem ausschließlich WWI- und WWII-Panzer benutzt werden. Wie will man also die „Geschichte umschreiben“? Das doch bitte die Achsenmächte gewinnen sollen? Denn im Trailer fuhren diese nämlich entspannt durch Berlin.

Mittags traf ich mich vor dem Öffnen der Gamescom für die Öffentlichkeit mit ein paar globalen Xbox-Marketing-Managern und sprach sie darauf an. Tatsächlich waren sie sich der Tragweite des Slogans und des alternativen Endes nicht bewusst. So wurde noch am Tisch ein Telefonat geführt, und als ich zwei Stunden später über den Stand ging, gab es Diashows des Spiels ohne Slogan.

Oder aber Fallout 76, für das Xbox massiv die Werbetrommel rührte und zahlreiche Events veranstaltete. Und wer kann sich noch an den Launch erinnern? Server nicht erreichbar oder ständig am Abstürzen, korrupte Speicherstände, verschwundenes Inventar, kurzum ein Desaster. Gerettet wurde es in meinen Augen tatsächlich nur durch die Zenimax-Übernahme und dem Potenzial als Live Service Game mit stetig neuem Content a la GTA Online, dass Spencer erkannte.

Übertroffen wurde es eigentlich nur noch von Cyberpunk 2077. Wie sind wir alle ausgerastet bei dem PR-Coup, Keanu Reeves auf die E3-Showbühne zu holen und mit ihm die Hütte abzureißen!

Der Launch von Cyberpunk 2077 schlug dafür in die genau entgegengesetzte Richtung aus und wurde, nicht nur für Xbox, sondern auch für CD Red Project und Sony zu einer absoluten Katastrophe.

In allen Fällen kann man aber zu Recht eines fragen: Kontrolliert das keiner?
Wenn man eine Kooperation und sogar exklusives Marketing macht, gibt es keinerlei Qualitätskontrollen?
Natürlich ist Phil Spencer am Kopf der Nahrungskette und sollte dafür Leute haben, aber spätestens mit dem Launch von Fallout 76, eines seiner Lieblingsfranchises, hätte man doch etwas in die Richtung unternehmen müssen.

2020: Corona und Spencers Aufstieg

Dann kam 2020 und damit Corona.
Die E3 konnte nicht stattfinden, deren Mitorganisator Microsoft immer war. 2021 wurde die E3 von einem Datenschutzskandal heimgesucht, von dem sie sich nie wieder erholte. Xbox musste sich neu erfinden und so gab es dann im Juni den Xbox Game Showcase.

In diesem Zeitraum wollte Satya Nadella Spencer enger an sich binden und berief ihn ins Executive Board, um ihn zum Head of Gaming zu machen. Microsoft kaufte massiv zu und übernahm Zenimax, Double Fine Studios, Obsidian. Zudem starteten die Übernahmeverhandlungen mit Activision.

Spencers Nachfolgerin an der Spitze des Xbox Gaming wurde Sarah Bond. Diese konnte zwar auch auf eine lange Vergangenheit bei Xbox und Microsoft zurückblicken, vielen Spielern war sie aber zunächst fremd, was sich im weiteren Verlauf nie wirklich ändert. Der Schatten von Phil Spencer war einfach zu groß.

Die letzten Jahre

Die folgenden Jahre waren im Vergleich mit den 2010ern recht holprig.

Corona verzögerte die Entwicklungszeiten von Spielen. Manche Spiele wie Halo Infinite konnten, obwohl gut gemacht, leider nicht überzeugen. Starfield, als neues Franchise für kommende Dekaden geplant, ist nichts für Casual Gamer, da es wie viele Bethesda-Games nur zwei Optionen kennt: Full Commitment oder lass es sein.

Denn wenn einmal dein Inventar so überladen ist, dass du dich kaum noch bewegen kannst, dein Raumschiff mit gesammelten Rohstoffen so voll ist und du dennoch nichts bauen kannst, um dich zu entlassen, dann speicherst du ab, beendest das Spiel und startest es nie wieder.

Als während der letzten Entlassungswelle sang- und klanglos das gehypte Perfekt Dark Remake fallengelassen wurde, gab es ein anderes Phänomen.

Nicht die AAA-Titel, von denen es aktuell kein wirkliches gibt, überzeugen, sondern die Nebenprojekte und Small Budget Games.
Grounded 1&2 als Miniprojekte mit Langzeit Pre-Game Status wussten sich eine Fangemeinde aufzubauen, und auch Double Fine mit Psychonauts 2 und Keeper zeigten, wie man ohne großes Budget künstlerisch und spielerisch überzeugen kann.

Diesen Achtungserfolg hatte noch ein weiteres Spiel, das Xbox vermarktet und letztes Jahr alle Rekorde gebrochen hatte: Clair Obscure Expedition 33. Ein Spiel, von ca. 30 Ex-Angestellten von Ubisoft entwickelt, räumte alle Preise ab und wurde weltweit gefeiert wie sonst nur AAA-Titel wie The Witcher.

Doch auch im Backoffice von Xbox bröckelte es. Nach der ersten Entlassungswelle 2023, bei der auch der viel geliebte deutsche PR-Manager Sandro Odak gehen musste, wurde die Stelle nicht nachbesetzt und vieles von PR und Marketing europaweit nach London zentralisiert. Seitdem gibt es leider auch merklich weniger Presse-Events und Aktivitäten, von denen wir euch früher regelmäßig berichten konnten.

Und was kommt jetzt?

Nun stehen wir aber vor der Anfangsfrage: Quo Vadis, Xbox?

Allein der Zeitpunkt der Mitteilung macht bewusst, dass Microsoft Schadensbegrenzung betreiben wollte. Die Meldung kam nach 22 Uhr deutscher Zeit, in den USA je nach Zeitzone kurz vor Börsenschluss.

Phil Spencer ist 1968 geboren. Zu glauben, dass er in diesem Alter und auf dem Höhepunkt seiner Karriere schon seinen nächsten Lebensabschnitt plant, nämlich die Rente mit 58 Jahren, ist wohl eher das Feigenblatt auf einem gut geschnürten Abfindungspaket.

Dass Sarah Bond nicht nachfolgt, sondern das Unternehmen komplett verlässt, verleitet mich zu meiner Interpretation. Der Riss zwischen dem, was Satya Nadella als CEO von Xbox erwartet, und dem, was Spencer und Bond in der Lage sind zu verantworten, war größer als man vermutete.

Schon bei der letzten Entlassungswelle und den Studioschließungen hatte man das Gefühl, dass Phil Spencer nur sehr widerwillig sein Gesicht dafür hergab und die volle Breitseite der Fans und Mitarbeiter abbekam.

Fakt ist: Nadella will eine höhere Gewinnmarge, sein Job steht als CEO eines Aktienunternehmens auch auf dem Spiel, und eine erneute Ernennung als solcher mit dem massiven Investment in KI ist keineswegs sicher. Es ist nicht abzusehen, wann oder ob je mit KI-Diensten Gewinne erzielt werden können, die das bisherige Investment wieder einbringen.

Bemerkenswert ist auch: Innerhalb der Xbox-Gruppe wurde Matt Booty befördert und hat nun den Titel „Chief Content Officer“. Neu ist dabei, dass Matt Booty die Aufsicht auch über Zenimax und Activision hat, die zwar autark innerhalb des Microsoft Gaming-Kosmos waren, aber von Phil Spencer beaufsichtigt wurden.

Dessen Nachfolge tritt jetzt also Asha Sharma an.

Für viele erst mal ein „Was? Wer?“ Moment. Doch tatsächlich hat Asha Sharma Stallgeruch. Sie arbeitete bis 2013 im Marketing von Microsoft, bevor die, wie Nadella indischstämmige, Sharma zum Product Leadership bei META wechselte und für Instagram Direktnachrichten, Facebook Messenger und andere Kommunikationstools bei META verantwortlich war.

Zeitgleich war sie auch im Aufsichtsrat von Home Depot und Quopang.

Sie kommt auch nicht als vollständig Externe zurück, sondern ist seit ein paar Jahren schon im Führungsteam von Microsoft Azure und zuletzt Microsoft President of CoreAI.

Es wird spannend werden, wie sich der Gaming-Markt entwickeln wird. Speicher, GPUs und RAM werden immer teurer und Mangelware. Die Nutzung vorhandener Ressourcen ist unumgänglich, sodass ich davon ausgehe, dass uns die Xbox Series S und X noch mindestens zwei Jahre erhalten bleiben. Die KI wird mit Sicherheit das Streaming unterstützen können, sodass vorausberechnet werden kann, welche Datenpakete der Nutzer als Nächstes benötigt, um die Qualität so zu erhöhen, dass es auf Fernsehern oder mobilen Geräten zum Konsolenerlebnis kommen kann. Vielleicht kann KI auch dabei unterstützen, Spiele der vergangenen Generationen automatisiert zu remastern?

Ihr Versprechen, keinen KI-Müll in Spiele zu kippen, das Bekenntnis zu Konsolen und das Motto „Back to Gaming“ kommen zumindest gut an.

Fakt ist aber auch: Asha Sharma steht Satya Nadella in Profession, Vorbildung und Ansichten näher als je ein anderer im Executive Board.
Was Satya Nadella will, wird zukünftig wohl auch knallhart umgesetzt. Und auch das macht mir Sorgen, denn ein Satya Nadella hat sich seit letztem Jahr häufig mit Donald Trump gezeigt und auch für seinen neuen Ostflügel gespendet. Spannend wird, ob es dadurch auch Einwirkungen geben wird, wie Spiele zukünftig ausgerichtet sein werden.

Ich kann und will keine Prognose für Xbox in den nächsten 3 bis 5 Jahren abgeben. Meine erste Frage an Asha Sharma wäre: „Quo Vadis?“ – Wohin führt der Weg?

Über den Autor

Daniel Heithorn

Daniel Heithorn

Seit 386er Zeiten Gamer und PC-interessiert.
Für euch schreibe ich meist über Xbox, Gaming und Zubehör

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