#Der „Deutsche Sieger“ blüht nicht mehr

Der „Deutsche Sieger“ blüht nicht mehr

Kanariengelbe ’Bismarck-Levkojen‘, Großblumige ’Kaiser-Levkojen‘ in Brillantrosa oder Karmin. Samtbrauner Goldlack, scharlachrote Gloxinien. Amerikanische Riesen-Nelken und mehr als 80 Sorten Wicken. Bunt und voller Duft müssen die Gärten vor hundert Jahren gewesen sein. Astern und Dahlien lagen im Trend, aber auch die neuen Astilben-Sorten von Georg Arends, ’Amethyst‘ oder ’Diamant‘. In den Gemüsebeeten standen Schnabelerbsen „mit enormer Tragfähigkeit“ neben ’Erntebringer‘-Stangenbohnen, Gurken trugen imposante Namen wie ’Triumph von Würzburg‘.

Beim Stöbern in historischen Gärtnerei- und Saatgutkatalogen entstehen Bilder im Kopf. Doch aus Farben, Formen und Namen lässt sich auch herauslesen, was zu der jeweiligen Zeit als wichtig galt. Anfänge lassen sich aufspüren, etwa der des nach wie vor begehrten Rittersporns ’Berghimmel‘: 1930 bewarb ihn Gärtner und Staudenzüchter Karl Foerster als „Neuheit eigener Zucht“.

Eine Fülle an Informationen bieten solche Dokumente, die sich heute ganz bequem zu Hause lesen lassen, ohne Besuch in einer Bibliothek oder Gärtnerei. Die European Nursery Catalogue Collection enthält rund 1500 Kataloge, Digitalisate aus den Jahren 1805 bis 1992. Der Großteil stammt aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Der Potsdamer Gartenhistoriker Clemens Alexander Wimmer hat dieses Projekt für die Deutsche Gartenbaubi­bliothek e.V. ins Lebens gerufen. Vor etwa vier Jahren begonnen, stecken ungezählte Stunden ehrenamtlicher Arbeit darin sowie eine finanzielle Förderung durch die Deutsche Klassenlotterie Berlin. Die Kataloge müssen einzeln aufgespürt und digitalisiert werden, ein mühsames Unterfangen.

Im späten 19. Jahrhundert war der natürliche „wild garden“ angesagt

Wimmer schätzt züchterisch bearbeitete Pflanzen als Geschichtszeugnisse, als kulturelles Erbe. „Es handelt sich um Artefakte. Sie sind gezielt durch Menschen ausgelesen, sie sind so, wie man es zu der jeweiligen Zeit haben wollte. Sie gehören wesentlich zu einer Person und einer Zeit.“

Sein Interesse gilt dabei vor allem Zierpflanzen, etwa den Dahlien. Sie spiegeln mit ihrer Form den Geist einer Epoche wider. „Ball-Dahlien sind perfekt, symmetrisch und rund“, sagt der Gartenbauwissenschaftler. „Es sind Produkte des Biedermeier und des Klassizismus. Da wollte man die ideale, regelmäßige Blüte haben. Das findet man durchweg, ob bei Nelken, Phlox, Stiefmütterchen.“ Doch dann kam im späten 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung auf. Alles sollte natürlicher wirken, man sprach vom „wild garden“. Der richtige Zeitpunkt für Kaktus-Dahlien, die mit ihrer romantischen, lockereren Form einen Kontrapunkt zu den Ball-Dahlien setzten. Hätten sie vorher als „zu unordentlich“ gegolten, sind sie nun Zeichen einer kulturellen Weiterentwicklung.

Zur Sammlung zählen zum Beispiel auch Verzeichnisse der im 19. Jahrhundert renommierten Gärtnerei Ernst Benary in Erfurt.


Zur Sammlung zählen zum Beispiel auch Verzeichnisse der im 19. Jahrhundert renommierten Gärtnerei Ernst Benary in Erfurt.
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Bild: Foto European Nursery Catalogues/CC 4.0

Ähnliches lässt sich auch bei Farben feststellen. „Es gab Perioden, in denen knallige, reine Farben bevorzugt wurden, unter anderem in der Moderne“, sagt Wimmer. „In den zwanziger und dreißiger Jahren ging man ab von Pastelltönen und feinen Abstufungen. Man bepflanzte ganze Flächen einfarbig knallrot und gelb.“ Dafür brauchte es natürlich andere Blütenfarben – dottergelbe Stiefmütterchen und feuerrote Salvien.

Manches schlummerte auch in Spezialsammlungen, bis seine Zeit gekommen war. „Die Blutbuche ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Das hat aber niemanden interessiert, weil man eine solche Laubfarbe nicht brauchen konnte. Aber die Gründerzeit war die große Zeit der Blutbuche, viele, viele Jahrzehnte nach dem ersten Fund.“ In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine Vorliebe für buntes Laub und Kontraste, in dieser Zeit entstand zum Beispiel die bis heute erhaltene Pelargonium-Sorte ’Mrs Pollock‘ mit dreifarbigem Laub. „Eine typische Pflanze aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts!“

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