Dichter Eugen Gomringer mit 100 Jahren gestorben

Dichter Eugen Gomringer mit 100 Jahren gestorben

Am Anfang standen einfache Dinge. Als er zum ersten Mal in Chicago war, lernte Eugen Gomringer die US-amerikanische Lyrik kennen. In den Texten von William Carlos Williams und T.S. Eliot entdeckte er etwas völlig Neues – und warf all seine Vorstellungen vom Gedicht über Bord. Kein Heine mehr und kein Brentano, so erzählte er einmal: „Die hatten Freude an einem Brötchen oder an einer Erdbeere. Von da an war auch für mich Schluss mit Wolkenbildern und Angesicht. Es ging um konkrete Sachen.“

Geboren wurde er 1925 in Cachuela Esperanza, einem Ort im Norden Boliviens. Sein Vater, ein Kaufmann aus der Schweiz, arbeitete dort für eine große Kautschukfirma. Womöglich speiste sich auch daher Gomringers Lust, die Sprache nicht als Vehikel für außersprachliche Sinnkonstrukte zu nehmen, für Stimmungen etwa oder für metaphysische Ideen, sondern sie als Material zu begreifen. Und sie in ihrer Materialität erfahrbar und begreifbar zu machen. Als etwas, das man kneten und bearbeiten kann, um die Wörter, besonders die Klänge und Rhythmusmomente, beweglich zu halten. „das wort ist weder gut noch böse“, hat er in einem seiner bekanntesten Texte geschrieben, „weder wahr noch falsch, es besteht aus lauten, aus buchstaben (…). es eignet dem wort die schönheit des materials und die abenteuerlichkeit des zeichens“.

Die „direkte sprache“ seiner Zeit

Und das Wort tritt nun tatsächlich in den Vordergrund. Und zugleich in den Hintergrund. Und an den Rand. Ganz konkret. Denn die Art, wie die Wörter auf der Seite verteilt sind, die visuelle Kraft des Gedichts, spielt eine entscheidende Rolle. In seinem berühmten Gedicht „schweigen“ von 1960 ist dieses Wort vierzehn Mal vorhanden, und die 14 Wörter sind so zu einem Rechteck angeordnet, dass in der Mitte eine Lücke bleibt, ein ausgespartes „schweigen“, das eben zeigt (oder genauer: ist), wovon es spricht. Dass die Zahl 14 auf die klassische Zeilenzahl des Sonetts anspielt, macht deutlich, wie genau Gomringer bei aller Veränderungslust die Tradition immer vor Augen hatte.

„Konstellation“ und „Konkrete Poesie“ sind die beiden Begriffe, die er mitprägte. Während in Österreich die Wiener Gruppe nach einem Sprachverständnis suchte, das eine Antwort auf die Verwerfungen des Nationalsozialismus sein sollte, wählte Gomringer im Umfeld des Ulmer Kreises um Max Bill seinen eigenen Weg. Was nicht bedeutet, dass er allein mit seinen Vorstellungen gewesen wäre. Ähnlich wie die Vertreter der brasilianischen Gruppierung „Noigandres“ ging er von der Alltagssprache aus, von dem, was er die „direkte sprache“ seiner Zeit nannte. Schnelle Kommunikation, knappe Formen, wie er sie etwa in der Werbung vorgeprägt fand. Ästhetisch schloss er an so unterschiedliche Dichter wie Arno Holz oder Apollinaire an.

Auf schnellem Weg in den Alltag

Tatsächlich zielte er gerade darauf ab, die Sprache des Gedichts wieder an die Gesellschaft anzubinden. Doch sein Projekt wurde zwiespältig aufgenommen. Die einen warfen ihm ein Haften an Tagesaktualität und Konsum vor, die anderen lobten ihn für seinen Einsatz gegen den Missbrauch von Sprache. In Südamerika allerdings wurde er von Anfang an verehrt. Und sein Ruhm hält bis heute an, nicht nur unter den Nachfolgern der „Noigandres“. Als Raúl Zurita, einer der größten chilenischen Dichter, 2005 auf dem Berliner Poesiefestival gemeinsam mit Gomringer an einem Übersetzungsprojekt arbeitete, brachte er seine Bewunderung in einem kleinen Text zum Ausdruck: „Ich dachte mir: wie schön, jetzt kann ich ihm gegenüber tatsächlich einige Dinge der visuellen Poesie widerlegen, mit denen ich überhaupt nicht übereinstimme. Natürlich konnte ich das nicht. Ich traf ein undenkbares Wesen, stark und wunderbar, das von Anfang an bereits besser Spanisch sprach als ich.“

Eugen Gomringer im Januar 2020 an seinem Schreibtisch in Rehau
Eugen Gomringer im Januar 2020 an seinem Schreibtisch in Rehaudpa

Dabei hat Gomringer nach seinen großen Texten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in denen er der Dichtung eine ganze „Theorie der Konkreten Poesie“ verpasste, lange Zeit nur wenig veröffentlicht. Was auch an einer veränderten gesellschaftlichen Situation und nachlassendem Interesse der Verlage an Konkreter Poesie lag. Möglich, er war selbst überrascht, wie schnell seine Verfahren ihren Weg in die Alltagssprache und vor allem: zurück in die Werbung fanden. Und derart perfektioniert gerade ökonomischen Interessen dienstbar gemacht wurden. Die eifrigsten Anwärter auf jenen Titel „erfinder neuer formeln“, von dem er geträumt hatte, schienen bald schon nicht mehr die Dichter Konkreter Poesie zu sein, sondern die Werbedesigner.

Er selbst ein Staunender

Vielleicht hatte Gomringer untergründig aber auch ein allzu gutes Gespür für diese Entwicklung und nahm deshalb ebenso an ihr teil, wie er sich zugleich anderen Bereichen zuwandte. Immerhin hatte er nicht nur Literatur- und Kunstgeschichte, sondern auch Nationalökonomie studiert. So leitete er etwa die Werbeabteilung eines Schweizer Unternehmens oder war Kulturbeauftragter der Rosenthal AG im fränkischen Selb. Wie nebenher lehrte er als Professor für Theorie der Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie und legte sich eine umfangreiche Sammlung Konkreter Kunst und Poesie zu.

Dass er gleichwohl parallel dazu immer schrieb und seine literarischen Ideen weiterentwickelte, wurde erst recht eigentlich durch die vier wuchtigen Bände der Gesamtausgabe deutlich, die ab 1995 erschienen. Und man konnte es gerade noch einmal auf den zahlreichen Veranstaltungen bestaunen, die anlässlich seines 100. Geburtstags in Berlin und in seiner Wahlheimat Rehau in Oberfranken ausgerichtet wurden. Auf den Fotografien jener Tage ist er meist im Duett mit seiner Tochter zu sehen, der Dichterin Nora Gomringer, und zeigt sich selbst als Staunender.

Auf wundersamste Art und Weise zusammen

Es hat seine eigene Ironie, dass einer seiner Texte vor einigen Jahren nicht zu neuer ästhetischer Deutung anregte, sondern zum Auslöser für eine Genderdebatte wurde. Sein Gedicht „avenidas“ („avenidas / avenidas y flores // flores / flores y mujeres (…) y / un admirador“), von ihm selbst einst als Musterbeispiel einer Konstellation beschrieben, schmückte seit 2011 die Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule. 2017 sah die Studierendenvertretung darin eine „klassisch patriarchale Kunsttradition“, es sei diskriminierend und sexistisch. Was als Hochschulstreit begann, entwickelte sich zu einer hart geführten internationalen Debatte über die Freiheit der Kunst.

Eine Antwort auf diese Debatte ist vielleicht der „gomringador“. Ein Twitter-Bot, der nach dem Modell von „avenidas“ zwischen Januar 2018 und Mai 2023 Gedichte ausspuckte: „echos / echos und keksbrösel // keksbrösel / keksbrösel und schaukelstühle (…) und / ein dichter“. Was von Eugen Gomringer bleiben wird, sind aber gewiss nicht Diskussionen, sondern die Echos seiner Texte. Konstellationen aus Sprache, in denen die Schönheit des Materials und die Abenteuerlichkeit des Zeichens auf wundersamste Art und Weise zusammenfinden. 

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