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Einfach mal „die Zeit vergessen und sich in der Lust der eigenen Wahrnehmung verlieren“ – darf man das heute mit Gegenwartskunst im Museum eigentlich noch? Wer wollte sich als Künstler frank und frei dazu bekennen, wo es doch so viele Konflikte zu traktieren gilt von der Identitätspolitik bis zum Klimawandel? Als Karina Bisch und Nicholas Chardon das Depot des Museum Bochum durchstöberten, fahndeten sie jedenfalls nicht nach den verblichenen Verheißungen des zwanzigsten Jahrhunderts und den Krisen der Jetztzeit, sie ließen sie den Blick nach eigenem Bekunden „wie in einem Candy-Shop“ schweifen – mit besagter Lust ihrer persönlichen Wahrnehmung. Und entdeckten einen spiralförmigen Alu-Lampenschirm von Man Ray; ein kinetisches Gitterobjekt von François Morellet; eine surreale Tapisserie von Jean Lurçat, dessen Wandteppiche einst als „entartet“ diffamiert wurden. Es läge ihnen fern, den Besuchern sagen zu wollen, was sie zu tun oder zu lassen hätten, sie gar bevormunden zu wollen, geben Bisch & Chardon zu verstehen. Beide wurden 1974 in Paris geboren, leben und arbeiten als Paar zusammen, entwickeln aber ihre Werke jeweils für sich allein.

Kunst-Stoff: „T-Shirt und Leggins“ mit Künstlersignaturen von Emmanuelle Khanh und einem Anonymus
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Bild: Ana Maria Sales Prado
„Entartete“ Teppiche werden rehabilitiert
In Bochum verbinden sie jetzt ihre Perlen der Sammlung mit eigenen Werken und feiern den vor vierzig Jahren eröffneten Anbau des Museums von Bo und Wohlert. Die dänischen Architekten, 1958 bereits für das berühmte Louisiana-Museum bei Kopenhagen verantwortlich, hatten der Ruhrstadt 1983 einen eigenwilligen Anbau beschert – schwer bespielbar im Parterre mit seinen terrakottafarbenen Fliesen, opulent ausgestattet mit Raumressourcen darüber. Ein bedeutender Zuwachs seinerzeit für den Ruhrpott und eine dringend benötigte Erweiterung für das 1960 eröffnete Museum.
„Squares and Roses“ nennt das Künstlerpaar die Jubiläumsschau – dies muss man ihm lassen: Den hohen, langen, riesigen Saal für Wechselausstellungen hat man in den vier Jahrzehnten seines Bestehens selten in einem so stimmigen, großzügigen Display gesehen wie jetzt mit den Rosen und Quadraten. Der Rahmen passt bei den Künstler-Kuratoren als fröhlichen Formalisten, da hat jemand das Kapital Raum erkannt und löst es mit stattlichen Formaten in luftigem Display ein. Mit einem Sinn für die Proportionen bemächtigen sich die Künstler der Architektur, der den skandinavischen Baumeistern gefallen haben dürfte, in dem frischen Wind bekundet sich auch die Handschrift von Noor Mertens, seit 2021 Direktorin des Museums am Stadtpark. Die Blume und das Viereck stehen für Passion und Ratio, für eine Moderne aus Geometrie und Ornament (das hier kein Verbrechen ist wie in dem Essay des Architekten Adolf Loos von 1908). Scherenschnitte à la Matisse und schwarze Quadrate nach Malewitsch treten auf einer Wand als Geschwister auf.

Hommage to the Squares: Karina Bischs „Tableau de Tissus (Stoffbild)“ von 2021
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Bild: Ana Maria Sales Prado
Wandrouge wird aufgelegt, Stoffbilder gemixt, Quadrate verzerrt
Mit sonorem Wandrouge unterlegen Bisch und Chardon die Werke aus Bochumer Bestand, darunter Abstraktionen von Frank Stella, Ron Gorchov und Fujio Akai. Mit Sinn für Entlegenes spüren sie die „Modebilder“ des tschechischen Fluxus-Pioniers Milan Knížak und eine skulpturale „Raumkonstruktion KPS VXII“ des schwedisch-russischen Künstlers Vladimir Stenberg aus dem Jahr 1919 auf. In ihren eigenen, großformatigen Bildern bespiegeln die Künstler kursorisch die vergangenen hundert Jahre und unterlaufen dabei jeglichen heroischen Geist. In ausladenden „Stoffbildern“ mixt Bisch strenge Form mit floralem Muster, während Chardon das schwarze Quadrat in zahlreichen Versionen verzerrt oder die Buchstaben der Vokabel „Abstract“ in Weiß auf Schwarz als Abstraktion auf die Leinwand malt.
Feel-good-Flair ist Trumpf. Dann ein Bild von Mary Heilmann aus der Museumssammlung, das, so der Eindruck, das Programm des Pariser Künstlerduos bereits ziemlich komplett beinhaltet. In ihrer Komposition „Zu lange (auf dem Jahrmarkt)“ von 1993 bespiegelt die Protagonistin der Postmoderne die Moderne ihrer Vorgänger – vordergründig heiter, aber eine Süßigkeit ist dieses Bild nicht. Eher ein Cocktail der Marke Sweet & Sour.
Karina Bisch & Nicolas Chardon: Squares and Roses. Im Kunstmuseum Bochum; bis 10. September. Kein Katalog.
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