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#Die Kritiker: Solo für Weiss – Das letzte Opfer

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Die Kritiker: Solo für Weiss – Das letzte Opfer

Nora Weiss‘ Chef LKD Böhnisch verabschiedet sich in den Ruhestand, nicht ohne im Rahmen einer kleinen Feierstunde die Zielfahnderin direkt anzusprechen. Nach dem Abschluss der besagten Feierstunde steigt Böhnisch in sein Auto und erschießt sich. Nora glaubt, dass Böhnisch sie nicht zufällig angesprochen hat.

Stab

DARSTELLER: Anna Maria Mühe, Jan Krauter, Peter Jordan, Hannes Hellmann, Florian Lukas, Inka Friedrich, Oana Solomon, Yorck Dippe
REGIE: Esther Bialas
DREHBUCH: Mathias Klaschka
KAMERA: Martin Neumeyer
SCHNITT: Maren Unterburger
MUSIK: Florian Tessloff

„Ich verlasse mich auf sie.“ Das sind Böhnischs Worte, die er während der Feierstunde an Nora Weiss richtet. Er sagt, er habe es nicht immer einfach mit ihr gehabt. Aber er respektiere ihre Arbeit. Nora kommen die Worte seltsam vor. Sie ergeben im Zusammenhang mit dem Rest seiner Rede keinen Sinn. Also folgt sie Böhnisch, sie hat ein mieses Gefühl: jedoch kann sie nicht verhindern, dass dieser sich mit seiner Dienstwaffe selbst richtet.

Nora ist geschockt. Wie alle anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landeskriminalamtes in Kiel. Böhnischs Selbstmord ergibt keinen Sinn. Nicht einmal für seine eigene Ehefrau, die nun ganz alleine dasteht. Alleine? Hatte Böhnisch keine Kinder? Nora wird hellhörig. Böhnischs Tochter ist vor zwei Jahren spurlos verschwunden. Von einem Tag auf den anderen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Böhnisch, der sein Privatleben strickt aus der Arbeit herausgehalten hat, hat offenbar zwei Jahre damit verbracht, Spuren nachzugehen. Spuren, die alle im Sand verlaufen sind. Das Problem: Es gab und gibt keinen Hinweis, dass Böhnischs Tochter Jasmin einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Daher gilt sie nur als vermisst. Polizeiliche Ermittlungen gibt es keine mehr. Hat Böhnisch Nora direkt angesprochen, um sie zu bitten, dem Fall seiner Tochter nachzugehen? Hat er sich vor Noras Augen umgebracht, um sie in einen emotionalen Konflikt zu stürzen, der sie quasi zwingt, Jasmins Verbleib klären zu müssen?

Kaum hat Nora vom Verschwinden der Tochter erfahren, wird an einem Strand bei Kiel eine Frauenleiche entdeckt. Die Tote sieht Jasmin frappierend ähnlich. Ist Jasmin das Opfer eines Serientäters geworden? Noras Ermittlungen gehen zumindest in diese Richtung, denn in den Vermisstenanzeigen findet sie eine weitere Frau, die Jasmin sehr ähnlich sieht.

Ein Krimi muss nicht realistisch sein. Realismus ist vielleicht sogar so etwas wie der Feind des Kriminalfilmes. Möchte man als Zuschauer den Beamten sehen, der am Ende der Schicht nach Hause geht, die Beine hochlegt und ein bisschen Netflix guckt, während er dabei ein Feierabendbierchen genießt? Oder verlangt es nicht eher nach dem Ermittler, der mit Haut und Haaren seinem Job nachgeht und erst schläft, wenn der Fall gelöst ist? Eben. Aus diesem Grund gilt für den Kriminalfilm die Plausibilitätsregel. All das, was geschieht, muss innerhalb des Handlungskosmos plausibel erscheinen.

Und an Plausibilität mangelt es dieser Geschichte gewaltig.

Es ist nicht so, dass «Das letzte Opfer» ein schlechter Film wäre. Anna Maria Mühe trägt die 90 Minuten Spielzeit locker auf ihren Schultern. Ihre Nora Weiss will wissen, warum sich ihr Chef umgebracht hat. Nora hat den Suizid gesehen, sie konnte ihn nicht verhindern, nun will sie die Hintergründe aufklären und entdeckt die Spur eines Serienmörders, von dessen Existenz bislang offenbar niemand etwas geahnt hat.

Das Problem: Man darf über die Hintergründe der Geschichte nicht nachdenken. Da gibt es also einen hochrangigen Polizisten in den Reihen des Landeskriminalamtes. Er ist nicht irgendwer, er ist der Leiter des Amtes in Kiel, der ranghöchste Polizist des Landes. Der hat eine Tochter, die verschwindet – wovon aber niemand etwas weiß. Noch einmal, es geht nicht um Realität. Es geht um Plausibilität innerhalb des jeweiligen Handlungskosmos. Einem Kosmos, der in diesem Fall nah an der Realität angelehnt ist, mit realen Spielorten und der von Menschen bevölkert wird, die den Menschen der Realität nahekommen. Und in dieser Welt hat niemand mitbekommen, dass vom ranghöchsten Polizist eines Bundeslandes die Tochter verschwunden ist, während er die Ressourcen des Apparates nicht für sich genutzt hat?

Wie muss man sich das vorstellen?

„Oh Gott, meine Tochter ist verschwunden! Was tue ich? Ich frage die Kollegen, die auf so etwas spezialisiert sind, … halt, ich bin ein deutscher Beamter, ich kann nicht einfach meine Kolleginnen und Kollegen für meinen eigenen Vorteil einspannen.“

Ernsthaft? Selbst wenn Böhnisch solch ein Beamter wäre: Seine Tochter ist als vermisst gemeldet worden – die Tochter des (Wiederholung) ranghöchsten Polizisten eines Bundeslandes! Der Buschfunk würde dafür sorgen, dass fünf Minuten später die halbe Polizei Schleswig-Holsteins mit dem Fall befasst wäre.

Aber in diesem Film wissen nicht einmal seine engsten Mitarbeiter, dass die Tochter verschwunden ist.

Dass nun ausgerechnet ein Mord in dem Moment geschieht, in dem sich Böhnisch umbringt, und dessen Opfer einer frappierenden Ähnlichkeit mit seiner verschwundenen Tochter aufweist, das ist jener Kommissar Zufall, der oft eingesetzt wird, wenn es darum geht, eine überraschende Wendung einzuführen. Sicher könnte man so etwas eleganter lösen, aber es funktioniert und steigert in diesem Fall die Dramatik. Wenn Nora nun über das Foto einer weiteren jungen Frau stolpert, die der verschwundenen Polizistentochter verdammt ähnlich sieht und sie dieses Foto nach Mecklenburg-Vorpommern führt, wo auch Jasmin zum letzten Mal gesehen worden ist, stellt sich die Frage: War Böhnisch einfach ein schlechter Polizist? Ein Blick in eine Datenbank, das Foto, der Ort ihrer Ermordung und der Ort von Jasmins Verschwinden: Man braucht kein Sherlock Holmes sein, um da einige Parallelen zu entdecken. Aber Böhnisch, dem obersten Polizisten des Landes Schleswig-Holstein, ist das alles irgendwie entgangen?

Selbst wenn es so wäre – der Kriminalfilmgucker weiß, dass, sobald Ermittler deutscher TV-Serien persönlichen in einen Fall involviert sind, sie dazu neigen, den weißen Elefanten in der Mitte eines Raumes nicht zu sehen -, dann gäbe es für ihn immer noch die Möglichkeit, die Polizistin, der am ehesten zutraut, seine Tochter ausfindig zu machen, in sein Büro zu bitten und ihr den Fall zu schildern. Oder er pustet sich vor ihren Augen den Kopf weg, verpasst ihr ein ordentliches Trauma und lässt seine Ehefrau alleine zurück, die nicht nur eine Tochter vermisst, sondern jetzt auch noch den Tod des Ehemannes verkraften muss. Das kann man machen, ist der Ehefrau gegenüber aber ziemlich gemein. Sympathiepunkte bringt das Böhnisch nun wirklich nicht ein.

Vor allem aber ist das alles derart konstruiert, dass es sich leider nicht als kleine Petitesse unter den Tisch kehren lässt. Wenn Nora dann auch noch zu einem späteren Zeitpunkt der Handlung einer Person gegenübersteht, der das Wort Täter förmlich auf die Stirn tätowiert worden ist, Nora aber bei einer weiteren Begegnung die einsame Heldin spielen muss…
Ach bitte…

«Das letzte Opfer» sieht richtig gut aus, die schauspielerischen Leistungen sind allesamt tadellos. Der Fall aber ist bedauerlicherweise derart konstruiert, dass er am Ende mehr Kopfschütteln als Spannung erzeugt. Schade.

Am 29. November 2021 im ZDF, 20.15 Uhr.

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