#Die Kunst des Siegens

Die Kunst des Siegens

Dreißig Jahre nach der nahezu ge­waltlosen Demontage der Sowjetunion scheint sich das Potential der friedlichen Revolutionen in großen Teilen der Welt erschöpft zu haben. In diesem Jahr wurden erst in Myanmar, dann in Tunesien fragile Demokratien durch Putsch der Militärs be­ziehungsweise des Präsidenten beendet, in Hongkong erhalten Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung und oppositionelle Jour­nalisten drakonische Haftstrafen. Die Revolutionen von oben in Belarus und Russland, wo Präsidenten ihren Popularitätsverlust durch Repression und die systematische Zerstörung der Zivil­ge­sellschaft ausgleichen, gehören zum Trend. Sowohl der bei vielen Belarussen verhasste Lukaschenko als auch der von der Bevölkerungsmehrheit un­terstützte Putin ha­ben sich vom Wahlvolk weitgehend un­abhängig ge­macht.

In den Augen der Moskauer Politologin Tatjana Stanowaja hat sich das System Putin von der – im Sinn von Max Weber – teils rational-legalen, teils cha­rismatischen Herrschaftslegitimierung seiner ersten Amtszeiten verabschiedet. Seit der An­nexion der Krim, angesichts der militärischen Erfolge in Syrien und der Modernisierung der russischen Armee sei es zu einer „Selbstheroisierung“ des Staatsoberhaupts ge­kommen, die durch die Verfassungsreform im vergangenen Jahr festgeschrieben wurde, so Stanowaja. Pu­tins Herrschaft sei nun meritokratisch, ihre Legitimität beruhe auf seinen außerordentlichen Verdiensten, frei­lich sei er nicht gegenüber der Be­völkerung, sondern nur vor der Ge­schichte rechenschaftspflichtig. Da­her habe Putin aufgehört, die Hauptsorgen seiner Landsleute wie sinkende Einkommen und steigende Preise überhaupt zu kommentieren und speise Journalisten mit Kinderretourkutschen und Dschungelbuchzitaten ab.

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