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„Die Kunst dieses Moments“
Vor einiger Zeit, der Sommer hatte gerade begonnen, trafen sich auf der Dachterrasse eines Neubaus in der Nähe des Berliner Kurfürstendamms ungefähr achtzig Menschen. Das Haus gehört zu den seltsamen Neubauten, die hier in den letzten Jahren errichtet wurden – beige Sandsteinfassade, Eingang mit viel Marmor, diskrete Aufzüge mit braun bedampften Spiegeln, in denen man gesünder und weniger gestresst aussehen soll, als man es vielleicht ist, unten ein paar Büroetagen und oben höllisch teure Wohnungen, in denen nie jemand wohnt, weil sie bloß als Wertanlage gekauft wurden. Irgendwie aber hatte es der Galerist von Olga Hohmann geschafft, eine dieser Theaterwohnungen für einen Abend zu ergattern, und so zog eine erstaunte Gruppe meist jüngerer Menschen wie ein ethnologischer Expeditionstrupp durch die Hallen des neuen Geldes bis hinauf auf die Dachterrasse, unter der sich Westberlin in seiner ganzen verkorksten Komplexität ausbreitete.
Der Abend hatte etwas von einem Geheimtreffen: Die Performance war nur irgendwo auf Instagram angekündigt worden, man musste davon gehört haben. Ein Gewitter zog auf, der Mercedes-Stern am Europa-Center drehte sich und leuchtete wie ein letzter Vertreter des deutschen Wirtschaftswunders gegen dunkler werdenden Himmel an – was ganz gut passte zu den Texten, die hier gleich vorgelesen werden sollten und die unter anderem von einem Deutschen handelten, der als Atomforscher in den Fünfzigerjahren nach Norditalien umzog, von seiner Nuclear Family und dem Leben seiner Enkelin, die im Westberlin der Neunziger- und der Nullerjahre aufwuchs.
Jemand rief, dass es jetzt losgehe, eine Musikerin legte Toncollagen auf, die Gäste saßen eng gedrängt auf dem Fußboden, und die Künstlerin Olga Hohmann betrat den Küchenblock und begann ein paar Texte vorzulesen, die so überraschend und klug waren, dass man unwillkürlich daran denken musste, dass keine zweihundert Meter entfernt von diesem etwas käsigen Luxusneubau vor etwas weniger als hundert Jahren eine junge Dichterin namens Mascha Kaléko im Romanischen Café saß und Gedichte schrieb und vorlas, die noch heute mehr über den Zauber und die Abgründe des Berlins der Zwanzigerjahre erzählen als die meisten Geschichtsbücher.
Bildstrategien totalitärer Systeme
Olga Hohmann ist eines der gleichzeitig unsichtbarsten und meistbesprochenen Phänomene Berlins. Sie ist für solche halb klandestinen Auftritte bekannt; mal lädt sie ein zu Abenden in ihre Wohnung, an denen sie kocht und singt, mal baut sie irgendwo in Westberlin in einer Unterführung eine Bar auf und zeigt Kunstfilme, mal liest sie Texte in einer Investorenwohnung. Und man kann nicht genau sagen, ob das, was dort stattfand, nun nach den klassischen Kategorien, auf denen der sortierfreudige deutsche Kulturbetrieb oft so verbittert beharrt, eine Lesung und damit „Literatur“ oder eine Performance und damit „Kunst“ war.
Die Künstlerin Nora Turato
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Bild: Desiré von den Berg
Vielleicht ist diese Gattungssprengung aber auch bezeichnend für eine neue Generation von Künstlerinnen, die sich um genau diese Trennungen nicht mehr scheren, die anders mit Sprache umgehen und das Schreiben als Teil einer erweiterten künstlerischen Praxis auffassen. Sie gehen dabei weiter als etwa die Generation von Barbara Kruger, die als Pionierin der Wortbilder, Textplakate und Künstlerbücher gilt und die Textstrategien von Massenmedien und Werbung in ihren Arbeiten spiegelte. Schon vor drei Jahren hatte die 1991 geborene Cemile Sahin im Literaturbetrieb Erfolg mit ihrem Roman „Taxi“, gleichzeitig gilt sie im Kunstsystem als eine der wichtigsten neuen Stimmen, die Narrative und Bildstrategien totalitärer Systeme auseinandernimmt.
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