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Alex Murdaugh ist die Bilderbuchversion des amerikanischen „Good Old Boy“. Er entstammt einer alteingesessenen Familie, die Generationen einflussreicher Juristen hervorgebracht hat, die sich vor allem um ihre eigenen Interessen kümmert und keine Skrupel kennt, wenn es um andere geht. Wie die Männer vor ihm scheut sich Alex nicht, Gefälligkeiten einzufordern, wenn es eng wird für Familienmitglieder, die sich benehmen, als gehöre ihnen die Welt. Er ist ein Mann, der sich die Wahrheit zurechtbiegt, einer, den man nicht zum Feind haben will.
Zweimal lebenslänglich für den Doppelmord
Murdaugh ist eine faszinierende Figur. Und er ist ein verurteilter Mörder. Für den an seinem Sohn Paul und seiner Ehefrau im Juni 2021 begangenen brutalen Doppelmord wurde er im März 2023 zu zweimal lebenslänglich und in weiteren Verfahren wegen Betrugs, Diebstahl und Geldwäsche zu 67 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Geschichte, die weitere Todesfälle umspannt, ist vielfach erzählt worden, in Podcasts, Dokumentationen, TV-Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln. Manche behaupten, es sei die öffentliche Aufmerksamkeit gewesen, die Murdaugh schließlich zu Fall brachte.
Als Alex Murdaugh verurteilt wurde, sagte Liz Farrell, die gemeinsam mit der früheren Lokalreporterin Mandy Matney den Podcast „Murdaugh Murders“ produzierte, der „Washington Post“: „Ich glaube kaum, dass die Polizei so hart drangeblieben wäre, wenn sie nicht unter dem Druck derer gestanden hätte, die darüber berichteten.“ „Berichtet“ hatten nicht nur Matney und Ferrell. Murdaughs Anwalt Dick Harpootlian sagte nach dem Schuldspruch gegenüber Reportern, die Jury hätte sich eine Geschichte anhören müssen, die einer „HBO- oder Netflix-Dokumentation über den Niedergang der Murdaugh-Dynastie“ geglichen habe.
„True Crime“ bringt Quoten
Tatsächlich hatten die Streamer aufwendige Dokumentationen aufgeboten, die die Geschichte aus dem Hinterland South Carolinas landesweit ins Bewusstsein rückten. Nun folgt bei Disney ein weiteres Stück. In „Murdaugh: Mord in der Familie“ wird das Ganze noch einmal aufgerollt – als Drama, das nach eigenen Angaben „zwar von wahren Begebenheiten inspiriert ist, teilweise aber für dramatische Zwecke fiktionalisiert wurde“. Warum das noch einmal sein muss, kann man durchaus fragen, ebenso, ob man den Menschen, die all dies durchmachten oder gar ihr Leben verloren, nicht einen Tort antut. Aber „True Crime“ ist ein Quotenbringer, und so konnte Disney offenbar trotz der bereits existierenden Flut von Nacherzählungen die Finger nicht davon lassen.
Aus künstlerischer Sicht ist der Achtteiler von Michael D. Fuller und der Dokumentarfilmerin Erin Lee Carr (die an den bisherigen Filmen zum Thema nicht beteiligt war) beachtenswert – vor allem dank der Schauspieler. Jason Clarke verkörpert Alex Murdaugh als charmanten und zugänglichen Mann, der die Leute, die er bedrängt, betrügt und abzockt, mühelos um den Finger wickelt. Er ist fraglos ein Dreckskerl, aber immer wieder möchte man ihn mögen. Patricia Arquette spielt Maggie Murdaugh als energische und liebevolle Hausfrau und Mutter, die zunehmend unter den unflätigen Ausfällen ihres Gatten leidet, in den sozialen Zwängen des Südens feststeckt und zu viele Kompromisse macht. Johnny Berchtold ist als ihr jüngster Sohn Paul zu sehen, dessen im Vollrausch verursachter Bootsunfall mit einer Toten eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, welche die Murdaugh-Dynastie in Schutt und Asche legen. Zunächst allerdings betreibt man im Hause Murdaugh routiniert Schadensbegrenzung. Das Motto „Daddy wird’s schon richten“ hat Tradition in einer Familie, deren Mitglieder immer wieder über die Stränge schlagen.
Die Murdaughs denken sich nichts dabei, andere ins Unglück zu stürzen, um ihre eigene Haut zu retten. Wiewohl diese Story davon lebt, dass die Privilegien zu bröckeln beginnen, verkneifen sich die Autoren die Schadenfreude, mit welcher der Niedergang selbstsüchtiger Machtmenschen oft beobachtet wird. So leicht macht es sich die Serie nicht mit ihren Figuren, die trotz allem als komplizierte Menschen mit viel Familiensinn erscheinen. Paul wird nach dem Bootsunfall von Schuldgefühlen zerfressen; seine Mutter versucht vergeblich, sich Zugang zu ihm zu verschaffen. Sein Vater inszeniert derweil einen Familienurlaub zur „Entspannung“, die er vor allem selbst braucht. Der Familienpatriarch Randolph (Gerald McRaney) macht ihm zu schaffen, sein Verhandlungsgeschick scheint nicht mehr zu greifen wie einst, die Schulden wachsen. Alex gerät in Panik, er schluckt Tabletten, während seine Welt mit zunehmender Geschwindigkeit in sich zusammenstürzt.
„Die einzig echte Wahrheit ist die, von der du andere überzeugen kannst“, heißt es an einer Stelle. Ein Juristenspruch, klar. Wichtig mag diese x-te Darstellung eines schrecklichen Kriminalfalls aus South Carolina sein, weil sie bisweilen wie ein mikroskopischer Blick auf eine Gesellschaft wirkt, deren Mächtige mit ihrem gnadenlosen, egoistischen Geschacher auch alle anderen ins Verderben reißen.
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