Das Reich der schwarzen Königin

Das Reich der schwarzen Königin

„O tempora, o mores!“, klagte die schwarze Königin vornehm und musterte den Narren streng durch ihre Lorgnette. „Mein Gemahl spielt Mensch-ärgere-dich-nicht mit dem weißen König, meine beiden Ritter haben ihre Rosse auf einen Gnadenhof gebracht und sind auch gleich selbst dort eingezogen, meine Bauern haben eine Gewerkschaft gegründet, und über meine Läufer und Türme mag ich gar nicht erst reden. Nun will also auch noch ein Narr beim Spiel der Könige mitkämpfen!“ „Verzeiht mir, Majestät, dass ich es wage, Euch zu widersprechen.“ Der Narr verbeugte sich ehrerbietig. „Ich möchte nicht mit Euch kämpfen, sondern Euch nur meinen Rat anbieten.“ „Nun denn“, sagte die schwarze Königin huldvoll, „so sprecht.“

„Ihr müsst junge Menschen für das Spiel der Könige begeistern. Aber das wird Euch mit Eurem vorgestrigen Reich nicht gelingen. Schaut Euch doch nur einmal selbst an. Eure Krone ist schwarz, Eure Kleider sind schwarz, Euer Mantel ist schwarz, Eure Schuhe sind schwarz, und selbst Eure Ohrringe sind schwarz. Ihr seid doch nicht in Trauer!“ Der Narr lächelte. „Kleidet Euch bunt!“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. „Diesen Rat schenke ich Euch, und er ist auch leicht zu befolgen. Schwieriger ist es, Euer Reich zu modernisieren.“ Nachdenklich strich sich der Narr über das Kinn. Dann sagte er: „Ich kann Euch bis morgen Abend einen Plan dafür entwerfen.“ „Das machst du doch sicherlich nicht nur für einen Gotteslohn?“, fragte die Königin misstrauisch. „Mein guter Rat ist nicht teuer, aber auch nicht ganz umsonst zu haben“, erwiderte der Narr. „Gebt mir für jedes Feld Eures Reiches einen Dukaten.“ Nach langem Zögern erklärte sich die Königin damit einverstanden.

Am nächsten Abend stellte der Narr seinen Plan vor. „An Eurem Reich müssen drei Dinge geändert werden. Erstens: Alle Felder sind nur schwarz oder weiß. Doch sie müssen bunt werden. Zweitens: Alle Felder sind quadratisch. Dabei weiß auch der kleinste Untertan, dass ,quadratisch‘ nur ein anderes Wort für ,langweilig‘ ist. Die Felder brauchen also andere Formen und Größen. Drittens: 64 oder 4 · 4 · 4 Felder sind viel zu viel. Auch 16 oder 4 · 4 Felder wären immer noch zu viel. Beschränkt Euch auf 4 Felder. Weniger ist hier mehr!“ Dann entrollte der Narr ein Pergament, das er in der Hand gehalten hatte. Es zeigte seinen Entwurf für die Neugestaltung des Reiches. „Euer Reich ist ein Quadrat von 64 Klaftern Länge und Breite. Daran kann man auch nichts ändern. Aber die neuen vier Felder sind farbige Dreiecke und haben unterschiedliche Formen und Größen.“ „Aha“, sagte die Königin wenig begeistert. „Das blaue Feld ist ein rechtwinkliges Dreieck, und die Innenwinkel des gelben Feldes, die an das rote Feld stoßen, sind gleich groß“, erklärte der Narr. „Und wie groß sind die einzelnen Felder?“, fragte die Königin. „Nun“, meinte der Narr und kratzte sich am Kopf. „Das blaue Feld ist 1.024 Quadratklafter groß.“ „Und die anderen drei Felder?“, hakte die Königin nach. „Ein großer Philosoph hat einmal gesagt: ,Lasst uns was zum Denken übrig!‘ Und diesem weisen Rat werde ich folgen und das Problem Eurer Klugheit überlassen.“ Der Narr räusperte sich. „Können wir nun zu Eurem Teil unserer Abmachung kommen?“, fragte er. Die Königin war zwar eine geizige, aber ehrliche Herrscherin und stand darum zu ihrem Wort. Zähneknirschend zählte sie dem Narren 64 Dukaten in die Hand. Dieser steckte die Goldstücke in seinen Geldbeutel und zog fröhlich pfeifend seiner Wege.© BDW-Illustration/Ricardo Rio Ribero Martins 

Wissen Sie, welchen Flächeninhalt das gelbe Dreieck hat?



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