#Du musst nur mit Geld wedeln

Du musst nur mit Geld wedeln

Über mehrere Jahre hinweg konnte man Anna Delvey auf jeder besseren New Yorker Party antreffen, und wo sie war, da kreisten die Schampusflaschen. Sie war eines von vielen Trust-Fund-Kindern, das mit 25 Jahren mehrere Millionen Dollar erben würde, vierzig oder sechzig, die Angaben variieren, ist auch nicht so wichtig, der Vermögensverwalter der Familie weiß da Genaueres. Anna stammte aus Deutschland, war mittelhübsch und eigensinnig, teuer und geschmackvoll gekleidet, eloquent und direkt, sie interessierte sich für Kunst und hatte eine Plan: Anna wollte in einem historischen Gebäude in bester Lage in Manhattan einen exklusiven Klub eröffnen und ihn mit den hippsten Restaurants ausstatten. Sie arbeitete mit Galeristen, Architekten, Innenausstattern und Finanziers zusammen und befand sich praktisch ständig auf einem sehr wichtigen Arbeitsessen oder im Telefonat. Sie hatte Geld, mit dem sie großzügig um sich warf, und sie wollte etwas und riskierte einiges. Dafür wurde sie bewundert, und man ließ sich gerne von ihr einladen.

Im Jahr 2013 tauchte sie in New York auf. Es dauerte tatsächlich ziemlich lange, bis 2017, bis die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs zu ermitteln begann. Im April 2018 erfuhr die breitere Öffentlichkeit von diesem vermeintlichen It-Girl mit seinen übergroßen Céline-Sonnenbrillen, als eine ehemalige Freundin und Vertraute auspackte, die einen Betrag im höheren fünfstelligen Bereich an Anna verlor. Rachel Deloache Williams ist Bildredakteurin bei „Vanity Fair“ und schrieb für ihr Blatt einen langen, abenteuerlichen Bericht über ihr Jahr mit der vermeintlichen Erbin, von einer Reise nach Marokko und dem manipulativen Verhalten der jungen Frau.

Von einem Hotelfoyer ins nächste

Anna Delvey, so viel wissen wir inzwischen, heißt eigentlich Anna Sorokin, wurde 1991 in der Nähe von Moskau geboren, ihr Vater war lange als Lastwagenfahrer unterwegs, arbeitete sich zum Transportunternehmer hoch und vertreibt heute klimaeffiziente Wärmetechnik. Im Jahr 2007 zog die Familie ins deutsche Eschweiler nahe der belgischen Grenze. Natürlich gab es nie einen Trust-Fund, auch wenn die Eltern die Tochter lange unterstützten, ihr ein Studium in London finanzierten, das sie abbrach, und Praktika, unter anderem bei einem Lifestylemagazin in Paris. Nur das Beste für Annas Zukunft.

Die Geschichte, wie ein deutsch-russisches Mädchen die New Yorker Kunst- und Finanzwelt hinters Licht führt, so offensichtlich mit Geld herumwedelt, bis sich niemand mehr fragt, wer diese Anna wirklich ist, ist wie gemacht für eine Fernsehserie, die von einem Hotelfoyer ins nächste führt und von einer prätentiösen Party zum nächsten exklusiven Kulturevent. „Inventing Anna“ läuft nun auf Netflix an, produziert von Shonda Rhimes, die mit dem Steamingdienst einen Exklusivvertrag abgeschlossen und mit „Bridgerton“ eine erste Entwicklung vorgelegt hat – die zweite Staffel läuft im März. „Bridgerton“ verlagert die Welt der Schönen, der Reichen und des Tratsches ins englische Regency, wo in „Gossip Girl“-Manier von den gesellschaftlichen Ränken, den arrangierten Ehen und den Liebesbeziehungen einer fiktiven Upperclass erzählt wird. Das ist bunt, überbordend ausgestattet, unterhaltsam und ziemlich erfolgreich. Und mit „Inventing Anna“ folgt Rhimes diesem Rezept, auch wenn die Handlung weitgehend der ganz unfiktiven Reportage von Jessica Pressler im „New York Magazine“ folgt.

Hundert Dinge richtig gemacht

Das Faszinierende an Hochstaplern ist die Frage, wie sie mit ihrer Masche eigentlich so lange durchkommen, bevor jemand beginnt, hinter die Kulissen zu schauen, sich über ungedeckte Kreditkarten und widersprüchliche Ausreden zu wundern und eins und eins zusammenzuzählen. Das fragt sich in „Inventing Anna“ auch die Reporterin Vivian (Anna Chlumsky), die uns Normalmenschen ohne Zugang zur Kunstschickeria als Erzählerin zur Seite gestellt wird und Stück für Stück diese erstaunliche Welt recherchiert.

Bezahlte von den Netflix-Einnahmen ihre Gläubiger: Die echte Anna Sorokin während ihres Prozesses in New York.


Bezahlte von den Netflix-Einnahmen ihre Gläubiger: Die echte Anna Sorokin während ihres Prozesses in New York.
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Bild: picture alliance/dpa

Eigentlich längst abgeschrieben, mit undankbaren Aufgaben betraut und in einem fensterlosen Eck des „Magazine“-Newsrooms endgelagert, nervt sich die hochschwangere Vivian, unterstützt von ein paar Fossilien nahe der Rente, mit einiger Hartnäckigkeit an Annas ehemalige Freunde, Gönner und Weggefährten heran. Und es gelingt ihr, Zugang zu Anna zu bekommen, die auf der Gefängnisinsel Rikers Island inhaftiert ist und kein Stück Reue zeigt, ganz im Gegenteil. Sie habe ein paar Fehler begangen, das schon, aber hundert Dinge richtig gemacht.

Viel Liebe zum aufgeblasenen Detail

Doch Anna, in der Serie verkörpert von Julia Garner, ist nicht so leicht zu fassen. Sie schien mehrere Leben gleichzeitig zu führen und jedem genau das vorzuspielen, was er von ihr erwartet. Sie schaffte es immer wieder, dass die Fehler, die sie auf dem gesellschaftlichen Parkett beging, zu ihren Gunsten umgedeutet wurden – nur echtes Geld hat die Chuzpe, sich derart danebenzubenehmen, hört man mitunter, nur echtes Geld kann mit einem solchen Durchschnittsgesicht zur Fashion Week eingeladen werden. Die Serie trifft die Zwischentöne und die Sprache der Prätention sehr genau.

Ihren Freund Chase lernt Anna auf einem TED-Talk kennen, in dem er seine App anpreist, die die Träume der Benutzer erfassen soll, und das ist gleichzeitig so vollkommen überdreht wie realistisch, dass es nur wahr sein kann. Und Anna verkauft ihren Klub immer wieder auf eine Art, die an der nichtssagenden PR-Sprache von Hochglanzprospekten geschult ist und genau jene Versatzstücke verwendet, auf die man immer wieder stößt, wenn Kunst, Hoteleinrichtung oder absurde Traumerfassungs-Apps angepriesen werden sollen. Und das macht die Serie mit sehr viel Liebe zum aufgeblasenen Detail. In jeder Folge steht eine andere Figur im Mittelpunkt, die Anna eine neue Facette hinzufügt. Wie die Sache ausgeht, wissen wir ja – aber die Suche nach dem Kern dieser Hochstaplerin ist, auch dank Reporterin Vivian und ihrer Kollegen, äußerst spannend und unterhaltsam.

Inventing Anna, von heute an bei Netflix

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