#Ein Jahr Brexit-Ernüchterung

Ein Jahr Brexit-Ernüchterung

Tausende Brexit-Anhänger feierten eine rauschende Party vor dem Palace of Westminster, als das Vereinigte Königreich Ende Januar 2020 formell aus der EU austrat. Vor einem Jahr endete die Übergangsfrist, kurz davor einigten sich London und Brüssel zu Heiligabend 2020 auf einen Freihandelsvertrag. „Get Brexit done“ – Premierminister Boris Johnson hatte sein Versprechen eingelöst. Nun, ein Jahr später, herrscht überwiegend Ernüchterung.

Sechs von zehn Briten sagten jüngst in einer Umfrage von Opinium, dass der Brexit schlechter als gedacht gelaufen sei. Ein Zeichen für Ernüchterung selbst im Lager der Brexiteers ist der Rücktritt von David Frost als Brexit-Minister, der sich in monatelangen Verhandlungen mit Brüssel über die Nordirland-Probleme verhakt hatte.

Die härtesten Spuren hat der Brexit in der Handelsstatistik hinterlassen. Das Freihandelsabkommen verspricht Unternehmen zwar zollfreien Warenhandel mit der EU, doch müssen sie Zollerklärungen, Ursprungsdokumente und weitere Zertifikate für Lebensmittel vorlegen. Im Januar 2021 brach der Außenhandel regelrecht ein, was aber auch am Corona-Lockdown lag. „Inzwischen hat sich der Handel von dem massiven Einbruch wieder teilweise erholt, doch bleibt ein Minus“, sagt Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in London. Viele kleinere deutsche Exporteure haben sich ganz vom britischen Markt verabschiedet, weil sie die mehreren tausend Euro Extrakosten durch die Bürokratie scheuen. Nach Schätzungen von Ökonomen sei der Handel zwischen EU und Britannien seit dem Brexit-Votum 2016 um insgesamt etwa 15 Prozent gedrückt worden, sagt Hoppe.

Lieferketten am Anschlag

Im neuen Jahr droht noch eine Verschärfung der Zollproblematik. Zum 1. Januar 2022 beginnt Großbritannien, Importe aus der EU strikter zu kontrollieren. Bislang waren vereinfachte Warenanmeldungen an der Grenze möglich. Ein Drittel der Importeure ist nicht richtig auf die neuen Zollformalitäten vorbereitet, zeigt eine Umfrage des Unternehmerverbands Institute of Directors. „Schon jetzt sind die Lieferketten am Anschlag“, warnt Hoppe.

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Allerdings haben sich auch manche der düstersten Prognosen zum Brexit als überzogen erwiesen. Es gab keine kilometerlangen Lastwagenstaus an Grenzübergängen. Auch die von manchen Brexit-Gegnern 2016 vorhergesagte unmittelbare Rezession erwies sich als falsche Warnung. Im Londoner Finanzzentrum gingen ebenfalls nicht die Lichter aus. Statt der pro­gnostizierten Zehntausenden Job-Verluste haben Banken bislang nur 7400 Arbeitsplätze in EU-Zentren verlagert, das sind ein kleiner einstelliger Prozentanteil aller Arbeitsplätze im Londoner Finanzsektor. Allerdings hat Corona manche Job-Verlagerung gebremst. Längerfristig könnte die Abwanderung weitergehen, vor allem wenn die EU-Regulatoren britischen Banken das EU-Geschäft stärker einschränken.

Erholung nach der Rezession

Der Arbeitsmarkt auf der Insel präsentiert sich zum Ende des zweiten Brexit- und Corona-Jahres indes in erstaunlich guter Verfassung. Der Rezession 2020 mit dem Einbruch der Wirtschaft um 10 Prozent hat keine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst. Dieses Jahr erholte sich die Wirtschaftsleistung auf der Insel um voraussichtlich knapp 7 Prozent, unterstützt durch die erfolgreiche Impfkampagne. Für 2022 sagten Großbanken wie HSBC einen Anstieg um fast 5 Prozent voraus.

Allerdings fehlt an allen Ecken und Enden Personal, und der Brexit hat die Knappheiten verschärft. Der Handel klagt über den Mangel von bis zu 100.000 Lastwagenfahrern, wozu die Abwanderung einiger zehntausend osteuropäischer Fahrer beigetragen hat. Auch andere Branchen, Schlachthöfe und Bauern klagen laut. Die Regierung will verstärkt hochqualifizierte Immigranten anlocken. Der Slogan „Take back control“ – die Kontrolle über die Grenze wiedergewinnen – war einer der zugkräftigsten der Brexit-Kampagne. Innenministerin Priti Patel gelingt es allerdings nicht, die illegale Bootsmigration über den Ärmelkanal unter Kontrolle zu bringen.

Obwohl die Mehrheit der Briten laut Umfragen mit dem Brexit unzufrieden ist, gibt es keine klare Mehrheit für eine Rückkehr in die EU. In der Opinium-Umfrage gaben 51 Prozent an, sie wollten außerhalb der EU zu bleiben. „Das Land war 2016 gespalten und ist es heute noch“, sagt Wahlforscher John Curtis. Aus dem Brexit-Disput ist jedoch die Hitze und Schärfe gewichen. „Der Brexit ist für die große Mehrheit durch“, meint Handelskammerchef Hoppe. „Die Briten haben das akzeptiert und machen jetzt pragmatisch weiter.“  

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