Inhaltsverzeichnis
„Einblicke ins Innere der Seele“
Im Jahr 1922 erschien ein Buch, das eine ungeahnte Wirkung entfalten sollte: „Bildnerei der Geisteskranken“ von Hans Prinzhorn. Der Autor hatte Kunstgeschichte und Philosophie studiert, ließ sich anschließend als Sänger und dann noch als Mediziner ausbilden, sodass er nach dem Krieg als wissenschaftlicher Assistent an der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg angestellt werden konnte. Dort richtete sich sein Interesse alsbald auf die gestalterischen Hervorbringungen der Patienten. Diese landeten in den meisten psychiatrischen Anstalten im Müll. Prinzhorn verfasste seit Anfang 1919 mehrere Rundschreiben mit der Bitte, ihm möglichst viele dieser Arbeiten zu überlassen. So kam sehr schnell ein großes Konvolut von fast fünftausend Objekten zusammen.
Prinzhorn legte großen Wert darauf, dass die Werke von Anstaltsinsassen stammten, die ohne besondere Ausbildung und ohne äußere Anregung ganz aus eigener Initiative tätig geworden waren. Dementsprechend orientierte sich sein theoretischer Kommentar auch nicht an Kriterien aus der Kunstwelt, sondern an einem weit gefassten Begriff der Gestaltung, die er in psychologischer Terminologie auf einen Trieb zurückführte, einen Drang, sich auszudrücken. Denselben Drang glaubte man auch in den bildnerischen Bemühungen von Kindern zu erkennen, oder auch in den Schöpfungen von Angehörigen der sogenannten „primitiven“ Völker.
Das Fluidum des Abweichenden und Exzentrischen
Das Buch ist schwungvoll, launig und zugleich zielstrebig geschrieben, doch sein Erfolg beruhte eigentlich nicht auf den Ausführungen des Verfassers, sondern darauf, dass es fast zweihundert Abbildungen enthielt, zehn Prozent davon in Farbe. Damit wurde das Buch zur weltweit ersten Dokumentation einer eigentümlichen Spezies bildnerischer Betätigung, die dem breiten Publikum bis dahin unbekannt war.
Emma Hauck, o.T. (Brief an Ehemann Michael Hauck)
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Bild: Sammlung Prinzhorn
Das größte Interesse fand das Buch unter den Künstlern seiner Zeit. Max Ernst war tief beeindruckt, und er schenkte Paul Éluard ein Exemplar, das dann überall in Paris herumgezeigt wurde. Oskar Schlemmer ließ sich von dem Buch anregen, ebenso Paul Klee und noch unzählige andere. Dennoch musste die Faszination im Laufe der Zeit abnehmen, weil sich in der Kunst eine stetig steigende Diversität entwickelte. 2013 fielen auf der Biennale in Venedig die im Arsenale gezeigten Malereien von Menschen mit psychischen Ausnahme-Erfahrungen gar nicht mehr auf.
Ein Hilferuf an den Ehemann
Im selben Maße, in dem die Werke, die Prinzhorn publik machte, ihr Fluidum des Abweichenden und Exzentrischen verloren, wurden sie allmählich ebenso „historisch“ wie die Kunst im Allgemeinen. Ein eigenes Museum wurde für die Sammlung dennoch erst 2001 eingerichtet. Dort wurden bis vor kurzem nur Wechselausstellungen gezeigt, doch seit 2020 konnte man noch einige Räume für eine permanente Präsentation freimachen. Hier findet man einen schwarzen Graphikschrank mit zehn Schubladen, die man herausziehen kann, um besonders lichtempfindliche Originale von jenen zehn Personen zu betrachten, denen Prinzhorn in seinem Buch jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet hatte. An den Wänden hängen zum Teil Arbeiten, die noch nie gezeigt wurden, und auch solche, die man früher nicht besonders beachtet hat, die aber heute eine verblüffende Affinität zu neueren Kunstrichtungen wie etwa der Konzeptkunst erkennen lassen.
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