#Eine Stadt wird umgekrempelt

„Eine Stadt wird umgekrempelt“

Der Umbau von Paris im Zweiten Kaiserreich gehört wohl zu den am besten untersuchten stadtplanerischen Unternehmungen. Damals erhielt die um fast zwei Drittel ihrer alten Fläche vergrößerte Hauptstadt in nicht einmal zwei Jahrzehnten ein neues Erscheinungsbild, das die Wahrnehmung und Nutzung von Paris bis heute prägt. Es gehörte dazu eine Zerstörung alter Substanzen und Strukturen, wie sie selbst erbarmungslose Stadtplaner in den seitdem verflossenen hundertfünfzig Jahren nicht mehr zustande brachten, um neue Straßenzüge und Verkehrswege anzulegen, die Erschließung neuer Viertel, eine umfassende Modernisierung von Infrastruktur, repräsentative Bauten und öffentliche Anlagen.

Helmut Mayer

Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

Die Zusammenarbeit Napoleons III. mit seinem für den Umbau zuständigen Präfekten Georges-Eugène Haussmann ist gut durchleuchtet; die Absichten und Vorbilder, an denen sich der Kaiser orientierte, sind untersucht; der Furor, die ästhetischen Ideale und das administrative Geschick, mit denen Haussmann das embellisement vorantrieb, sind ebenso beschrieben wie die dafür verwendeten Finanzierungsinstrumente. Man kennt die Pläne und im Vergleich zaghaft wirkenden Vorarbeiten seit dem Ersten Kaiserreich, an die er teilweise anschloss; die Garde der Ingenieure/Architekten, die zum Zug kam – Männer wie Alphand, Baltard, Davioud, Belgrand –, hat längst Profil gewonnen, die literarischen Nachrufe auf das untergegangene „vieux Paris“ sind ebenso dokumentiert wie die späteren Debatten um Haussmanns Leistungen.

Soziale Segregation einer wachsenden Bevölkerung

Man brauchte da mittlerweile schon eine kleine Spezialbibliothek, um diese Untersuchungen zur Entstehung des neuen Paris, das in wesentlichen Zügen noch das heutige ist, zu versammeln. Nun aber hat Esther da Costa Meyer, emeritierte Professorin für moderne Architekturgeschichte in Princeton, ein Buch vorgelegt, das die aufgelaufene Forschung in eine übersichtliche, gut lesbare und also naturgemäß materialreiche Darstellung einarbeitet, die selbst weitere Funde aus den Archiven beiträgt. Wobei der Titel, „Dividing Paris“, gleich darauf verweist, dass dabei gerade auch die sozialen Begleitumstände und Konsequenzen dieser Stadterneuerung im Blick behalten werden.

Esther da Costa Meyer: „Dividing Paris“. Urban Renewal and Social Inequality 1852–1870.


Esther da Costa Meyer: „Dividing Paris“. Urban Renewal and Social Inequality 1852–1870.
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Bild: Princeton University Press

Die soziale Segregation der wachsenden Bevölkerung – grob einem sozialen West-Ost-Gefälle gehorchend, das seinerseits an sehr alte Ungleichheiten zwischen rive droite und rive gauche anschloss – war zwar nicht neu, wurde aber durch Haussmanns Eingriffe entschieden verschärft. Das neue Paris war eines, in dem die sozial schwächeren Schichten immer deutlicher von den wohlhabenderen Stadtbewohnern abgetrennt waren und die Arbeiter an die erweiterte Peripherie gedrängt wurden. Die „Commune“ und der Bürgerkrieg, mit der das Zweite Kaiserreich zu Ende gehen, werden zeigen, was an Frustrationen in einer Stadt aufgelaufen waren, von deren Bewohnern über zwei Drittel als arm galten.

Reinszenierte Natur mit modernsten Mitteln

Ein Vorzug der Darstellung von da Costa Meyer liegt auch in ihrem Aufbau. Zwar ist sehr zu empfehlen, das einleitende Kapitel über den „Präsidenten [Louis-Napoléon Bonaparte vor Staatsstreich und Krönung], den Kaiser und den Präfekten“ zu lesen. Aber wer den Grundriss der Zerstörungen und Erneuerungen, den diese beiden Akteure ins Werk setzten, bereits kennt, der kann auch gleich zu folgenden Kapiteln übergehen. „Requiem“ widmet sich dem von Haussmann niedergelegten Paris – er begann bei der Place du Carrousel, Les Halles, der Île de la Cité, Châtelet –, bevor den neu durchbrochenen „Straßen und Boulevards“ nachgegangen wird. Dann geht es mit Kapiteln über die Wasserversorgung und das neue Abwassersystem um Infrastruktur und in den weitläufigen Untergrund von Paris, bevor unter der Überschrift „Entzauberte Natur“ vorgeführt wird, wie an der Anlage der neuen Parks, Gärten und über zwanzig squares gearbeitet wurde. Mit den Buttes-Chaumont, die auf spektakulärste Weise eine mit modernsten Mitteln reinszenierte Natur vorführen, ist auch der Übergang zum letzten Abschnitt schon gegeben, der sich der durch die Stadterweiterung von 1860 hinzugekommenen städtischen Peripherie und ihren deklassierten Bewohnern widmet.

Alle diese Abschnitte bieten bündige Darstellungen, in die eine Fülle von aufschlussreichen Quellen, Untersuchungen und Details eingearbeitet ist. Sie werden überdies ergänzt durch eine großzügige, gut ausgewählte und exzellent reproduzierte Bildausstattung. Das ergibt einen Band, der in einer halbwegs ambitionierten Bibliothek von Paris-Liebhabern eigentlich nicht fehlen darf.

Esther da Costa Meyer: „Dividing Paris“. Urban Renewal and Social Inequality 1852–1870. Princeton University Press, Princeton 2022. 400 S., Abb., geb., 48 Euro.

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