#Er hatte seine Hoffnung auf Deserteure gesetzt

„Er hatte seine Hoffnung auf Deserteure gesetzt“

Eines Tages in Leipzig/DDR, Berliner Straße 5, vierter Stock rechts, stand, als ich gegen 18 Uhr nach Hause kam, mit allerhand Post in der Hand, weil es ein Montag war und mir montags immer die Post der vergangenen Woche durchgestellt wurde, hier und dort mit kleinen Einstichen im Umschlag versehen, woran ich erkennen konnte, was gelesen und kopiert worden war, eine auffallend gut gekleidete Frau vor der Tür und sagte mit feiner Stimme: „Ich konnte mich nicht anmelden, verzeihen Sie. Und nun war ich gerade in L., und da Sie so praktisch nah am Bahnhof wohnen, dachte ich, doch gleich einmal vorbeizuschauen, ehe wir lange lange Briefe schreiben“, und damit streckte sie mir ihre Hand entgegen und stellte sich vor: „Müller. Frau Dr. Müller“. Dem folgte die Nennung einer Behörde in Berlin, deren Namen ich vergessen habe.

„Gut“, sagte ich, „dann kommen Sie herein, und setzen Sie sich.“ In der Eile vergaß ich, dass an dem Sessel, den ich ihr zugewiesen hatte, ein Bein locker war und er nach hinten wegkippte, wenn man falsch darauf saß. Und noch ehe sie Platz nehmen konnte, zeigte ich auf meinen zweiten Sessel, der vom Bezug her etwas schmutziger war, dafür aber stabil. „Bitte, Frau Dr. Müller, nehmen Sie vielleicht doch besser . . . den.“ Frau Müller überlegte, ob sie ihre offenbar neue schöne Wildlederjacke, die in keinem Ost­geschäft je zu erwerben sein konnte, ab­legen sollte auf die Gefahr hin, sie zu beschmutzen, oder anbehalten, was dann die Geste einer Flüchtigkeit des Ge­sprächs gehabt hätte. Ich bereitete Tee zu, während sie leicht nervös mit den Spitzen ihres Seidenschals spielte, als wären sie schon der Beginn des Ge­sprächs. Nun nahm ich fest an, dass es um meine Anthologie junger Lyrik aus der DDR gehen würde, die ich zusammen mit meiner irischen Freundin für einen Verlag in Dublin vorbereitet hatte, was den Behörden naturgemäß nicht entgangen sein konnte.

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