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Sie traf Brahms, Tschaikowsky und Virginia Woolf, musizierte vor Queen Victoria und dinierte mit Wilhelm II. Die Erinnerungen der Komponistin und Frauenrechtlerin Ethel Smyth stecken voller Witz und Überraschungen.
Von jahrzehntelang eingeübtem Understatement nur mühsam kaschiert, bricht doch Bitterkeit aus Ethel Smyth hervor, als sie kurz nach ihrem 75. Geburtstag im Jahr 1933 das Resümee ihres Lebens zieht: „Also, mit dem Berühmtsein ist das so eine Sache. Ja, es stimmt, ich habe meine eigenen Opern dirigiert und liebe Bobtails; ich trage immer nur Tweedkleidung, und an kalten Winternachmittagen habe ich darin sogar Konzerte gegeben; ich war eine militante Suffragette und habe zu meinem ‚March for the Women‘ vom Fenster des Holloway-Gefängnisses herunter mit meiner Zahnbürste den Takt geschlagen, ich habe Bücher geschrieben, Reden gehalten, Rundfunksendungen gemacht, und ich achte nicht immer darauf, dass mein Hut gerade sitzt. Ich bin tatsächlich berühmt. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich seit über vierzig Jahren sozusagen meinen Job mache, und es ist mir dabei nicht gelungen, auch nur ein winzig kleines Rädchen im englischen Musikapparat zu werden. Meine Bekanntheit hat auch nicht geholfen, meinen Namen auf die Programmzettel zu bringen.“
Dass sie zweimal die Ehrendoktorwürde verliehen bekam und vom englischen König als Dame Commander of the Order of the British Empire in den Adelsstand erhoben wurde, schreibt sie mit grimmigem Grinsen ihren Verdiensten im Rasentennis und ihren guten Kontakten zu einflussreichen Männern des Woking Golf Clubs zu – nicht aber ihren musikalischen Verdiensten. Dabei hatte Ethel Smyth, 1858 in Südengland geboren und 1944 gestorben, auf dem Gebiet der Musik mehr erreicht als jede Frau ihrer Zeit. Ihr gelang es, dass die Berliner Hofoper Unter den Linden ein Bühnenwerk von ihr zur Uraufführung brachte; sie setzte als erste Frau überhaupt ein Werk am Königlichen Opernhaus Covent Garden in London durch und ebenso an der Metropolitan Opera New York.
Ein Spaß an Geist und Stil
Ihren Wunsch, Musik zu studieren, hatte sie ihrem Vater, einem Generalmajor der britischen Artillerie, mit einem häuslichen Hungerstreik und einer mehrwöchigen Sprechverweigerung abtrotzen müssen. 1877 gestattete er ihr es, nach Leipzig zu gehen, wo sie zunächst am Konservatorium, dann bei dem mit Johannes Brahms befreundeten Ehepaar Heinrich und Elisabeth von Herzogenberg zur Komponistin ausgebildet wurde. Die Ernsthaftigkeit ihres Studiums überzeugte dann auch den Vater.

Ethel Smyth: „Paukenschläge aus dem Paradies“. Erinnerungen.
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Bild: Ebersbach & Simon Verlag
Smyth hat zwischen 1919 und 1940 insgesamt sechs Erinnerungsbücher verfasst, nach eigenen Angaben aus doppelter Not heraus: Einmal war die argentinische Bank, die ihr Vermögen verwaltet hatte, pleitegegangen; zum anderen nahmen ihre Hörprobleme – bis zur fast völligen Ertaubung – zu, sodass sie kaum noch musikalisch tätig sein konnte. Deshalb versuchte Smyth sich selbst, so schreibt sie, als Unterhaltungsschriftstellerin, mit spürbarem Erfolg übrigens. Aus diesen sechs Büchern hat die Berliner Anglistin Heddi Feilhauer eine Kompilation erstellt und ins Deutsche übersetzt. Der Titel „Paukenschläge aus dem Paradies“ ist Feilhauers eigene Erfindung, spielt aber an auf Smyths Vorlesung „Weibliches Pfeifen in Eden“ aus dem Jahr 1933, worin sie die Unterdrückung weiblicher Kreativität in der Musik mit wütendem Witz zurückverfolgt bis zu Adam und Eva.
In der High Society des alten Europas
Feilhauers Buch ist ein Spaß an Geist und Stil, eine erfrischende Bereicherung unserer musikgeschichtlichen Kenntnis. Sie bringt das pointierte, teils bissige, teils zarte Englisch von Smyth in ein wundervoll zu lesendes Deutsch. Die Offenherzigkeit der Auskünfte ist jederzeit durch ein unfehlbares Taktgefühl ausbalanciert – in einer Sprache, die Diskretion und Deutlichkeit vereint.
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