Fliegt unsere Nachbargalaxie auseinander?

Fliegt unsere Nachbargalaxie auseinander?

Die zweitnächste Nachbargalaxie der Milchstraße – die Kleine Magellansche Wolke – verhält sich ungewöhnlich. Denn die Sterne dieser Zwerggalaxie kreisen nicht um deren Zentrum, wie für Galaxien normal. Stattdessen bewegen sie sich nach außen und streben in Nord-Süd-Richtung auseinander. Diese zerreißende Bewegung betrifft nicht nur die Außenbereiche der Zwerggalaxie, sondern reicht bis in ihr Zentrum hinein, wie Astronomen ermittelt haben. Was steckt dahinter?

Die Große und die Kleine Magellansche Wolke sind die nächsten Nachbarn der Milchstraße: Die beiden Zwerggalaxien liegen nur 160.000 und 200.000 Lichtjahre entfernt. Mit unserer Heimatgalaxie verbindet sie daher eine enge, nicht immer „friedliche“ Geschichte. Denn wiederholt hat die Milchstraße ihren beiden Nachbarn Sterne, Gas und ganze Sternenströme „gestohlen“. Auch die beiden Magellanschen Wolken beeinflussen sich gegenseitig.

Magellansche Wolken
Die Große und die Kleine Magellansche Wolke am Nachthimmel über Neuseeland. Diese Zwerggalaxien sind die nächsten Nachbarn der MIlchstraße. © Ventz/ iStock

Besonders davon betroffen ist offenbar die Kleine Magellansche Wolke: Schon Anfang 2025 entdeckten Astronomen bei der Bewegungsanalyse von gut 7400 massereichen Sternen in dieser Zwerggalaxie Auffälligkeiten: Ein großer Teil ihrer Sterne kreist nicht um das Zentrum der Kleinen Magellanschen Wolke, sondern bewegt sich nach zwei Seiten auseinander. Die Richtung dieses Auseinanderweichens legte nahe, dass dort Gezeitenkräfte der benachbarten Großen Magellanschen Wolke am Werk sein könnten.

Genauerer Blick auf die stellare Dynamik unserer Nachbarin

Wie weit diese Störung jedoch geht und was dies für die Struktur der Kleinen Magellanschen Wolke bedeutet, blieb aber zunächst unklar. Deshalb haben nun Astronomen um Sreepriya Vijayasree vom Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam (AIP) die stellaren Dynamiken in der Kleinen Magellanschen Wolke noch einmal genauer untersucht. Dafür analysierten sie Daten des VISTA-Teleskops der Europäischen Südsternwarte auf dem Paranal in Chile, die im Rahmen der VMC-Durchmusterung gewonnen wurden.

„Die VMC-Durchmusterung wurde konzipiert, um die Magellanschen Wolken im Infrarotlicht in beispielloser Detailgenauigkeit zu kartieren, sodass wir durch den Staub blicken und Sternpopulationen über einen weiten Altersbereich hinweg untersuchen können“, erklärt Projektleiterin Maria-Rosa Cioni vom AIP. „Die jüngste Veröffentlichung der VMC-Daten erweitert den Beobachtungszeitraum auf insgesamt 11 Jahre und ermöglicht damit wesentlich präzisere Messungen der Sternbewegungen als frühere Studien.“

Störung bis in die inneren Regionen

Die Auswertung dieser Daten ergab, dass die Sternenbewegung in der Kleinen Magellanschen Wolke tiefgreifender gestört ist als zunächst angenommen. Demnach bewegen sich die Sterne der Zwerggalaxie mit im Schnitt 17 Kilometern pro Sekunde in Nords-Süd-Richtung auseinander. Das bedeutet: Hält diese Bewegung an, verlagern sich diese Sterne innerhalb weniger hundert Millionen Jahre um mehrere tausend Lichtjahre – genug, um die Struktur der Galaxie erheblich zu verzerren, wie Vijayasree und ihre Kollegen erklären.

Animation der Sternenbewegung
Diese Animation zeigt die Bewegung der Sterne in der Kleinen Magellanschen Wolke (Animation bei Klick). © ESO/VISTA VMC/ AIP/ S. Vijayasree

Die neuen Analysen zeigen, dass diese Ausdehnung nicht nur am Rand der Galaxie sichtbar ist, sondern auch tief in ihren zentralen Regionen. Selbst im Inneren der Kleinen Magellanschen Wolke kreisen demnach viele Sterne nicht um ihr galaktisches Zentrum, sondern bewegen sich überwiegend radial nach außen. Diese Auffälligkeit ist bei den jüngeren Sternen der Zwerggalaxie besonders ausgeprägt: „In der jungen stellaren Population finden wir keine Hinweise auf eine Rotationsbewegung, nicht einmal in den zentralen Regionen der Galaxie“, schreibt das Team.

Aber auch die älteren Roten Riesen in dieser Zwerggalaxie bewegen sich nicht einfach nur im Kreis: Bei ihnen detektierten die Astronomen eine ausgeprägte Bewegung nach Nordwesten. „Das spricht dafür, dass diese Sternpopulation auf eine ältere Interaktion der Kleinen Magellanschen Wolke vor mehr als zwei Milliarden Jahren reagiert, deren Abdruck in diesen älteren Sternen erhalten ist“, berichten Vijayasree und ihre Kollegen.

Keine geordnete Rotation mehr

Nach Ansicht der Astronomen bestätigen diese Ergebnisse, dass die Kleine Magellansche Wolke starken Gezeitenkräften ausgesetzt ist – und dass sie dadurch eine weit komplexere dynamische Struktur aufweist als bisher angenommen. „Unsere Studie zeigt, dass die inneren Bewegungen der Sterne in der Kleinen Magellanschen Wolke nicht von einer geordneten Rotation dominiert werden, sondern von Gravitationsstörungen“, sagt Vijayasree. „Diese Störungen wurden durch wiederholte Begegnungen mit der Großen Magellanschen Wolke über Milliarden von Jahren hinweg verursacht.“

Die Gravitation der massereicheren Großen Magellanschen Wolke wirkt demnach auf ihre Nachbarin ein und zieht sie allmählich auseinander. Diese Störeffekte wirken bis in Zentrum der kleineren Zwerggalaxie hinein und unterbinden ihre normale Rotation weitgehend. „Die Ergebnisse stellen damit die seit Langem bestehende Annahme in Frage, dass sich die Kleine Magellansche Wolke wie eine rotierende Scheibe verhält“, sagt Vijayasree.

Wird die Zwerggalaxie zerstört?

Was aber bedeutet dies für die Zukunft der Kleinen Magellanschen Wolke? Wird sie eines fernen Tages ganz zerrissen oder von ihrer größeren Nachbarin geschluckt? Nach Ansicht der Astronomen, die das Auseinanderziehen der Zwerggalaxie im Jahr 2025 untersucht haben, ist dies nicht ausgeschlossen: „Die von uns entdeckte unerwartete Bewegung stützt die Annahme, dass diese Galaxie durch die Große Magellansche Wolke allmählich zerstört wird“, sagte damals Kengo Tachihara von der Nagoya-Universität.

Wann die Kleine Magellansche Wolke dieses Schicksal erleidet und ob nicht vielleicht doch noch etwas dazwischenkommt, ist aber ungewiss.

Quelle: Sreepriya Vijayasree (Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam) et al., Astronomy & Astrophysics, 2026; doi: 10.1051/0004-6361/202659431

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