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„Flutkatastrophe: Untersuchungsausschuss tagt im Ahrtal“
In Altenahr zwingen die Felsen den Fluss zum Mäandern. Am Ortsrand erhebt sich ein steiler Berg, um den der Fluss zu normalen Zeiten herumplätschert. In Schlangenlinien bewegt er sich in einer langen Schleife durch das einst so idyllische Langfigtal, um dann direkt hinter dem Felsen in die umgekehrte Richtung weiterzufließen.
Bei der Flutkatastrophe im Juli aber prallte das Wasser gegen den Felsen und nahm eine Abkürzung durch die Tunnels. Es flutete den Straßentunnel bis zur Decke und auch noch die darüberliegenden Eisenbahntunnels – und grub dahinter ein tiefes Loch in den Boden. Die Szenerie ist immer noch dystopisch: Häuser sind ebenso zerstört wie eine Kläranlage, Straßen fehlen.
„Der Tunnel war randvoll“, sagt Georg Wieber, Geologe im Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz. Um ihn herum stehen Abgeordnete des rheinland-pfälzischen Landtags, Mitarbeiter der Landesregierung und Journalisten. Wieber ist als Sachverständiger des Untersuchungsausschusses des Landtags zur Flutkatastrophe im Ahrtal. Der tagt an diesem Montag zum ersten Mal öffentlich.
Im Ahrtal wollen die Abgeordneten ihren Aufklärungswillen demonstrieren. Bei der Sitzung geht es um die geologische Beschaffenheit des Tals, es ist Teil der Beweisaufnahme. „Inaugenscheinnahme“ nennt sich das in der Sprache der Untersuchungsausschüsse. Dafür arbeiten sich die Abgeordneten an diesem Tag Stück für Stück den Fluss hinab.
Station in Schuld
In Schuld steigen sie zum ersten Mal aus dem Reisebus und stellen sich auf eine große Matschfläche. Einst war hier ein Tennisplatz, daneben standen früher Häuser. Hier wird die Sitzung offiziell eröffnet. „Ich trete dann in die Tagesordnung ein“, sagt der Vorsitzende Martin Haller (SPD). Hinter ihm fließt träge die Ahr vorbei.
Dass dieser Fluss Mitte Juli sechs Häuser im Ort wegriss und viele weitere schwer beschädigte, ist kaum mehr vorstellbar. Wenige Tage nach der Katastrophe kam die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch nach Schuld, stapfte durch den Schlamm und beschrieb die Situation als „surreal“ und „gespenstisch“; die deutsche Sprache kenne „kaum Worte“, um eine derartige Verwüstung zu beschreiben.
Die Verwüstung ist immer noch in jedem Ort entlang der Ahr zu sehen. Brücken sind weiterhin zerstört, Häuser teils Ruinen, Gleise fehlen. Zugleich hat sich im Tal viel getan. So sind die meisten Schuttberge verschwunden und Straßen wieder befahrbar. Auf diese Erfolge verweist die Landesregierung regelmäßig.
Und just an dem Morgen, als der Untersuchungsausschuss mitsamt Journalisten in Schuld ist, gibt die zuständige Landeswirtschafts- und Verkehrsministerin Daniela Schmitt (FDP) eine Notumfahrung um den Ort frei – die der Tross dann später nehmen kann. Man komme schnell voran, lässt Schmitt mitteilen. Zufälle gibt es.
134 Personen kamen ums Leben
Die Landesregierung wurde nach der Flut scharf kritisiert. Schließlich hatte es in den Tagen zuvor Warnungen der Wetterdienste vor einem Starkregenereignis gegeben, am Katastrophentag dann aber warnten die Behörden nicht. Dabei brauchte es Stunden, bis die Wassermassen von oben an den Zuflüssen bis hinunter zur Ahrmündung am Rhein kamen – und auch dort starben noch Menschen, die im Schlaf von den Wassermassen überrascht wurden. 134 Personen kamen in der Nacht auf den 15. Juli ums Leben. Mehr als 760 wurden verletzt, viele sind immer noch traumatisiert.
Die Frage, warum nicht gewarnt wurde, steht im Zentrum des Untersuchungsausschusses. Die Abgeordneten haben ihre Arbeit in drei Phasen aufgeteilt, die Chronologie der Flut gab sie vor: Zu Phase eins – der Zeit bis zu Flut – sind die Akten schon bei den Abgeordneten eingetroffen. Entscheidend wird dann Phase zwei sein, die Flutnacht.
In der letzten Phase soll es dann um die Krisenbewältigung gehen. Ankommen wird es dabei weniger auf das Aktenstudium, als auf die Zeugenbefragung und darauf, was die Zeugen zu der Flutnacht sagen. Im Fokus steht dabei das Handeln des damaligen Landrats Jürgen Pföhler (CDU), der für den Katastrophenschutz zuständig war. Von Seiten der Landesregierung müssen sich vor dem Untersuchungsausschuss wohl Innenminister Roger Lewentz (SPD) und die frühere Landesumweltministerin (und heutige Bundesfamilienministerin) Anne Spiegel (Grüne) rechtfertigen.
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